„Wir wollen die Menschen ins Blatt bringen“

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Zeitung als Orientierungshilfe: Redaktionsleiter Michael Krüger glaubt an die Zukunft des Lokaljournalismus. ·

Rotenburg - Was macht Lokaljournalismus attraktiv? Brauchen wir in Zeiten von Facebook und Co. eigentlich noch eine Zeitung auf Papier? Und welche Veränderungen sind bei der Rotenburger Kreiszeitung/Visselhöveder Nachrichten in den kommenden Monaten und Jahren zu erwarten? Im Redaktionsgespräch – dem ersten Teil unserer Serie „Interview zum Wochenende“ – stellt sich der neue Redaktionsleiter Michael Krüger den Fragen derKollegen.

Als Rotenburger wechseln Sie nach neun Jahren zurück aus der Politik-Redaktion der Kreiszeitung in Syke in die Lokalredaktion der Kreisstadt. Der Anfahrtsweg ist deutlich kürzer – oder gibt es noch andere Gründe?

Michael Krüger:Mit dem Fahrrad zum Büro ist schon angenehm. Aber natürlich reizt mich vor allem die Aufgabe vor Ort: Das eigentliche Kerngeschäft der Kreiszeitung ist doch das Lokale. Und da gibt es spannende Geschichten in Hülle und Fülle zu entdecken, entgegen aller Kritik am Provinziellen. Der Politik-Klüngel in Hannover, mit dem ich es in den vergangenen Jahren zu tun hatte, zeigt doch, dass auch die Landeshauptstadt nur ein Dorf ist.

Die gedruckte Zeitung wird bald aussterben. Im Internet kann man doch eh alles lesen. Facebook statt Tageszeitung. Die Kritik ist groß: Glauben Sie ans Papier?

Krüger:Ich glaube sogar, dass wir als Journalisten auf dieser Datenautobahn heute mehr denn je als Wegweiser gebraucht werden. Nicht jeder will und kann sich selbst orientieren in der immer größer werdenden Datenflut. Das gilt für weltpolitische Ereignisse wie für lokale. Vor Ort auf kleiner Ebene möglicherweise umso mehr, weil es hier weniger frei zugängliche Quellen gibt. Wer sich seine Informationen per Twitter zusammenstellt, ist zwar schnell, aber nicht ausreichend informiert. Ob die Zeitung allerdings in zehn Jahren noch in Druckform erscheint, vermag niemand zu sagen. Vielleicht gibt es ganz andere Verbreitungswege. Ich persönlich lese die Kreiszeitung fast ausschließlich als E-Paper. So nimmt sie weniger Platz auf dem Frühstückstisch weg.

Was ist die Aufgabe eines Lokaljournalisten?

Krüger:Wir müssen einordnen. Wir müssen nachfragen. Bestenfalls finden wir die eigentliche Geschichte hinter der kurzen Nachricht. Auch wenn wir dabei manchmal jemandem auf die Füße treten müssen. Wir wollen die Menschen ins Blatt bringen, die in der Region leben, und die Geschichten zu erzählen haben. Das ist nicht banal, sondern hochpolitisch.

Wie wird sich denn die Rotenburger Kreiszeitung in Zukunft verändern?

Krüger:Inhaltlich müssen wir uns an unserem eigenen Anspruch messen lassen: mehr Hintergründe liefern, spannende Geschichten finden. Das klappt nicht immer, sollte aber das Ziel sein. Lokalpolitisch wird das Jahr durch die Wahlen am 25. Mai geprägt sein. Eine kritische Begleitung des Wahlkampfes muss der Maßstab sein. Und dann gibt es auch räumliche Veränderungen – durch den vorübergehenden Umzug zu den Verlagskollegen der Rotenburger Rundschau.

Wann wird das soweit sein?

Krüger:Der Zeitplan ist nach den politischen Entscheidungen nun eng gestrickt. Es gibt noch offene Fragen mit einem Mieter im Hause der Kreiszeitung zu klären, aber angepeilt ist ein Umzug im April. Dann beginnt hier der Abriss.

Die Kreiszeitung verlässt ihren Standort?

Krüger:Zumindest für einige Zeit. Wir ziehen wohl bis Herbst 2015 ans Ende der Fußgängerzone am Neuen Markt. Dann wird auf dem geplanten Supermarkt am jetzigen Kreiszeitung-Standort hoffentlich das neue Pressehaus stehen. Eine Etage für die Kreiszeitung, eine für die Rundschau. Alles unter einem Dach. Klar wird sein: Wir werden stets offen stehen für unsere Leser, natürlich auch in der Umzugsphase. Wer uns treffen will, wer uns sprechen will, der ist herzlich eingeladen, in der Redaktion vorbei zu schauen.

Zurück zu Ihnen: Sie sind 36 Jahre alt, in Rotenburg geboren, in Sottrum aufgewachsen und leben seit zehn Jahren wieder in der Kreisstadt. Haben Sie niemals Fernweh gehabt?

Krüger:Hätte es gute Gründe gegeben, die Region zu verlassen, wären wir längst weg. Aber die gibt es meiner Meinung nach nicht. Ich habe als Student in Münster gewohnt, das war wunderbar. Aber wir fühlen uns hier wohl als Familie. Eine Stadt ist toll, aber wenn wir zurückkommen, freuen wir uns auf den Wald: meine Frau und ich zum Laufen, unsere Tochter wegen des Kindergartens dort. Und wenn ein dringendes Bedürfnis zur Flucht besteht, ist der Bahnhof mit besten Anbindungen nach Hamburg und Bremen nicht weit entfernt.

Einige werden Sie noch als Rüpel vom Fußballplatz kennen. Sie kicken für den TV Sottrum. Sind Sie als Redaktionsleiter ähnlich hart im Austeilen?

Krüger:Das müssen die Kollegen beurteilen. Die sollten aber schon festgestellt haben, dass ich die redaktionelle Arbeit noch mehr als Teamarbeit verstehe als einen Mannschaftssport wie Fußball. Dort reicht manchmal der Zufallstreffer eines Solokünstlers, um zu gewinnen. Unsere Leser würden wir damit nicht überzeugen. Und wer sich noch Sorgen um eine Begegnung auf dem Spielfeld macht, der sei beruhigt: Mittlerweile laufe ich lieber einsam durch die Gegend. Da ist die Verletzungsgefahr geringer – für alle Beteiligten.

Wer weiß es besser: Ihre Erfahrung, Ihre Intuition, die Ehefrau oder doch derVerlagsleiter?

Krüger:Schwierige Frage, bei der ich eigentlich nur verlieren kann. Trotzdem sage ich: Meine Intuition bezahlt das Frühstück nicht. Daher stimme ich selbstverständlich mit dem Chef stets überein. Und mit meiner Frau sowieso.

Sie stehen am Anfang einer neuen Aufgabe bei der Kreiszeitung. Was erwarten Sie noch vom Jahr 2014?

Krüger:Am 25. Mai gibt es einen klaren Sieg und eine Überraschung bei den Wahlen in Rotenburg. Namen verrate ich aber nicht. Dann werden wir wieder ein Bundesliga-Basketball-Team in der Kreisstadt haben, der HSV steht am Ende natürlich völlig verdient wieder einmal vor Werder und beim Hurricane Festival treten „Rage Against The Machine“, „Sigur Ros“ und „Endstille“ auf. Das freut mich dann so sehr, dass ich gleich bis zum WM-Titel in Brasilien weiterjubeln werde. Gefeiert wird das natürlich ausführlich mit den zahlreichen neuen und alten Abonnenten unserer Zeitung!

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