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Zwei russische Musiker zu Gast - Musik ist ihre Sprache

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Von: Guido Menker

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Die beiden russischen Musiker Boris Andrianov (r.) und Dimitri Illarionov auf der Bühne des Lucia-Schäfer-Saals. Sie geben eine Zugabe schon vor ihrem Konzert am Abend. Fünf neunte Klassen der IGS sind dabei – und begeistert.
Die beiden russischen Musiker Boris Andrianov (r.) und Dimitri Illarionov auf der Bühne des Lucia-Schäfer-Saals. Sie geben eine Zugabe schon vor ihrem Konzert am Abend. Fünf neunte Klassen der IGS sind dabei – und begeistert. © Menker

Rotenburg – Es ist so eine Art Zugabe schon vor dem großen Konzert am Abend im Lucia-Schäfer-Saal. Am späten Vormittag kommen die beiden russischen Musiker Boris Andrianov und Dimitri Illarionov in die Integrierte Gesamtschule (IGS) Rotenburg. Niels Kruse, künstlerischer Leiter der Rotenburger Konzerte, zieht noch schnell die letzten Strippen und freut sich auf das zusätzliche Gastspiel des Gitarristen Illarionov und des Cellisten Andrianov, die seit 20 Jahren zusammen Musik machen. Fünf neunte Klassen sind an diesem Vormittag eingeladen, diese beiden Ausnahmemusiker live zu erleben – mit einem kleinen Ausschnitt aus ihrem Programm, das dann am Abend folgen soll.

Fünf neunte Klassen sind an diesem Vormittag eingeladen, diese beiden Ausnahmemusiker live zu erleben – mit einem kleinen Ausschnitt aus ihrem Programm, das dann am Abend folgen soll. „Volksmusikalisch bis modern“, sagt Kruse, sei das, was die Jugendlichen erwarte. Er spricht von „Musik für den Frieden“. Die Bühne ist mit gelben und nahezu blauen Blumen geschmückt – als Ausdruck der Solidarität mit den Menschen der vom russischen Angriffskrieg geplagten Ukraine. Blumen für den Frieden – und Musik dazu.

IGS-Leiter Sven Thiemer betont, dass es diese Form der Kooperation mit dem Konzertverein schon länger gebe und diese ganz wichtig sei für die Schüler. „Musik genießt bei uns einen durchaus höheren Stellenwert. Klassische Musik live zu erleben, kennen die meisten Jugendlichen ja nicht aus ihrem Alltag.“ Auch Almuth Fries kommt dazu. Sie leitet den Fachbereich Musik in der IGS. „So etwas ist total wichtig“, sagt sie, während sich die beiden Musiker auf ihren Auftritt vorbereiten. „Von selbst kommen nur die wenigsten Jugendlichen an diese Musik heran.“ Es sei schön, solche Profis hautnah zu erleben.

Ähnliche Kooperationen gibt es auch mit der Grafel-Schule, sagt Kruse, sowie mit dem Ratsgymnasium. Die Begeisterung sei in allen Fällen groß, am Grafel sogar so sehr, dass die Kinder die Gelegenheit stets nutzten, sich mit Autogrammen zu versorgen.

Die IGS bettet ein solches Gastspiel in den Unterricht ein, versichert Almuth Fries. Im Vorfeld habe sie dazu eine Umfrage unter den Schülern gemacht und sie aufgefordert, auf Englisch Fragen an Andrianov und Illarionov vorzubereiten. Fragen, die natürlich auch im Blickfeld des Krieges stehen. Die Jugendlichen, berichtet Thiemer, beziehen ihre Kritik am russischen Vorgehen absolut nicht auf die Russen und damit schon gar nicht auf die beiden Gäste an diesem Vormittag. Illarionov lebt in Deutschland und in Moskau, Andrianov ist in der russischen Hauptstadt zu Hause. „Musiker sind Weltbürger“, wirft Kruse mit ein.

