Torfrock-Sänger Klaus Büchner über sein erstes Autokonzert

„Kritik prallt seit jeher ab“

Auf der Bühne ist Klaus Büchner zuhause – seit 43 Jahren singt er bei Torfrock – wie hier bei der Bagaluten-Wiehnacht 2017 in Hamburg.  
Foto: imago images/Chris Emil Janßen
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Auf der Bühne ist Klaus Büchner zuhause – seit 43 Jahren singt er bei Torfrock – wie hier bei der Bagaluten-Wiehnacht 2017 in Hamburg. Foto: imago images/Chris Emil Janßen
  • Michael Krüger
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Rotenburg – Klaus Büchner hat eigentlich alles erlebt. Der 72-Jährige, einst Schlagerbarde, aber hauptberuflich Sänger der Band Torfrock, stand schon auf allen wichtigen Bühnen der Nation. Am Sonnabend, 27. Juni, gibt es aber für ihn und seine Band eine Premiere: Torfrock spielen in der „Autodisco Rotenburg“ im Gewerbegebiet Hohenesch ihr allererstes Autokonzert. Wir haben nachgefragt.

Torfrock haben ja schon mehrere Konzerte gespielt...

So einige waren das schon, richtig.

Ein Autokonzert gab es aber noch nie. Was erwarten Sie?

Gar nichts. Ich habe überhaupt gar keine Vorstellung, was da passiert. Wir treten auf vor dem Inhalt mehrerer Autos. Mehr weiß ich da nicht. Ich lass mich überraschen.

Muss man da eine andere Show machen? Bereiten Sie sich anders vor?

Nö. Torfrock bleibt Torfrock. Weil ich auch gar keine Vorstellung davon habe, weiß ich auch nicht, was man für Autos ändern muss. Wir treten einfach auf und hoffen, dass es den Leuten gefällt. Uns wird es auf jeden Fall gefallen.

...weil Sie das Live-Spielen vermissen?

Ja. Unter anderem auch den Verdienst, selbst wenn man das als Künstler nicht sagen darf.

Ist die Zeit ausfallender Konzerte denn für Torfrock auch ein Problem? Sie sind ja lange im Geschäft, da haben Sie doch gut vorgesorgt.

Ja, sicherlich. Ich habe noch Polster, aber längst nicht alle. Es geht ja auch um die Techniker, die Mitarbeiter. Die meisten Musiker haben gar nicht die Möglichkeit, große Rücklagen zu bilden. Die, die es geschafft und ausgesorgt haben auf dem deutschen Showmarkt, von Volksmusik über Schlager bis zu Metal, sind vielleicht zwei oder fünf Prozent. Alle anderen werden langsam ausgelutscht vom Virus.

Es stehen vier oder fünf auf der Bühne, aber zum Geschäft gehören viel mehr Leute.

Bei Torfrock sind wir mit Technikern zu neunt, davon vier Musiker. Dazu Beleuchter, Mischer, Backliner. Da geht es nicht allen so gut.

Wie viele Konzerte haben Sie in Ihrem Leben gespielt?

Das weiß ich nicht. Zählt das jemand? Kann man sich aber ausrechnen: 43 Jahre Torfrock, im Schnitt 50 bis 60 Auftritte pro Jahr.

Funktioniert Torfrock immer und überall?

Immer und überall nicht, aber wir probieren das auch gar nicht aus. Wir sind ein norddeutsches Thema. Hin und wieder sind wir auch im Süden, in Mainz zum Beispiel auf dem Stadtfest, da haben wir auch Erfolg – ich bilde mir ein, weil sie uns mögen, es kann aber auch daran liegen, dass es eine Rolle spielt, dass man dort keinen Eintritt zahlen muss.

Also gibt es eine klare Torfrock-Grenze?

Ja. Wir gehen auch nicht das Risiko ein, es dort unten zu versuchen. Es sei denn, es findet sich ein Veranstalter, der sich traut. Uns reicht das aber. Niedersachsen bis Osnabrück, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, das reicht. Das wussten wir aber auch vorher, wir sind ja eine Dialekt-Gruppe, wenn man so will. Da kann man nicht erwarten, dass man damit in die Welt hinausgeht.

Wenn Sie ans Autokonzert denken: Sollen wir vor der Bühne Hupen, Blinken oder den Motor heulen lassen vor Begeisterung?

Mit dem Scheibenwischer winken bringt ja nicht viel. Ich bin dann eher für Hupen, und ich hoffe, dass die Besucher uns nicht ins Konzert hineinhupen. Sonst zahlen sie ja ihr Eintrittsgeld, um sich hupen zu hören. Das wäre ja auch nix.

Was macht ein Musiker, wenn es keine Konzerte mehr gibt?

Dann bereitet er sich vor. Ich habe ja nebenher noch eine andere Baustelle, das nennt sich „Hanebüchner“ – meine Gedichte. Da bereite ich mich vor auf einen neuen Teil. Proben müssen wir mit Torfrock nicht mehr viel. Wir werden vor dem Konzert einmal unser Programm durchspielen, weil wir ja lange nicht mehr aufgetreten sind, um ein besseres Gefühl beim Zusammenspiel zu haben. Wenn ich aber jetzt noch irgendwelche Torfrock-Texte vergessen würde, die ich teilweise seit 43 Jahren kenne, dann müsste ich mich mal drum kümmern, ob ich nicht langsam der Demenz erliege.

