Gottfried Böttger vor seinem Konzert in Hemslingen über Boogie und Dampfloks

Jazzstunde für Lang Lang

+
Gottfried Böttger konzertiert am 25. Oktober in Hemslingen.

Hemslingen - Nicht nur Boogie, sondern „Von Gospel bis Boogie“ reicht das Spektrum des Hamburger Jazzpianisten Gottfried Böttger. Und so heißt auch das Programm, das er beim ersten vom neuen Hemslinger Kulturverein organisierte Konzert am 25. Oktober um 20 Uhr im Brockwischenhus präsentiert. Vorab sprach er mit unserer Zeitung über musikalische Einflüsse, seine Duette mit André Rieu und Lang Lang und die Dampflok als Wurzel des Boogie.

Herr Böttger, vielen sind Sie vor allem aus der Talkshow „3 nach 9“ bekannt, wo Sie seit knapp 40 Jahren als Boogie-Woogie-Pianist Ihren Stammplatz haben. Ihr Spektrum ist jedoch viel größer. Sind Sie es leid, auf Boogie reduziert zu werden?

Böttger: Sehr leid! Allerdings passiert das eher selten – im Boogie ist der absolute Spezialist Axel Zwingenberger, mit dem ich befreundet bin. Bei mir geht es auch um Blues, um Ragtime, der mir sehr am Herzen liegt – das war meine erste Musik vor dem Boogie und ist die Wurzel des Jazz – bis hin zum Swing.

Ihr Programm heißt: „Vom Gospel bis zum Boogie…“

Böttger: Den habe ich ursprünglich nur für mich gespielt, nur mit Sänger. Eine Musik, die mir immer Kraft gegeben hat. Ich spiele ihn in Urform, in kleinerer Besetzung und nicht in der kommerzialisierten Form mit großem Chor.

Böttger, Zwingenberger, Wallenstein – die Helden des Boogie kommen in die Jahre. Stirbt der Boogie?

Böttger:Auf keinen Fall. Grundlage war alles, was an Blues und rhythmischer Musik in den 20er Jahren zusammen kam. Das liegt daran, dass südlich von Chicago, wo er entstand, wo die großen Bahnsteige gebaut wurden, die Bahnarbeiter in den Kneipen Pianisten hörten. Die haben den Rhythmus der Dampflok als eine ganz neue Ausdrucksform übernommen. Daraus haben sich dann alle möglichen Musikstile weiterentwickelt – Rhythm & Blues, Rock‘n Roll, bis zu Elton John, und selbst bei Eric Clapton hört man ihn noch heraus.

Vom Panikorchester mit Udo Lindenberg über die Zeiten in Onkel Pö bis zur Professur für digitale Audiotechnik – das steht ja für eine enorme berufliche Entwicklung. Gilt das auch für Ihre Musik?

Böttger:Absolut – mit 15 hat man einfach in die Tasten gehauen, ohne auf laut und leise zu achten. Später versuchte man, für andere aufmerksam zu sein, aber nichts nachzuspielen, sondern seinen eigenen Stil zu entwickeln. Von großen Musikern wie Duke Ellington, Jelly Roll Morton oder Fats Waller habe ich die Genauigkeit gelernt, Musik zu durchleuchten.

Spielten dabei auch die vielen Persönlichkeiten eine Rolle, mit denen Sie im Laufe der Zeit vor allem bei 3 nach 9 gespielt haben, von Sting über Hannes Wader bis Peter Maffay?

Böttger:Man muss natürlich immer versuchen, dass der eigene Stil zu dem des Gastes passt. Das fällt bei Peter Herbolzheimer anders aus als bei Vicky Leandros. Sie wollte eigentlich eine Art Schlager singen, zusammen ging es dann aber mehr in Richtung Gospel. Mit André Rieu habe ich mich zunächst geweigert zu spielen. Seine Walzer spielen – soweit verbiegen wollte ich mich dann doch nicht. Das hab ich ihm auch erklärt. „Tut mir leid“, meinte er, „aber ich kann nicht improvisieren.“ Wir haben uns dann mit „Amazing Grace“ in der Mitte getroffen.

Gab es jemanden, der Sie besonders beeindruckt hat?

Böttger:Mit Lang Lang hat es unheimlich Spaß gemacht, ihm sogar noch mehr als mir. Er wusste nicht, was Jazz war. Ihm habe ich später in Berlin ein paar Mal Jazzunterricht gegeben. Und Klaus Doldinger natürlich. Es gibt so viele, die man nennen könnte.

Spielen Sie lieber Solo oder in Formationen?

Böttger:Ich spiele gern in kleinen Besetzungen, nur mit Saxophon oder mit dem Bassisten Jürgen Attig. Alles bis zum Quintett ist okay. Man muss darauf achten, dass alle gleichberechtigt sind auf der Bühne. Dass sich einer in den Vordergrund stellt, lehne ich ab. Auf der Bühne Blickkontakt halten, sich anlachen – das habe ich während eines Dreivierteljahres in Amerika von Farbigen gelernt.

In Hemslingen gibt es Augenkontakt, wenn Sie einige Stücke mit dem Pianisten Bertram Kloss aus Schneverdingen improvisieren?

Böttger:Darauf bin ich selbst sehr gespannt. Grundsätzlich sind meine Programme ja nie durchgeplant. Ich schöpfe aus meinem Fundus, sehe mir den Raum, das Publikum, den Flügel an, versuche, ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen und entscheide dann kurz vorher, was ich spiele. Das ist jedes Mal anders.

Der Vorverkauf für das Konzert hat begonnen. Karten gibt es zum Preis von 15 Euro telefonisch unter 0160 / 4531868, in der Heilpraxis Hemslingen oder in den Sparkassenfilialen in Bothel und Hemslingen.

Das könnte Sie auch interessieren

Diese Dinge sollten Sie aus Ihrem Wohnzimmer entfernen

Diese Dinge sollten Sie aus Ihrem Wohnzimmer entfernen

Einzelkritik: Pavlenkas bestes Spiel

Einzelkritik: Pavlenkas bestes Spiel

Er wiegt 131 Tonnen! Schwertransporter rutscht in Straßengraben

Er wiegt 131 Tonnen! Schwertransporter rutscht in Straßengraben

Kriegsszenen in Rio: Militär besetzt Favela

Kriegsszenen in Rio: Militär besetzt Favela

Meistgelesene Artikel

Geflügel- und Kleintiermarkt: Hähnewettkrähen im Schützenhaus

Geflügel- und Kleintiermarkt: Hähnewettkrähen im Schützenhaus

Landesbergamt untersucht Abfälle in alten Erdgas-Fördersträngen

Landesbergamt untersucht Abfälle in alten Erdgas-Fördersträngen

Zwei Wohnbauflächen sollen Minigolfplatz ersetzen

Zwei Wohnbauflächen sollen Minigolfplatz ersetzen

Start der Ferienbetreuung für Kinder: Pilotprojekt in der Oberschule

Start der Ferienbetreuung für Kinder: Pilotprojekt in der Oberschule

Kommentare