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Lützerath: Der Rotenburger Klaas Steffen über seine Erfahrungen als Demonstrant

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Von: Andreas Schultz

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Klaas Steffen
Klaas Steffen erzählt von seinen Erlebnissen bei Demonstrationen im nordrhein-westfälischen Lützerath. © Schultz

Lützerath ist für viele Aktivisten der Klimabewegung zum Symbol geworden. Einer davon ist Klaas Steffen. Der Rotenburger war vor Ort, als die Großdemonstration das Abbaggern des Dorfs unterbinden wollte. Er erzählt von Polizeigewalt und seiner Sicht auf legitime Protestformen.

Rotenburg – Klaas Steffen ist mit einem blauen Auge davongekommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Demonstrationen in Lützerath – er war dabei. Als im Rahmen der Großveranstaltung am 14. Januar Teilnehmer in fünfstelliger Zahl am Tagebau gegen den Abriss des nordrhein-westfälischen Dorfes und den dortigen Abbau von Kohle protestierten. Als Pfefferspray die Luft schwängerte und schließlich Matsch und Fäuste flogen. Fünf Tage machte der 26-Jährige das emotionale Auf und Ab am „größten Loch Europas“ mit, wie der Rotenburger den Tagebau von RWE nennt.

Trauriger Höhepunkt für den Sozialarbeiter, der aus Sorge vor Repressalien nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, ist und bleibt das Geschehen am Samstag. Dabei begann die Demonstration eher beschaulich. Als sich der große Demozug mit seinen – laut Veranstalter – rund 35 000 Menschen von Keyenberg in Bewegung setzte, war es noch vergleichsweise ruhig. Es ging über die Felder, das Panorama gab den Blick auf den Braunkohletagebau und schließlich Lützerath frei. „Das war ein merkwürdiges Gefühl, so ein totes Dorf zu sehen“, sagt Steffen.

Schaufelradbagger Lützerath
Einer der überdimensionierten Schaufelradbagger, fotografiert vom Rande des Tagebaus in Lützerath. Dass es davon vor Ort nicht einen, sondern acht geben soll, erstaunt den Rotenburger. © Privat

Noch merkwürdiger kam ihm das Aufeinandertreffen von Demonstranten und Polizisten vor, zum Beispiel als sich eine Gruppe vom großen Demonstrationszug löste und ihren Weg in Richtung Lützerath fortsetzte. „Die Polizei hat dann versucht, die Gruppe aufzuhalten, und hat dabei wahllos mit Pfefferspray um sich gesprüht“, schildert der Teilnehmer seine Sicht der Dinge. Eine Reiterstaffel habe eingeschüchtert, forscher gingen allerdings Beamte in voller Schutzmontur vor, die laut Steffen Knüppel und Fäuste haben sprechen lassen.

Wenig bis keine offizielle Kommunikation vonseiten der Ordnungshüter, dafür viele einzelne Polizisten, die an der Grenze zum RWE-Grund aggressiv gebrüllt haben sollen, beklagt der Rotenburger. Sätze wie „verpisst euch, sonst gibt es auf die Fresse“, sollen sie vielfach gerufen haben. Steffen schildert ein Aufeinandertreffen so: Eine Gruppe Aktivisten habe einen Erdwall übertreten, der die Grenze zum Grundstück des Energieversorgungskonzerns anzeigt. Beamten sollen daraufhin in geordneten Gruppen von 25 bis 30 Mann und gezogenen Schlagstöcken auf die Aktivisten zugestürmt sein – und auch dann noch auf Rücken und in Kniekehlen eingeschlagen haben, als sich die Demonstranten über den Erdwall zurückziehen wollten.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Einsatzkräfte sollen bewusst auf Hälse und Köpfe eingeschlagen und so schwere Verletzungen in Kauf genommen haben. Auch Steffen selbst bekam zwei Schläge ins Gesicht bei einer solchen Konfrontation ab: Ein blaues Auge bleibt zurück, Fotos zeigen den frischen Bluterguss.

Klaas Steffen zieht sich bei einem Zusammentreffen mit Einsatzkräften ein blaues Auge zu.
Klaas Steffen zieht sich bei einem Zusammentreffen mit Einsatzkräften ein blaues Auge zu. © Privat

Beim Gespräch mit der Kreiszeitung lässt eine eher unauffällige, aber rote Stelle die heilende Verletzung erahnen. Ansonsten wirkt der 26-Jährige lediglich etwas verschnupft, was die letzten Überbleibsel von vier Nächten im Zelt bei niedrigen Temperaturen sein dürften. „Nachts war die Decke vom Zelt sogar gefroren“, sagt er erheitert. Ansonsten ist er wieder voll im Modus, spricht begeistert von der Gemeinschaft der Demonstrierenden, gefasst vom erlebten Auftreten der Polizei.