Sie könnten das 20. Torfrock-Album veröffentlichen...

Könnten wir machen, wenn wir es schaffen. Aber es ist nichts in Planung, weil unser Raymond (Voß, Gitarrist) immer noch krank ist. Wir haben auch festgestellt, dass es sich lohnen muss. Ein Album zu produzieren kostet viel Geld. Wir haben so viele Lieder, die die Fans hören wollen, da bleibt gar nicht viel Platz, um Neues vorzustellen, wenn das Programm nicht langweilig werden soll. Wir werden das ein oder andere Lied wieder veröffentlichen, aber ein neues Album oder gar Konzept-Album ist irgendwie nicht in Planung.

Raymond steht auch weiter nicht auf der Bühne?

Nein, das geht leider nicht. Wir warten und hoffen, dass sein Herz wieder so arbeitet, dass die Ärzte ihm nicht davon abraten.

Die Bagaluten-Wiehnacht ist ja für viele wichtiger als der Kirchgang zu Weihnachten. Macht so eine Routine noch Spaß? Und wird es die 2020 geben?

2020 wird schwierig – Corona. Es kann sein, dass wir dann noch nicht wieder auftreten dürfen. Wir bekommen unser Torfrock-Publikum auch nicht dahin, Abstand zu halten oder Mundschutz zu tragen. Beim Torfrock-Konzert wird fröhlich getrunken und sich in den Armen gelegen. Ich sehe da nicht direkt schwarz, wohl aber etwas dunkel.

Muss man bei Torfrock Bier trinken?

Muss man nicht, aber tut man.

Das wird in der Autodisco schwierig, zumindest für einen Teil des Publikums.

Da müssen sie mit klarkommen. Ich hoffe, dass es, wie auf dem Land üblich, so sein wird: Der Fahrer trinkt nix oder behauptet es zumindest. Die anderen können ja ruhig einen lutschen im Auto.

Wo wir gerade beim Thema Alkohol sind. Darf man heutzutage „Wir saufen den Met, bis keiner mehr steht“ noch singen?

Wir tun es einfach, hat uns noch keiner verboten. Und Kritik prallt seit jeher an uns ab. Schlechte Kritik begrüßen wir sogar, das festigt den Fankreis.

Ist Ihnen je ein Lied peinlich gewesen?

Nee. Ich wüsste auch nicht, warum. Wir sind für guten Geschmack ja sowieso nicht bekannt. Es wird einfach fröhlich gesungen.

Wie oft singen Sie noch „An der Nordseeküste“?

Gar nicht, das war ja die andere Baustelle „Klaus und Klaus“.

Auch nicht unter der Dusche oder beim Rasen mähen?

Nö. Meine eigenen Lieder singe ich auch nicht unbedingt, die kenne ich ja alle viel zu lange. Ich höre mir auch nicht unsere Musik gemütlich auf der Couch über Kopfhörer an. Ich spiele sie gerne auf der Bühne, aber sonst muss ich sie nicht auch noch hören.

Was hören Sie stattdessen privat?

Led Zeppelin, ZZ Top, The Birds.

Gibt’s auch was Aktuelles, wo Sie sich mit anfreunden können?

Das geht irgendwie an mir vorbei. Ich kenne die Lieder, weiß aber nicht, wie sie heißen, wenn ich sie im Radio höre. Da habe ich irgendwann den Laden dicht gemacht.

Kennen Sie Rotenburg?

Ich glaube, wir sind da mal durchgefahren. Wenn wir unterwegs sind, haben wir da auch keine Zeit zu, uns näher mit dem Ort zu beschäftigen. Es gibt viele Gruppen, die wissen gar nicht, wo sie waren, wenn sie auf Tour sind. Obwohl, da fällt mir ein: Ich war auf der Wümme vor etlichen Jahren, als ich in Hamburg gewohnt habe, mal Paddeln mit Freunden.

Mit welchem Auto kommen Sie zur Autodisco?

Mit dem Auto unseres Managers, ein Bus.

Haben Sie wirklich keinen Führerschein?

Nee. Habe ich nie gemacht, ich bin zu verträumt dafür. Es gibt so viele Idioten auf der Straße, ich wäre einer mehr davon.

Warum müssen alle Leser dieses Interviews am Sonnabend kommender Woche zum Konzert in der „Autodisco Rotenburg“ kommen?

Wer Torfrock mag, der sollte kommen. Auch wenn eine Windschutzscheibe dazwischen ist, werden wir eine schöne Zeit haben. Es ist zumindest eine Alternative, und man kann sich wieder ein bisschen wichtig machen. Ich freue mich jedenfalls und werde bis dahin mein Lampenfieber pflegen.

Sie haben doch kein Lampenfieber mehr!

Doch, das brauche ich. Ich werde nicht verrückt vor Aufregung, aber eine bestimmte Anspannung braucht man. Ich darf mir nie einreden, dass schon alles klappen und toll sein wird. Ich brauche optimistischen Pessimismus. Ich bin dann auch unkonzentriert, wenn man sich mit mir unterhalten will, rede ich eigentlich nur Blödsinn. Auf der Bühne ist das Lampenfieber sofort weg, dann läuft es.

Karten für die Autodisco

Karten für das Torfrock-Konzert am 27. Juni in der „Autodisco Rotenburg“ gibt es online auf www.hansaticket.de für 28 Euro pro Person, Rückbanktickets kosten 14 Euro.

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