Moorleiche zeitlich eingeordnet

Dr. Stefan Hesse deutet auf der historischen Karte auf die Fundstelle der Moorleiche bei Stemmen hin.

Stemmen - Eine Reihe von glücklichen Zufällen und raffinierten Untersuchungsmethoden sorgten dafür, dass der älteste bekannte Moorleichenfund Niedersachsens jetzt aus seiner grauen Vergangenheit Einzelheiten „erzählte“. Kreisarchäologe Dr. Stefan Hesse (41): „Dadurch, dass wir mit den Textilresten organische Sachhinterlassenschaften hatten, konnten wir die Moorleiche mit naturwissenschaftlichen Methoden datieren. Als Ergebnis kann man die Moorleiche zeitlich in das 3./4. Jahrhundert nach Christi einordnen.“

Dieser winzige Textilrest blieb, um die Moorleiche aus dem Rieper Bauernmoor genau zu untersuchen.

Ein unbekannter Finder entdeckte vor 256 Jahren beim Handtorfabstich in etwa einem Meter Tiefe im Rieper Bauernmoor bei Stemmen die Reste der Moorleiche. Die oder der Tote wurde anschließend in Zeven von „Chirurgen“ genauer untersucht: Handelte es sich möglicherweise um ein Verbrechen? Als man glaubte, das verneinen zu können, wurde das Körperfragment auf oder am Zevener Friedhof beigesetzt.

Nachdem die exakten Akten über den außergewöhnlichen Fund verschwunden waren, schrieb Heimatforscher Hans Müller-Brauel 1911 ein Gedächtnisprotokoll. Fundumstände, die für Dr. Hesse jetzt erste wichtige Informationen über die Moorleiche waren. Die Leiche, von der vermutlich nur die Haut übriggeblieben war, richtete ihr Gesicht nach unten und war von einem Baum oder starken Ast bedeckt. Es war also offensichtlich kein im Moor ertrunkener Wanderer.

War es womöglich eine Bestrafung oder eine Sonderbestattung? Bei der so genannten Wiedergängerfurcht, so der Archäologe, habe bei Personen, die sich im Leben „auffällig“ verhalten hätten, die Angst bestanden, sie könnten nach dem Tod wiederkehren und Unglück bringen. Deshalb das „Gesicht nach unten und eine Sonderbestattung“. Registriert ist weiter, dass der oder die Tote eine Mütze, Lederschuhe und einen kittelartigen Umhang trug.

Die Reste aus dem Moor sind verschwunden – bis auf zwei kleine gewobene Schafwollproben, die Stefan Hesse durch Zufall im Magazin des Bremervörder Bachmann-Museums entdeckte. Reste, die Autodidakt Müller-Brauel einst an den Landwirt und begeisterten Heimatforscher August Bachmann (1893 bis 1983), Bremervörde, Vater von Museumsleiterin Dr. Elfriede Bachmann, übergeben hatte.

Jetzt war der Kreisarchäologe an der Reihe und übergab wenige Fäden seines alten Textilfundes dem Isotopenlabor in Erlangen zur AMS-C14-Analyse. Durch die Untersuchung konnte die Moorleiche in das 3. oder 4. Jahrhundert nach Christi datiert werden. Eine weitere Probe untersuchte die Archäologin Christina Peek M.A. vom Landesamt Baden-Württemberg in Esslingen. Textiltechnisch sei, so die Wissenschaftlerin, die Wollprobe von der Webtechnik her untypisch für den lokalen Bereich, sie gehöre eher zur mediterranen Zone oder in die römischen Provinzen. Folglich stammt die Moorleiche entweder aus den genannten Bereichen beziehungsweise die Technologie für den Kittel oder den Umhang wurde als „Plagiat“ aufgegriffen und nachgearbeitet.

„Der Informationszuwachs, den wir allein durch die Analyse der kleinen Textilfragmente gewinnen konnten, ist enorm“, staunt Dr. Hesse über das Ergebnis seiner Moorleichen-Forschung. Auf der Karte „Kurhannoversche Landesaufnahme des 18. Jahrhunderts durch Offiziere des Hannoverschen Ingenieurkorps 1770/74“ ist nämlich ein „Streitiges Terrain zwischen den Ämtern Rotenburg, Zewen und Haarburg“ hervorgehoben und mittendrin markiert „Wo im Jahr 1754 ein toter Körper gefunden und vom Amt Zewen eingeholet und beerdigt worden.“

Dr. Stefan Hesse hütet einen weiteren unscheinbaren Klumpen: „Leichenwachs“, entstanden unter Luftabschluss im „feuchten Milieu“ und unbekannt, ob es eine menschliche oder tierische Kreatur ist. Der „Leichenwachs“ wurde 1932 von einem Bauern im Kattrepelsmoor bei Barchel gefunden und erst jetzt vom Landeskriminalamt in Düsseldorf untersucht. Die DNA-Analyse, so Hesse, habe zwar zu keinem Ergebnis geführt, gelte dafür trotzdem aber als Aussage.

Die gesamten wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlicht Dr. Hesse in Band 16 der „Archäologischen Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme)“. Das 344 Seiten starke Buch erscheint Mitte Dezember im Handel.

Von Wieland Bonath

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