In vielen Familien wird dennoch die Sprache der Heimat gepflegt / Experiment bei Brockmanns klappt

Für Platt ist es „fünf vor zwölf“

Vor vier Jahren: Jette und Hannes mit ihrer Mutter Wiebke starten mit der Zweisprachigkeit.

Von Wieland Bonath · Als Hannes vor fünf und seine Schwester Jette vor vier Jahren geboren wurden, da stand für ihre Eltern fest: Unsere Kinder sollen neben Hochdeutsch auch Plattdeutsch, die ursprüngliche Sprache ihrer Heimat, lernen. Was ist aus den Babys, die demnächst die Schulbank drücken, geworden?

Das Experiment hat geklappt: Jette, Hannes und die stolze Mama unterhalten sich fließend „up Platt“.

Hat der Versuch mit dem Hoch- und Plattdeutsch, parallel von der Wiege an, geklappt? Inzwischen lebt die 29-jährige Wiebke Brockmann mit ihren beiden Sprösslingen nicht mehr in Schneverdingen, sondern in Vahlzen auf dem Bauernhof ihrer Eltern bei Neuenkirchen. Hannes und Jette beherrschen das zweisprachige „Klavier“ perfekt: Sind sie mit Freunden zusammen, wird ausschließlich Hochdeutsch gesprochen. Kommt die Mutter vom Dienst als Hebamme im Kreißsaal des Diakoniekrankenhauses Rotenburg zurück, dann ist für sie ausschließlich Platt angesagt. Die Kinder antworten wie es ihnen gefällt:, einmal so und einmal so ... Stolz präsentiert Jette dem Gast ihr sprachliches Können: „Een, twei, dreei, veeie, fiefe, use Kat hett Lüttsche kreegn. Eene wiete, eene schwatte un eene ganze glatte.“ Und Hannes, der nicht ganz so gern Platt spricht, zieht nach: „Ich komme dieses Jahr in die Schule. Hier, dies ist meine Schultasche.“ Und wie zum Beweis, dass er es auch kann, setzt er nach: „Ick frei mi up de Schaul.“ Ein scheinbares sprachliches Mischmasch, ohne, dass die eine Sprache die andere stört.

Wiebke Brockmann: „Ich möchte gern, dass meine Kinder sich auch in ihrer Sprache zu Hause fühlen. Ich wünsche mir, dass meine beiden Kinder die Sprache ihrer Heimat beherrschen.“ Und überhaupt: Auf Plattdeutsch oder Heidjer Platt, lasse sich viel besser schimpfen. „Schietbüdel“, zum Beispiel, meint die junge Frau, klinge doch eher zärtlich. Auch deutlich geht es, wenn die Mutter der maulenden Jette die Alternativen nennt: „Et giv twee Weech: Entwede du geis noa boben ode inne köck toun molen.“

Plattdeutsch war vor gar nicht so vielen Jahren geradezu verpönt. Wiebke Brockmann wurde in Schneverdingen für ihr Platt von den Mitschülern noch ausgelacht. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert, das Plattdeutsche hat eine Renaissance erlebt, ist geradezu salonfähig geworden.

Wiebke Brockmann ist jedenfalls von dem zweisprachigen Experiment begeistert: „Ich würde es immer wieder so machen.“

Marie-Luise Klindworth (58), die von einem Bauernhof stammt, perfekt Plattdeutsch spricht, damit in der Schule anfänglich ähnliche Probleme wie Wiebke Brockmann hatte und heute Leiterin des Kindergartens Heeslingen ist, hatte vor etwa zehn Jahren die Idee, das Plattdeutsche in den Kindergärten anzubieten. Die anfangs sehr verbreitete Skepsis der Eltern, erinnert sich Klindworth, sei inzwischen in „totale Begeisterung“ gewechselt.

Klindworth, eine der drei Landkreis-Beauftragten für die plattdeutsche Sprache, bedauert allerdings, dass aus den ursprünglich 16 Kindergärten, die ihre Tür für das Niederdeutsch geöffnet haben, inzwischen nur noch knapp zehn geblieben sind.

Sehr aktiv hingegen ist die seit vielen Jahren bestehende Plattdeutsch-AG an der Kastanienschule in Visselhövede. Freiwillig treffen sich dort dienstags nach dem regulären Unterricht 25 bis 30 Mädchen und Jungen im Alter von acht bis zehn Jahren. Den Unterricht erteilen die beiden Lehrerinnen Susanne Euhus und Renate Lüdemann.

Als Handreichung und Grundlage wird das vor Jahren von einer örtlichen Gruppe von Pädagogen erarbeitete kleine Lehrbuch „Rög di“ benutzt. Unterstützt von ihren Eltern und Großeltern sind die Schüler mit Begeisterung dabei.

Allein gelassen, so Susanne Euhus, seien sie in ihren Bemühungen, die plattdeutsche Sprache zu erhalten, nicht. Der Plattdeutsche Verein Visselhövede gehöre zu denen, der die Arbeit finanziell unterstütze.

Inzwischen habe auch der Fabula-Kindergarten unter Heike Netter damit begonnen, mit interessierten Mädchen und Jungen Plattdeutsch zu üben. Allerdings: Für die plattdeutsche Sprache, bedauert Susanne Euhus aus Jeddingen, sei es „fünf vor zwölf“.

Die Pädagogin der Visselhöveder Grundschule fügt erklären hinzu: „Die plattdeutsche Sprache gehört zu unseren Wurzeln. Allein schon deshalb gilt es, diese Sprache unbedingt zu erhalten.“

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