Für 24 Stunden zu Gast im Rotenburger Pflegeheim

Pflegen und pflegen lassen

Bewohner des Seniorenheims Haus Stadtgarten essen Abendbrot
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Die Plätze sind fest vergeben - und doch findet sich auch für den Journalisten noch einer zwischen den Bewohnern des Pflegeheims.

So lange es geht Zuhause bleiben, das wünschen sich die meisten Mensche. Wenn es nicht mehr möglich ist, werden Alten- und Pflegeheime Thema. Unser Autor hat den Selbsttest gemacht und war 24 Stunden im Pflegeheim.

Rotenburg – „Ins Pflegeheim?!?“ Schreckensruf unter Geschwistern, wenn eine feststellt, dass sie der häuslichen Pflege der alt gewordenen Mutter nicht mehr gewachsen ist. Die anderen, aber auch Freunde, Nachbarn, Verwandte fragen ebenso entsetzt nach. Dieser Ausruf des Erschreckens kann aber durchaus auch von Betroffenen selbst kommen. Sie haben mehrfach vergessen, den Herd auszustellen, auch schon mal nicht wieder nach Hause gefunden und nachts den Kaffeetisch gedeckt. Aber ins Pflegeheim? Unser Autor hat sich für 24 Stunden im zum Agaplesion-Konzern gehörenden „Haus Stadtgarten“ in Rotenburg angemeldet. Ein Erfahrungsbericht.

Erster Tag, 9.30 Uhr

Rechtzeitig und wie verabredet finde ich mich ein im „Haus Stadtgarten“, dem neuesten Pflegeheim in Rotenburg (bezogen 2019). Die haben mir nach meiner Anfrage gleich zugesagt. Andere taten sich damit schwerer. Warum auch immer. Christine Kisselt, die Einrichtungsleiterin, empfängt mich. Ein paar wichtige Verhaltensregeln und Absprachen, dann darf ich mein Quartier für einen Tag und eine Nacht beziehen. Es liegt im Obergeschoss, das ansonsten noch nicht belegt ist. Gut 20 Plätze werden hier erst demnächst bezogen. Zwar gibt es reichlich Bedarf, aber nicht genügend Fachpersonal auf dem Markt. Das Haus wirkt sehr groß und großzügig. Ich habe in meinem Leben einige Heime kennengelernt: Jugendheime, Studentenwohnheime, und auch Altenheime sind mir durchaus vertraut, aber eine gewisse Anspannung merke ich doch. „Heim“ hat ja auch was mit „Heimat“ zu tun. Diese ist mir noch fremd.

Michael Schwekendiek zieht ins Altenheim.

10 Uhr

Der „geschützte Bereich“ im Erdgeschoss ist Bewohnern mit Demenz vorbehalten. Treffpunkt scheint hier auf dem Flur zu sein. Einige grüßen freundlich, andere blicken auch nur vor sich hin. Ein Physiotherapeut kümmert sich um eine Frau. Direkt vor der Tür liegt der wunderschöne Garten. „Gerade Demenzkranke haben oft einen großen Bewegungsdrang“, erklärt Christine Kisselt. Dem können sie hier ungestört nachgehen.

10.30 Uhr

Johanna Schlobohm hat heute ihren ersten Tag. Gerade hat die 19-Jährige ihre zweijährige Ausbildung zur Pflegeassistentin an den Berufsbildenden Schulen abgeschlossen. Nun beginnt der Berufsalltag für sie. Das „Haus Stadtgarten“ hat sie sich bewusst ausgesucht. Ihr gefällt vor allem die Atmosphäre hier. Und nicht zuletzt: Ihr Einstiegsgehalt brutto liegt bei gut 2 400 Euro. Kristin Gerling kommt hinzu. Sie ist eigentlich studierte Ingenieurin, seit zwei Jahren aber hier als Betreuungskraft tätig. Mit den Bewohnern bespricht sie, was sie sich in der Woche zum Mittagessen wünschen, ob sie besondere Wünsche haben und erklärt mit großer Geduld, was der fremde Besucher hier macht. Spontan lädt sie zum gemeinsamen Singen ein, holt ihre Gitarre und wir stimmen – mehr oder weniger kräftig – ein: „Hoch auf dem gelben Wagen“, „Dat Du min Leefsten büst…“ – läuft! Meine Tochter hatte vorher schon gemeint: „Wie gut für dich! Da bist du endlich mal der Jüngste.“ Stimmt. Einige stimmen die alten Lieder auch traurig. Erinnerungen an alte, schöne Zeiten. Erinnerungen an Kinder und fröhliche Schulzeiten. Mancher fühlt sich verlassen – trotz aller liebevollen Hinwendung der Mitarbeiter. Und grundsätzlich gilt: Sich pflegen zu lassen ist oft schwieriger als zu pflegen.

