Angesichts der hohen Mietpreise wächst die Zahl derer, die in Rotenburg keinen bezahlbaren Wohnraum finden

Jung, ledig, obdachlos

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André H. in seinem Doppelzimmer.

Rotenburg - Von Matthias Berger. Während die Stadt neue Baugebiete plant und vielerorts barrierefreie, klimagerechte Wohnungen entstehen, nimmt die Wohnungsnot in Rotenburg immer größere Ausmaße an. Pläne, 500.000 Euro für die Bezuschussung des sozialen Wohnungsbaus in den Haushalt 2014 einzustellen, hat der Stadtrat bis auf weiteres vertagt.

Barbara May (l.) und Wiebke Sprung bieten im Straßenfeger an der Goethestraße eine Anlaufstelle für Obdachlose.

Betroffen von der Obdachlosigkeit sind immer häufiger Jugendliche. So wie André H. Seine Leidensgeschichte beginnt, als er drei Jahre alt ist. Besuch im Haus Hemphöfen, eines der drei Obdachlosenheime in städtischer Hand. Zehn Menschen wohnen derzeit in dem unscheinbaren Haus. Die Einzelzimmer sind 7,5 Quadratmeter groß. André H. wohnt in einem Doppelzimmer, zurzeit hat er zwölf Quadratmeter für sich alleine. Von Luxus kann jedoch keine Rede sein. Zwei ausgemusterte Bundeswehrbetten dienen als Schlafgemach, das Fenster ist undicht, notdürftig mit einem Kissen versiegelt. Darunter wuchert der Schimmel. Trübe Aussichten für André H., der mit 19 Jahren wenig Hoffnung hat, dass sich sein Leben zum Guten wendet. Eigentlich sind Obdachlose angehalten, sich schnell eine eigene Wohnung zu suchen. Nach Angaben der Leiterin des Amtes für Jugend und Soziales sei dies in Rotenburg jedoch „fast aussichtslos“. Elke Bellmann: „Zum einen sind die Mietobergrenzen für Hartz-IV-Empfänger sehr niedrig, zum anderen will kaum jemand an diese Personen vermieten.“ Einige wohnen seit mehr als zehn Jahren im Haus Hemphöfen.

Auf die Frage, wo er sich in zehn Jahren sieht, antwortet André H.: „Mit einer Kugel im Grab, die ich mir selbst gegeben habe. Ich werde nicht 30 Jahre alt in diesem Ding hier. Ich habe dann genügend negative Erfahrungen gesammelt.“

Die Hausmeisterin putzt die spartanische Küche im Haus Hemphöfen. 

Wer seine Eltern sind, weiß André H. bis heute nicht. Mit drei Jahren kommt er bereits zu seinen zweiten Pflegeeltern – der Beginn seines Leidensweges. Mit seinem Pflegevater versteht er sich gut, er betrachtet ihn noch heute als Vorbild. „Er hat alles, was ich mal erreichen möchte. Er ist erfolgreich, hat ein Haus, schöne Autos. Nur bei der Wahl seiner Frau hat er in die Pampe gehauen.“ Auf das Verhältnis zu seiner Pflegemutter angesprochen, antwortet André H.: „Sie ist eine schlaue Frau. Ich hasse sie über alles.“ Er berichtet von den unmenschlichen Bestrafungen, die er als Kleinkind erleiden muss, während sein Pflegevater auf der Arbeit ist. Warum sie ihm das angetan hat? André H. stellt eine Gegenfrage: „Warum hat das Jugendamt nichts unternommen?“

Mit zwölf Jahren wandern seine Pflegeeltern nach Frankreich aus, André H. wird ins Internat nach Bad Oeynhausen „abgeschoben“. Neben sporadischen Telefonaten verbindet ihn mit seiner Pflegefamilie nur die Opferentschädigungsrente, die er als „Ausgleich“ für seine Qualen bis heute erhält.