Nein, die Kritik richtet sich an Putin. Ein Mann, von dem Dimitri Illarionov sagt, dass er gar nicht über ihn nachdenken möchte. Boris Andrianov fügt hinzu: „Er sorgt dafür, dass sich die Welt und die Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg jetzt total ändert – es ist eine große Tragödie, vor allem für die Ukraine, aber auch für Russland.“ Er spricht von einem Angriff auch auf die Menschen in Russland, die nicht mehr zu ihrem Leben zurückfinden, wie es vor dem 24. Februar dieses Jahres war. Illarionov hat selbst Verwandte in der Ukraine, und es sei einfach schwer zu sehen, dass dort Menschen sterben. „Ich finde einfach keine Worte dafür.“ Musik ist seine Sprache und die seines Kollegen am Cello. Beide wissen, wie gefährlich es ist, sich kritisch zu äußern. „Aber wir haben eine Position“, sagt der Gitarrist. Angst? „Nur wegen der Menschen, die sterben.“

Diese beiden Musiker sind froh, hier sein zu können. Der Cellist ist kurz vor dem Krieg schon ausgereist, der Gitarrist erst vor zwei Tagen. Sie möchten wieder nach Russland – auch dort wollen sie auftreten, Musik machen.

Doch an diesem Vormittag in der IGS genießen sie es, den Jugendlichen eine Freude zu machen: „So etwas lädt unsere Energie wieder auf.“ Almuth Thies bestätigt, dass die Jugendlichen sehr offen dafür seien, und sie zeigten sich immer begeisterungsfähig, wenn es zu diesen Kooperationsbesuchen kommt.

„Ich war noch nie in einem klassischen Konzert“, flüstert eine Schülerin ihrer Nachbarin ins Ohr. Ein anderer sagt, wie spannend er es findet. Die Schüler sitzen also im Publikum, und sie erleben zwei Typen auf der Bühne, die schon mit den ersten Takten für Gänsehaut sorgen. Selbst der Laie muss erkennen, dass es sich um Profis handelt. Kruse genießt den Auftakt ebenfalls und sagt auch, warum: „Wir müssen was für die Zukunft der klassischen Musik tun. Sie ist mehr als nur Mozart und Beethoven.“ Das erleben auch die Jugendlichen, die beeindruckt und bewegt wirken.

„Wie kann Musik zum Frieden beitragen?“, will eine Schülerin wissen. Dimitri Illarionov sagt, dass es vielleicht eine optimistische Idee sei, aber Musik eine universelle Sprache ist, die Verbindung zwischen den Menschen schaffen und die die Herzen öffnen könne. Am Ende geht’s den Schülern nicht um Autogramme, sondern um Selfies mit den Künstlern und um die Frage nach deren Instagram-Accounts.

Helfen mit Musik – das Ratsgymnasium plant ein Benefizkonzert für die Ukraine

Es geht wieder mehr – auch in Sachen Kultur. Darüber freuen sich nicht nur die Macher im Verein Rotenburger Konzerte, sondern nicht zuletzt auch die, die den Krieg in der Ukraine zum Anlass nehmen, um für die Not leidenden Menschen Geld einzusammeln, mit dem sie unterstützt werden können. Dazu gehört auch der Freundeskreis des Rotenburger Ratsgymnasiums. Der veranstaltet am Donnerstag, 31. März, ab 19 Uhr in der Aula der Schule ein Benefizkonzert, um Spenden für die notleidende Bevölkerung der Ukraine zu sammeln und um in Zeiten der Ohnmacht angesichts der russischen Aggression ein Zeichen gegen den Krieg und damit für den Frieden zu setzen. Das teilt Schulsprecher Niels ten Brink mit.

Geplant ist ein 90-minütiges Konzert, je zur Hälfte gestaltet von Schülers des Ratsgymnasiums sowie der Kreismusikschule. Ratsgymnasiastin Marie Kehrstephan hatte die Idee für das Konzert in die Schule getragen, nachdem sie bei der spontanen Hilfsaktion bei Garten Grewe gleich zu Beginn des Krieges in Osteuropa mitgeholfen hatte. Sie hofft wie alle ihre Mitstreiter, dass sich der Aufwand lohnt: „Wir wollen unseren kleinen Beitrag leisten“, sagt sie. Das Geld, das an dem Abend in den Spendentöpfen landet, soll je zur Hälfte der Ukraine-Hilfe der SOS Kinderdörfer und dem neuen Rotenburger Ukraine-Hilfsfonds zugute kommen. Wie viele Besucher an dem Abend in die Aula kommen dürfen, werde man anhand der aktuellen Pandemielage bekannt geben. men

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