11 Uhr

Elfriede Martens ist 97, was man ihr wahrlich nicht ansieht! Seit gut zwei Monaten wohnt sie im „Stadtgarten“ und findet es „wunderbar“. Bis dahin hatte sie 72 Jahre lang in ihrer eigenen Wohnung in Hamburg gelebt. Den Tag verbringt sie mit Handarbeiten und Lesen. Ihre Enkelin wohnt in der Nähe und besucht sie – deshalb der Umzug nach Rotenburg. Nicht alle Bewohner haben dieses Privileg. Manche sind allein geblieben. Andere, so die Pflegekräfte, werden auch allein gelassen.

„Warum haben Sie einen pflegerischen Beruf gewählt?“ Michael Schwekendiek spricht darüber mit Bianca Zorn (l.) und Johanna Schlobohm.

12 Uhr

Mittagessen. Es gibt „Hackbraten mit Rahmsoße“. Mein Tischnachbar, Günter Kniefs (80), ist seit zwei Jahren hier. Er bedauert, dass manche Angebote coronabedingt wegfallen. Da kann der Tag auch schon mal lang werden. Gleichzeitig wird er nicht müde, zu betonen, dass sich die Pflegekräfte „wirklich große Mühe“ geben. So ein Pflegeheim ist nicht günstig, stellt er, ehemaliger Banker, fest: „2 300 Euro Zuzahlung kostet das im Monat. Das können sich nicht alle leisten. Wer hat schon so eine Rente?!“ Im Notfall muss dann das Sozialamt einspringen. Nach dem Essen ist allgemeine Mittagspause. Eine Bewohnerin geht erst einmal auf den Balkon, „eine rauchen“. Ich erfahre später: Sie ist 95.

14.15 Uhr

Übergabe: Im Dienstzimmer der Pflegekräfte treffen sich die erste Schicht (6.30 bis 14.30 Uhr) und die zweite (14 bis 22 Uhr). Besondere Vorkommnisse werden besprochen, die Aufgaben für die Spätschicht verteilt. Der Berichterstatter spürt auch hier das ausgesprochen gute Miteinander im Hause, was ohne Umschweife von allen bestätigt wird. Nichts da mit mieser Stimmung bei überlasteten Pflegekräften.

15 Uhr

Kaffee und Kuchen. Inzwischen fühle ich mich ganz zuhause bei den Bewohnern. Die, die können, erzählen gerne aus ihrem Leben. Betreut werden sie heute Nachmittag von Irmgard Müller. Sie selbst ist 76 Jahre alt, aber arbeitet noch regelmäßig im „Stadtgarten“. „Ich kann das noch und mache das gerne“, betont sie. Außerdem hilft es, die schmale Rente aufzubessern. Die um Jahrzehnte jüngeren Mitarbeiter möchten sie nicht missen. Eine Bewohnerin möchte statt Kaffee lieber Bier zum Nachmittagskuchen. Kriegt sie!

„Wunderbar“, sagt Elfriede Martens, findet sie es hier. Seit zwei Monaten wohnt sie im „Haus Stadtgarten“.

16 Uhr

Auf den Fluren finden sich kleine Gruppen und spielen gemeinsam. Andere bummeln in die Stadt oder lassen sich im Rollstuhl nach draußen schieben. Trotzdem höre ich bei dem Besuch einer Bewohnerin wieder: „Der Tag wird fast immer lang!“ Ohne Frage ein Problem nahezu aller Altenheime. Ein Problem, das Corona noch verschärft. Besucher kommen. Jeder wird übrigens am Eingang auf Corona getestet. Auch die Bewohner und Mitarbeiter müssen sich regelmäßig – trotz Impfung – testen lassen. Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass Covid-19 im „Stadtgarten“ noch nicht aufgetaucht ist.

18 Uhr

Abendessen. Eigentlich sind die Essenszeiten einigermaßen „frei“. Vorbei die Zeiten, wo Bewohner schon vor 17 Uhr langsam für die Nacht „fertiggemacht“ wurden. Heute bestimmt jeder selbst, wann er zum Essen kommt. Jetzt allerdings haben fast alle ihre festen Plätze eingenommen. Es gibt zu allen Mahlzeiten Servicekräfte, die am Tisch bedienen. Die „Wohngemeinschaft Löwenzahn“, zu der ich seit einigen Stunden quasi dazugehöre, fragt den Pressenmenschen ausführlich, was er eigentlich so macht. Nach dem Essen verabschieden sich die ersten mit einem fröhlichen „Gute Nacht“. Um

20.20 Uhr

sind das Esszimmer und alle Flure leer. Hier und da dröhnt noch ein Fernseher laut durch die angelehnte Zimmertür. Die Pflegekräfte sind unterwegs, um denen, die das wünschen oder brauchen, vor der Nachtruhe zu helfen. „Warum so früh?“, drängt sich einem als Frage auf. „Die möchten das so“, antwortet Imke Hoops, Wohnbereichsleitung auf diesem Flur. Mancher möchte vielleicht auch den ohnehin so lang erscheinenden Tag auf diese Weise abkürzen. Einige Bewohner schließen sich über Nacht in ihrem Zimmer ein. Nicht aus Angst. Manches Mal hat sich nächtens schon mal jemand auf dem Flur verirrt und taucht plötzlich im fremden Zimmer auf. Es passierte dann auch schon, dass das eigene Bett belegt war, wenn man ins Zimmer kam.

