In Daten nicht festzuhalten: Mario Reich ist zwei Jahre unterwegs

Momente in Millionen Pixel

Das ausgebaute, mobile Heim war stets ein treues Gefährte.

Scheessel - Von Pascal Faltermann · Kann ein Mensch zwei Jahre in Bildern festhalten? Können Gefühle, Stimmungen und Erlebnisse eingefangen werden? Mario Reich aus Söhlingen hat in 24 Monaten den Auslöser seiner Kamera rund 80.000 Mal gedrückt.

Daraus sind etwa 25000 Motive entstanden, die er in Australien, Neuseeland und Asien gemacht hat. Doch er sagt selbst: „Wir wollen uns immer ein Bild machen, etwas in einer Schublade archivieren, aber das geht nicht“.

Ihm geht es ums Leben. Am 30. Mai 2009 startete der gelernte Metallbauer und Industriekaufmann, um mit einem Work-and-Travel-Visum nach Australien zu gehen. Er stieg aus. Er ließ Freunde, Arbeit, Familie und das Zuhause hinter sich. Wie viele andere wollte er ein Jahr reisen. Doch aus einem Jahr wurden zwei. Das Fernweh hatte ihn so richtig gepackt, er blieb irgendwie hängen am anderen Ende der Welt. Und er weiß: All das ist nicht auf einer Festplatte, in Gigabyte oder geschriebenen Worten festzuhalten.

Andere Blickwinkel einfangen in den Stirling Ranges.

Etwa ein halbes Jahr vor dem Abflug beschäftigte sich der 23-Jährige mit dem Gedanken nach Australien zu gehen. „Ich dachte mir ,jetzt oder nie‘, denn sonst wäre Australien wohl immer nur ein Traum geblieben. Australien hatte er schon immer irgendwie im Kopf. Die Frage, ob er nach zwei Monaten vielleicht wieder zurückkehren würde, habe es in seinen Überlegungen nicht gegeben. Ihm sei wichtig, herauszufinden, was im Leben noch so kommt. Er suche nach dem, was er noch nicht kenne. „Ich wollte Erfahrungen sammeln und es ging auch darum, sich selbst auszutesten und sich vielleicht etwas zu beweisen.“ Kurz nach seiner Ankunft in Australien vermutete Reich schon, dass er länger wegbleiben wird.

Von Perth aus erst nach Darwin, dann nach Albany, später die Westküste hoch. Es folgen Adelaide, Melbourne, Tasmanien und Cairns – die Abschnitte sind zahlreich und kaum vollständig aufzuführen. Die Idee war, ein halbes Jahr zu arbeiten und ein halbes Jahr zu reisen. Mit einem Van, den sich der Weltenbummler zu einem Backpacker-Campingmobil mit Bett, Equipment und Mini-Küche ausgebaut hatte, fuhr er durch Australien. Nicht nur auf der 3755 Kilometer langen Strecke von Melbourne nach Darwin hatte er Mitreisende aus den verschiedensten Ländern an Bord. Auf seinen Touren begleiteten ihn beispielsweise Kanadier, Schweizer, Deutsche, Finnen oder auch manch einheimischer Tramper. „Die Leute, die schon länger reisen, erzählen nicht mehr über ihren eigentlichen Job, wie wohlhabend oder wie alt sie sind. Nein, ihnen geht es um den Moment, um das Erlebnis, die Menschen und die Erfahrungen“, erzählt Reich.

Auf den langen Fahrten durch das 7,7 Millionen Quadratkilometer große Land, genoss er viele Sehenswürdigkeiten, hatte viel Zeit zum Nachdenken, zum Lachen und Genießen. Zum Leben. In Mount Isa fieberte er mitternachts beim Fußball-Weltmeisterschaftsspiel Deutschland gegen England mit oder tauchte am Great Barrier Reef einfach ab. Nach Neuseeland verschlug es ihn eine Woche nach dem ersten großen Erdbeben im September 2010. Mehrere Monate verbrachte er in Christchurch und ließ sich auch von den hunderten Nachbeben nicht vertreiben. Wenige Tage vor dem zerstörenden Beben im Februar 2011 verließ er Christchurch glücklicherweise. Einige Highlights: Das Schwimmen mit Delfinen, Skydiving, die atemberaubende Landschaft der Südinsel oder das Fliegen eines Stuntflugzeuges, in dem Reich selbst zu den Loopings und Sturzflügen ansetzte. Auch in Neuseeland lebte der Söhlinger einen Teil der Zeit im Auto und auf Campingplätzen. Er sagt selbst: „Zuhause ist da, wo du deinen Hut hin hängst und der hing nunmal im Auto“.

Nach Indonesien flog er, um dort Freunde wiederzutreffen. „Man lernt ja ständig jemanden interessantes kennen“, so Reich, der in Deutschland als Großhandelskaufmann gearbeitet hatte. Und das ganze Kennenlernen sei im Prinzip eine Kausalitätskette: „Man hätte manche Erfahrungen nicht gemacht oder bestimmte Menschen nie getroffen, wenn man anderen nicht vorher begegnet wäre“. Bali, Lombok und die Gili Islands waren weitere Stationen. Ein Ire in Neuseeland hatte ihm den Rat gegeben, in Semporna (Borneo, Malaysia) tauchen zu gehen. „Es war mein Wunsch, Menschen kennenzulernen, ihre Geschichten zu hören und von ihren Erfahrungen zu profitieren“, so Reich. Die Idee des Iren wurde also umgesetzt. Mittlerweile darf er als sogenannter Dive Master andere Taucher betreuen.

Und nun, nach zwei Jahren, blickt Reich auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurück. Er erklomm Gipfel, ritt auf Wellen, lernte die unterschiedlichsten Kulturen kennen, war klettern, rettete am letzten Tag beim Tauchen mit Freunden einen Wal oder besuchte Kambodscha, Laos oder Singapur. Am letzten Tag in Bangkok fragt sich Reich beim Packen seiner Sachen, um wieder einmal zu einem Flughafen zu fahren und weiter zu fliegen: „Ist es nicht wie immer, nur dass es jetzt nach Hause geht. Nach Hause? Habe ich denn noch eins?“.

Durchs Reisen habe er gelernt, sich zu reduzieren. Er begegne und sehe Menschen nun auf eine andere Art und Weise. „Ich versuche das Leben in unserer stressigen, zeitraubenden und anstrengenden Gesellschaft nun etwas gelassener zu sehen“, so Reich. Er wolle sich weniger Gedanken machen, mehr leben und viel mehr lachen. Er wird ein Fotobuch erstellen. Ob dieses aber all seine Erinnerungen festhalten kann ...

Auf die Frage, ob das Reisen nicht auch viel verlorene Zeit gewesen sei, was Produktivität und sozialen Status angehe, sagt er: „Das spielt doch keine Rolle. Nach der verlorenen Zeit beginnt schließlich die Zukunft.“

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