2010 kommt André H. ins Kinderheim Kirchwalsede. Vorwürfe, er hätte Kindern Alkohol und Drogen verkauft, führen dazu, dass er in eine Außenwohnung nach Rotenburg verlegt wird. Mit 17 Jahren auf sich allein gestellt, ist der Jugendliche damit überfordert, sein Leben zu organisieren. Von der Heimleitung fühlt er sich im Stich gelassen. Ein Vormund bezahlt aus der Opferentschädigungsrente die Miete und überweist ihm monatlich 250 Euro für den Lebensunterhalt. Als ihn mit 18 auch sein Vormund aufgibt, dauert es drei Monate, bis André H. auf der Straße landet. Das Urteil lautet: Zwangsräumung.

Nach Angaben von Sozialamtsleiterin Bellmann landen viele Menschen im Obdachlosenheim, weil sie die Miete nicht mehr gezahlt oder den Hausfrieden gestört haben. Der Vermieter reicht Räumungsklage ein. Ein Gerichtsvollzieher veranlasst die Zwangsräumung. Das Sozialamt wird im Vorfeld über das Verfahren informiert.

André H. gibt offen zu, dass seine Wohnung „am Ende nicht besonders toll aussah. Aber was erwartet man denn, wenn die Sachen über einen hinaus wachsen? Ich wurde ohne Hilfe allein gelassen. Und dann wundert man sich, dass ich nicht in der Lage bin, mich um die Wohnung zu kümmern, zu kochen, zu waschen und in die Schule zu gehen.“

Beim Straßenfeger an der Goethestraße sind solche Fälle bekannt. Die Einrichtung des Herbergsvereins berät Obdachlose bei der Wohnungssuche. Nach Angaben der Sozialarbeiterin Wiebke Sprung hat der Anteil der Jugendlichen ohne Obdach zugenommen. „Es sind oft junge Menschen, die in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht sind. Mit 18 werden sie dann mit einem kleinen Köfferchen vor die Tür gesetzt. Die machen sich das ganz schön einfach.“

Die Stadt vermittelt André H. einen Platz im Haus Hemphöfen. In dem Obdachlosenheim wohnen laut Bellmann häufig Männer, „deren Familien kaputt gegangen sind und die in der Folge Alkoholprobleme bekommen. Einige schaffen es nicht, da wieder heraus zu kommen“. Der Alkohol ist laut Bellmann auch einer der Gründe, warum es „zweckmäßig“ sei, Asylanten und Obdachlose in getrennten Häusern unterzubringen. Wie belastend die Wohngemeinschaft mit Alkoholikern sein kann, weiß auch André H.: „Ständige Volltrunkenheit ist hier bei einigen Standard. Ein Mitbewohner leert seine Fäkalien in der Spüle aus. Und darin spülen wir dann.“

Neben dem Haus Hemphöfen betreibt die Stadt zwei weitere Obdachlosenheime am Kesselshofkamp und am Birkenweg. Der Herbergsverein unterhält zudem das Birkenhaus mit sechs Schlafplätzen für durchziehende Wohnungslose (Berber) und sieben „Übergangswohnungen“, in denen Berber untergebracht sind, die nicht mehr weiter ziehen wollen oder können. Finanziert wird das Birkenhaus vom Land und der Stadt, die jährlich über 20 000 Euro zuschießt.

Die Übergangswohnungen sind eigentlich als Brücke gedacht, bis eine Wohnung gefunden wird. Laut Sozialarbeiterin Barbara May bleiben die meisten aber länger als ein Jahr im Birkenhaus, weil sie nichts anderes finden. „Derzeit sind alle Plätze belegt. Wir müssen oft sagen, dass nichts mehr frei ist und wir nur einen Schlafplatz für eine Woche anbieten können.“

Die Sozialarbeiterinnen des Herbergsvereins waren deshalb vor zwei Wochen bei Bürgermeister Detlef Eichinger, um über Lösungen für das Problem zu diskutieren. „Die Politik ist gefordert, sozialen Wohnraum zu schaffen. Gebaut wird genug in der Stadt, aber nicht für diesen Personenkreis“, erklärt Sprung. „Wie weit die Unterstützung geht, muss man sehen. Ich bin da erstmal verhalten.“