Der Notarzt war auch kurz da. Ein Bewohner musste ins Krankenhaus verlegt werden. Auch einer der Hausärzte hat noch seine „Runde“ für einen Hausbesuch gemacht.

Wie verbringt man die manchmal lang werdenden Tage? Betreuungskraft Kristin Gerling im Gespräch mit Autor Michael Schwekendiek.

22.30 Uhr

Nahezu alles schläft. Einsam wacht ab nun die Nachtwache: Drei Pflegekräfte teilen sich diesen Dienst im gesamten Haus. Sie gehen durch die Zimmer, fragen oder sehen nach, ob alles in Ordnung sei. Imke Hoops hat eigentlich seit einer halben Stunde Feierabend, muss aber noch „Schriftkram“ erledigen. Sie ist noch immer erstaunlich fit und fröhlich dabei.

22.45 Uhr

Ich ziehe mich in mein Gastzimmer zurück. Von der Größe und der Ausstattung her absoluter Hotelkomfort. Riesiger Balkon. Das Bett ist erstklassig. Aufpassen, dass ich nicht aus Versehen den Notrufknopf berühre oder an der entsprechenden Strippe im Bad ziehe! Nachtruhe.

Zweiter Tag, 6 Uhr

Geweckt werde ich nicht vom Wecker oder gar einer freundlichen Pflegekraft – sondern vom Fahrstuhl! Der rappelt laut und vernehmlich in der Nähe meines Zimmers. Aber man hört auch, dass das Haus langsam erwacht. Ich finde mich eine gute Stunde später im Frühstücksraum ein, wo wiederum alles nach Wunsch serviert wird. Inzwischen kenne ich die meisten Gesichter, die sich ebenfalls nach und nach an ihrem gewohnten Platz einfinden. Der ist fest! Da darf niemand sonst sitzen! Es wird diskutiert, ob ich nicht zu weit außen sitze und außerdem, wie eigentlich das Essen allgemein im Hause sei. Ein Dauerthema in allen Heimen, Krankenhäusern oder Hotels.

8 Uhr

Koffer wieder gepackt, Verabschiedung von den Bewohnern und den Pflegekräften sowie bei Christine Kisselt, der Einrichtungsleitung. Ich habe mich wohl gefühlt in meinem Kurzzeit-Domizil. Manches hat mich überrascht, manches hat mich bedrückt, weit mehr hat mich erfreut. Trotzdem trete ich nun auch gerne wieder den Weg in mein „Heim“ an. Ein paar letzte Fotos – das Abenteuer ist beendet. Spannend war’s in jedem Fall.

Im Pflegeheim - die „ultima ratio“

So gut wie nie hört man: „Ich gehe später ins Pflegeheim.“ Im Gegenteil! Kaum einer rechnet damit, kaum einer will das wirklich. „So lange wie’s geht zu Hause bleiben“, ist die Devise. Verständlich. Und es gibt gute Dienste in der ambulanten Altenpflege, die das möglich machen. Manchmal aber reicht das nicht mehr.

Beeindruckend jene Angehörigen, die sich dann einem „Rund-um-die-Uhr-Dienst“ stellen. Gleichwohl nützt es wenig, wenn schließlich alle kaputt sind. Da bliebe noch die „Schwester aus Polen“, die idealerweise mit im Haus wohnt. Abgesehen davon, dass ausgebildete Pflegekräfte aus Osteuropa schwer zu finden und durchaus teuer sind, muss man sich die Frage stellen, ob es ethisch verantwortbar ist, Frauen aus Osteuropa (weil sie „billiger“ sind) aus ihren Familien oder den dortigen Einrichtungen, wo sie auch gebraucht würden, herauszureißen.

Unsere Pflegeheime sind überwiegend gut! In unserem Landkreis insgesamt recht zahlreich und – verglichen mit Nordrhein-Westfalen – auch noch recht günstig. Sie entlasten Familien, auch Betroffene selbst, und leisten das, was zu Hause fast nie möglich ist. Im „Haus Stadtgarten“ durfte ich dazu erleben, mit welchem tollen Engagement – von der Pflege über die Betreuung bis hin zum Küchenchef – hier gearbeitet wird.

Darum: Mehr Mut zum Pflegeheim und weg mit dem schlechten Gewissen! Pflegeeinrichtungen sind – im wahrsten Sinne des Wortes – die „ultima ratio“. Kommt aus dem Lateinischen und heißt (etwas frei übersetzt): „Die letzte vernünftige Entscheidung“.

Von Michael Schwekendiek

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