Lakota-Stamm nimmt Henrik Scheunemann in seine Reihen auf

Ein Indianer in Ahausen

Henrik Scheunemann mit einer Adlerfeder und einer heiligen Pfeife. Eine große Ausnahme, dass ein Weißer diese Kultgegenstände erhält. ·
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Henrik Scheunemann mit einer Adlerfeder und einer heiligen Pfeife. Eine große Ausnahme, dass ein Weißer diese Kultgegenstände erhält. ·

Ahausen - Von Wieland Bonath. Forstwirt Henrik Scheunemann, beschäftigt bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises, hat noch einen zweiten Namen, nämlich Wanbli Ocasa (Der sich in die Lüfte schwingende Adler). Nicht nur damit gehört er zu den Lakota-Indianern, auch eine Stammes-Familie, die zwei ihrer Söhne verloren hatte, adoptierte den 48-Jährigen und übergab ihm als besondere Anerkennung ein Stück Land.

Scheunemann, der am Rande eines stillen Waldes bei Ahausen in einem kleinen Holzhaus zwischen europäischer und indianischer Kultur lebt, erinnert sich am knisternden Kamin: „Als kleiner Junge in Bremen, wo ich geboren bin, habe ich immer gesagt ,Ich will Indianer werden.' Jetzt ist dieser Wunsch Wirklichkeit geworden. Darauf bin ich sehr stolz.“ Anfang Juli setzt Henrik Scheunemann zum 16. Mal seinen Fuß auf nordamerikanischen Boden, um für etwa sechs Wochen „seine“ Lakota-Indianer zu besuchen: „In dieser Zeit ist regelmäßig eine große Sehnsucht in mir, dann muss ich zu meiner Reise aufbrechen. Wenn ich aus dem Flugzeug komme und die Prärie rieche, das ist einfach unbeschreiblich!“

Die zurückhaltenden und durch schlimme Erfahrungen mit dem weißen Mann meistens misstrauischen Lakota-Indianer haben den Ahauser inzwischen als einen der ihren aufgenommen. Ein gegenseitiges totales Vertrauen, das es in dieser Form kaum wieder gibt. Weiter als bis zu oberflächlichem Tourismus mit romantisierendem Hintergrund geht es in der Regel nicht. Wer das Volk der Lakota und andere indianische Stämme in ihren von Weißen zugewiesenen Reservaten besuche, müsse sich darüber klar sein, betont Scheunemann, dass dort Menschen lebten, die ihren Kulturschock immer noch nicht verarbeitet hätten. Wenn man so will: Adler mit gestutzten Flügeln, einst in grenzenlosem Land zu Hause, jetzt im begrenzten Reservat.

Nach letzten Endes gewonnenen kriegerischen Auseinandersetzungen stülpte der Weiße den Indianern gnadenlos seine Lebensart über. Henrik Scheunemann: „Das Konzept der damaligen Indianerbehörde war es, dass die Stämme aufhören mussten, Indianer zu sein. Ein Überleben war nach damaliger Ansicht nur in der weißen Welt möglich. Kinder wurden von ihren Familien getrennt und in sogenannten Erziehungsschulen ,entindianisiert'. Der Gebrauch der Muttersprache wurde mit archaischen Strafen wie dem Auswaschen des Mundes mit Seife bestraft.“

Die vom nomadisierenden Leben mit Zelten und als Büffeljäger die Familie ernährenden Indianer kamen von der Unendlichkeit der Prärie in vergleichsweise kleine Reservate. Die Eingepferchten bäumten sich nicht gegen diesen trostlosen und für sie untypischen Alltag auf – sie verfielen in Lethargie, begannen oft an zu trinken, glitten ins Kriminelle ab. Aus stolzen Stämmen wurden Sozialhilfeempfänger in erbärmlichen Wellblechhütten mit einer Lebenserwartung von 44 Jahren. Scheunemann: „Ein alter Lakota hat einmal zu mir gesagt ,Ihr Weißen habt ganze Arbeit geleistet, indem ihr es geschafft habt, unser Volk von innen heraus zu zerstören'.“

Der US-Administration steht der 48-jährige Ahauser kritisch gegenüber: Er habe das Gefühl, jeder Lakota bekomme gerade so viel an Unterstützung, um überleben zu können. Ob das mit Ressentiments aus der Vergangenheit zu tun habe, könne er nur vermuten. Fest stehe jedoch: Indianer seien zu Einzelkämpfern geworden, die sich nicht mehr als Volk in seiner Ursprünglichkeit fühlten. Dass es, wenn auch in kleinem Rahmen, anders geht, beweist Scheunemann: Ohne erhobenen Zeigefinger und „ohne die Nase zu rümpfen“ greift er zu und hilft.

Wenn Henrik Scheunemann auf die Sternstunden, die Gedenkritte und die Gedenkfeiern zur Erinnerung an große Schlachten, wie zum Beispiel Little Bighorn River und Wounded Knee zu sprechen kommt, dann fangen die Augen an zu leuchten. Er durfte als „Ausnahme-Weißer“ immer wieder teilnehmen. Genau wie am heiligsten Ritual, dem Sonnentanz.

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