Ein Gespräch in der Grafelschule zur aktuellen Situation

Noch viel zu tun

Ein Gespräch auf Abstand im vorbereiteten Klassenzimmer für die Erstklässler, die in anderthalb Wochen zurückkehren: Katja Weße (v.l.), Frank Neumann, Marc Puschmann, Mirja Gathmann und Eike Holsten. Foto: Beims
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Ein Gespräch auf Abstand im vorbereiteten Klassenzimmer für die Erstklässler, die in anderthalb Wochen zurückkehren: Katja Weße (v.l.), Frank Neumann, Marc Puschmann, Mirja Gathmann und Eike Holsten.

Rotenburg – Der Zugang zur Grundschule am Grafel ist genau geregelt: Derzeit benutzt nur eine Klasse den Haupteingang, alle anderen ihre Klassen-Terrassentür. Abstandshalter sind draußen aufgemalt, in der Rotenburger Schule weist ein Einbahnsystem den Weg. Wer auf die Toilette muss, befolgt ein Ampelsystem. In den Klassen herrscht halbe Klassenstärke mit einem strikten Sitzplan, die Räume sind umgebaut. Die Schüler haben die Regeln verinnerlicht, sagt Konrektorin Mirja Gathmann bei einem Ortstermin, bei dem sich Landtagsabgeordneter Eike Holsten (CDU) einen Überblick über die Situation verschaffen möchte.

Auch Frank Neumann als Vorsitzender des Stadtelternrats sowie seine Stellvertreterin Katja Weße sind dabei. Viele Informationen seien zügig von den Lehrern gekommen, sind sich beide einig. Und doch, es gibt ein Aber. Deswegen gibt es einiges zu bereden; Digitalisierung, Unterricht und das Zuhause-Lernen, Notbetreuung, Klassenfahrten und überhaupt: Wie einfach umzusetzen sind die Vorgaben der Landesregierung? „Wir haben sie als Leitfaden gesehen und versucht, viel davon umzusetzen“, meint Schulleiter Marc Puschmann. Es ist eine lange Liste – überfällig in der Bearbeitung mitunter auch ohne Corona.

So steht die Digitalisierung nicht erst jetzt weit oben. An der Ausstattung mangelt es – das hat sich gezeigt. In der Stadtschule sind vor Kurzem Tablets angekommen. Aber: Die Grafelschule verfügt bislang nicht über W-Lan. „Das Glasfaserkabel liegt im Keller“, so Puschmann. Es gab keine Tablets für benachteiligte Schüler, weil die technischen Voraussetzungen nicht gegeben sind. „Es ist ein Fass ohne Boden momentan. Bis wir an was rankommen, sind fünf Konzepte durch.“ Konzept, so ein Wort, das er nicht mehr hören mag. Eine Anbindung an den Schulserver Iserv war ebenfalls nicht möglich. „Es ist auch eine Chance, dass sich die Digitalisierung Bahn bricht“, merkt Holsten an, wenngleich er zugibt, dass Probleme da sind. Momentan schreite vieles mit einer Geschwindigkeit voran, die vor wenigen Wochen undenkbar gewesen sei. Puschmann hofft nun auf das Sofortausstattungsprogramm, mit dem rund 52 Millionen Euro für Niedersachsen bereitstehen werden. Diese Mittel ergänzen den Digitalpakt Schule.

Dazu kommt: Nicht jeder hat einen Internetzugang. Selbst wenn – sind die Eltern im Homeoffice, wird mindestens ein Computer gebraucht. Für die Kinder bleibt, wenn überhaupt, das Tablet oder Smartphone. Nicht ideal. Aber: „Was über den Digitalpakt nicht geht, da muss die Stadt tätig werden“, merkt Holsten an. „Es ist auch eine Frage der Gleichbehandlung.“

Viele Dinge müssen die Schulen zunächst selbst finanzieren. Puschmann hat Seifenspender bestellt, Desinfektionsmittel gibt es nur bei Bedarf. „Gestellt bekommen haben wir nichts“, erzählt er. Auch die Stornokosten für die Klassenfahrten seien ein Hin und Her. Die Landesschulbehörde wird diese übernehmen, erst mal kommt das Geld aber aus dem Schultopf. „Das Budget schrumpft“, so Gathmann. Und: Was machen Eltern freier Schulen wie der Eichenschule? „Die müssen mit reingenommen werden“, so Holsten. Am 15. Juli soll der Nachtragshaushalt beschlossen werden, bis dahin sei abzuwarten.

Auch psychologisch sei die Arbeit mitunter ein Spagat. Wenn zum Beispiel ein weinendes Mädchen vor der Kollegin steht. „Da soll man auf Abstand trösten, das fällt schwer“, so Gathmann. In Arbeitsphasen setzen die Lehrer Masken auf, um zu helfen – auf Abstand. „Es ist eine Herausforderung, nicht auf das Blatt zu zeigen, man zuckt schon mal“, sagt Gathmann. „Wir haben am Anfang viel mit ihnen gesprochen über alles.“ Die Kinder seien dann kreativ geworden, haben Nachrichten in die anderen Gruppen geschickt und ein Spiel entwickelt, dass sie auf Abstand spielen können. Für die verkürzten Pausen gibt es einen strikten Plan, die Klingel ist aus. „Das klappt ganz gut, bei den Größeren besser als bei den Kleineren“, so Gathmann.

Wie es nach den Sommerferien weitergehen wird, ist unklar. Schon jetzt tauchen Raumprobleme auf: Mit der Rückkehr der ersten Klassen werden alle zwölf Räume gebraucht. Die Notbetreuung ist hingegen auf 18 Kinder gewachsen. Wo diese untergebracht werden, muss sich zeigen. Wie die Stimmung in anderen Schulen ist, können die Elternratsvertreter aber nicht berichten, „es gibt wenig Rückmeldungen von den Eltern“, sagt Neumann.

Doch allen ist klar: Einigen Kindern ist das Lernen Zuhause auf Dauer nicht zuzumuten, aus diversen Gründen – manche lernen auch gar nicht. „Die Kinder sind anders wieder in die Schule gekommen“, erinnert sich Puschmann. Je älter sie sind, desto mehr falle das auf. Auch Weße kennt die Probleme; ein älteres Kind braucht Hilfe bei den Aufgaben, das jüngste muss zugleich betreut werden. Puschmann nickt, „ich kann mir vorstellen, dass in manchen Familien der Bär steppt“ – und dass es Kinder gibt, die Rückschritte machen. Nicht jeder sei in der komfortablen Lage, dass ein Elternteil zuhause bleiben kann, gibt Neumann zu bedenken. Wichtig sei daher auch das Thema Geschwisterkinder. Nicht überall könnten diese an denselben Tagen in der Schule sein. Es sind viele Baustellen, an denen Lehrer, Eltern und Schüler arbeiten – und die sie sicherlich noch Monate begleiten werden.

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