Um den sozialen Wohnungsbau zu forcieren, hatte die Stadtverwaltung die Idee eingebracht, Investoren über Zuschüsse dazu zu motivieren, Wohnungen zu günstigen Mieten anzubieten. Insgesamt waren 500 000 Euro dafür vorgesehen. Ein Investor sollte für maximal 15 Wohnungen einen Zuschuss bekommen und sich im Gegenzug dazu verpflichten, die Miete auf fünf Euro pro Quadratmeter zu begrenzen. Der Fachausschuss hatte sich jedoch dafür entschieden, zunächst abzuwarten, ob die neue Bundesregierung Mittel zur Verfügung stellt. „Die Große Koalition hat in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass der soziale Wohnungsbau gefördert werden soll“, erklärt Kämmerer Hans-Joachim Bruns. Bis dahin heißt es abwarten.

Dabei sind die Kapazitäten der Rotenburger Obdachlosenheime nach Angaben der Sozialamtsleiterin fast ausgeschöpft. „Wir sind als Stadt froh, dass wir diese Liegenschaften haben“, sagt Bellmann. „Aber wie lange das noch ausreicht, weiß ich nicht. Wir sind bereits an der Grenze.“ Zugenommen hat laut Bellmann vor allem die Wohnungsnot Jugendlicher. Das Problem sei häufig, dass sie keinen Ausbildungsplatz hätten und ihnen die gefestigten Verhältnisse fehlten.

Eine Beschreibung, die auch auf André H. zutrifft. Der bringt sein Dilemma auf den Punkt: „Um eine Wohnung zu bekommen, brauche ich einen Job. Um einen Job zu bekommen, brauche ich eine Wohnung. Diese Adresse ist in der Stadt bekannt. Wenn man die bei der Wohnungssuche angibt, sind die Chancen noch schlechter, als wenn man einfach Hartz-IV-Empfänger ist. Ich suche seit vier Monaten eine Wohnung, besichtigt habe ich erst eine – und direkt eine Absage gekriegt.“

Wer mit André H. spricht, merkt schnell, dass es ihm nicht an Intelligenz mangelt. Sein einziger nennenswerter Besitz, den er mit ins Haus Hemphöfen gebracht hat, ist ein selbst zusammengebauter Computer. Sein Opa, der als Ingenieur bei Intel gearbeitet hat, habe ihm gezeigt, wie das geht. Sein Traumberuf ist Spieleentwickler oder Programmierer, erzählt André H. „Ich will nicht nur am Rechner sitzen, sondern kreativ sein. Das man nicht weiß, was morgen kommt, das macht das Leben lebenswert – oder?“

Dem Anflug von Begeisterung folgt Ernüchterung. Denn Chancen rechnet sich André H. nicht aus. Dafür sei sein Realschulabschluss zu schlecht. Die Berufsschule habe ihn nicht genommen, für die Abendschule fehle ihm das Geld.

Deshalb strebt André H. nun eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann im Elektroniksegment an. Er habe im vergangenen Jahr 200 Bewerbungen geschrieben. In Aussicht hat er bisher nichts.

Der Frust ist ihm deutlich anzumerken. „Irgendwann vergeht einem die Lust aufzustehen.“ Vor den Demütigungen des Alltags flüchtet André H., in dem er Computer spielt – 15 Stunden täglich. „Mein Leben findet in der virtuellen Welt statt. Dort bewege ich etwas“, sagt er, während er sich eine Zigarette dreht. „Wenn ich an die Zeit im Internat zurückdenke, war das im Nachhinein gar nicht so schlecht. Was würde ich dafür geben, nochmal Kind zu sein, mich um nichts kümmern zu müssen und einfach nur zur Schule zu gehen.“ André H. zündet sich die Zigarette an und blickt auf das muntere Treiben, das sich vor seinem Fenster abspielt. Auf dem Nachbargrundstück ist ein Kindergarten.

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