Sich mit dem Anliegen der Klimagerechtigkeitsbewegung gemein machen, sich mit den Teilnehmern solidarisieren, selber sehen, was passiert: Das war die Motivation des Rotenburgers, sich den Aktivisten in Nordrhein-Westfalen anzuschließen. „Und natürlich Widerstand zu leisten, damit das Dorf nicht abgebaggert wird“, fügt er hinzu. Mit zwei Freunden war er angereist, beide fuhren noch am Samstagabend zurück. Steffen blieb noch ein paar Tage.

Einer Organisation wie „Fridays for Future“ oder „Letzte Generation“ gehört der Rotenburger nicht an – es ist privates Interesse, das ihn nach Lützerath trieb. Mit „Klimaklebern“, wie manche Aktivisten teils abwertend genannt werden, macht sich der 26-Jährige nicht gemein – distanzieren möchte er sich trotzdem nicht. „Ich würde mich selbst nicht irgendwo festkleben, aber abgrenzen will ich mich auch nicht“, sagt er.

Ich würde mich selbst nicht irgendwo festkleben, aber abgrenzen will ich mich auch nicht.

Klaas Steffen über die Letzte Generation

Mit den legitimen Formen des Protests ist es für ihn so eine Sache: Ziviler Ungehorsam ja, aber Schaden, egal ob an Sache oder Mensch, würde er nicht verursachen wollen – nicht „sein Stil“. Sein Kompass für einen guten Protest ist klar ausgerichtet: Er ist gewaltfrei. Sitzsperre, passiv bleiben, das Wegtragen durch Beamte nicht zu leicht machen zum Beispiel: „Friedlicher Protest ist am sinnvollsten. Man muss auch bedenken, dass die Polizei auch nur ihren Job macht. Der Gegenstand des Protests ist ja nicht die Entscheidung der Beamten gewesen“, wägt Steffen ab. Wenngleich er sich nicht groß darum kümmert, wie sich andere Demonstranten verhalten, würde er eigenem Bekunden nach wohl einschreiten, wenn diese massiv gewalttätig werden. Aber das ist alles Theorie: Das Schlimmste, was er in Sachen Demonstrantengewalt beobachtet hat, war geworfener Matsch.

Matsch, unter dem aus Sicht des Unternehmens RWE ein Rohstoff ruht, den es abzubauen gilt. Die meisten Studien würden zeigen, dass die Kohle unter Lützerath ohnehin nicht gebraucht werde, argumentiert hingegen Steffen. Der Klimawandel sei akut, gegenzusteuern eine Sache der Gegenwart – womit er im Prinzip der Argumentation widerspricht, das Problem sei eines von Kindern und Kindeskindern: Die Lage sei dringender. Auch und gerade in Lützerath.

Mönch von Lützerath
Schubsen gilt nicht – der viel beachtete „Mönch von Lützerath“ hat es mit den Regeln des gewaltfreien Protests nicht so genau genommen. © privat

In der Sache hatte Steffen viele Gleichgesinnte vor Ort – und die haben dafür gesorgt, dass der Rotenburger nicht nur die schlimmen Erlebnisse vom unverhältnismäßigen Vorgehen der Polizei schildert. Wenn Steffen vom gut organisierten Ausweichcamp in Keyenberg spricht, leuchten seine Augen. Das dortige Miteinander der Aktivisten hat es dem 26-Jährigen angetan: „Da gibt es eine schöne Atmosphäre, sehr angenehm, harmonisch und rücksichtsvoll“, sagt er. Im Camp passt man aufeinander auf, man tauscht sich aus, auch und gerade über die Erlebnisse beim Demonstrieren, die emotionale Blessuren hinterlassen. Dafür gebe es vor Ort auch Kümmerer, die sich zuvor in kurzen Workshops ausbilden lassen. Man baut einander auf, Alleingänger organisieren sich in kleinen Bezugsgruppen, wenn man allein angereist ist, man hat sich im Blick. Und man rüstet sich mental – zur Not auch physisch am Tauschkiosk mit zusätzlichen Decken, wie Steffen es nach der ersten Nacht gemacht hat: „Es war wirklich verdammt kalt.“ Da schadet es sicher nicht, wenn es zwischenmenschlich etwas wärmer ist – solange es im klimaverträglichen Bereich bleibt.

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