Nährstoffbericht offenbart weiterhin ein Nitrat-Problem

Importe verhageln Bilanz

Auf den Äckern im Landkreis Rotenburg landet zu viel Gülle – immer noch. Foto: imago images/Dirk Sattler
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Auf den Äckern im Landkreis Rotenburg landet zu viel Gülle – immer noch.

Rotenburg – Es ist ein wenig besser geworden mit der Nährstoffbelastung in den Böden. Doch von Entwarnung kann in Sachen Nitrat immer noch nicht die Rede sein. Weiter gehört Rotenburg zu den Landkreisen in Niedersachsen, die eine zu hohe Nitratbelastung vorweisen. Das liegt im Grunde daran, dass erreichte Zwischenziele anscheinend gerne an anderer Stelle wieder eingerissen werden. Insbesondere der Güllehandel stellt ein Problem dar. Das geht aus dem Nährstoffbericht 2018/2019 der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen hervor.

170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar sind erlaubt, im Landkreis sind es im Durchschnitt allerdings vier Kilogramm zu viel, so Heinz Hermann Wilkens von der Landwirtschaftskammer gegenüber dem Ausschuss für Umwelt und Planung des Rotenburger Kreistags. Niedersachsenweit gehe der Stickstoffabsatz nach unten. Im Berichtsjahr von Juli 2018 bis Juni 2019 lag er noch bei 220 000 Tonnen, immerhin 80 000 Tonnen weniger als 1997. Ausschlaggebend sind dabei aber auch die Witterungsverhältnisse. Weil bei Hitze – wie in den vergangenen Jahren im Sommer – Pflanzen weniger wachsen, ist eigentlich auch weniger Dünger erforderlich.

Nach Angaben der Düngebehörde wurden im Meldezeitraum rund 3,85 Millionen Tonnen organischer Dünger auf den Feldern im Landkreis ausgebracht. Ein großes Problem im Landkreis ist der Import – insbesondere von Geflügelkot. Das kommt meistens aus den Landkreisen Cloppenburg und Vechta, die beiden einzigen Kommunen in Niedersachsen, wo das Nitrat-Zeugnis noch schlechter ausfällt als in Rotenburg. Die hiesigen Abnehmer würden sich das laut Wilkens auch teuer bezahlen lassen. Regional betrachtet ist dieser Import eigentlich fast unnötig, denn in Rotenburg gibt es Tierausscheidungen genug. Immerhin ausreichend, um es selbst in andere Regionen zu verkaufen – bevorzugt in den Landkreis Osterholz-Scharmbeck und den Heidekreis. 259 442 Tonnen Wirtschaftsdünger und Gärreste wurden 2018/2019 aus dem Landkreis exportiert. Dem gegenüber stehen 254 729 Tonnen Importware. Der Import verhagelt die Bilanz. Ohne sie sähe es in Rotenburg viel besser aus, so Wilkens.

Der Hotspot ist Selsingen. Wilkens hatte eine Warnung für die Samtgemeinde parat: „Da schauen wir irgendwann genauer hin.“ 223 Kilogramm Stickstoff wurden dort im Berichtsjahr pro Hektar aufgebracht. Im Südkreis Rotenburg ist Bothel trauriger Spitzenreiter mit 179 Kilogramm und damit die einzige Kommune im Altkreis, die über der Obergrenze liegt. Am wenigsten wird in Scheeßel (144 Kilogramm) und im Stadtgebiet Visselhövede (143 Kilogramm) aufgebracht.

Wilkens appellierte daran, Landwirte mehr zu beraten. Der Landkreis komme etwa nicht unter die Obergrenzen von 170 Kilogramm, weil viele Rinder mehr Stickstoff produzierten als andernorts, auch der „pflanzliche Input“ durch Biogasanlagen sei vergleichsweise hoch. Ein Hebel könnte sein, Tieren nährstoffreduziertes Futter mit weniger Eiweiß zu geben. Das werde in Rotenburg noch zu selten eingesetzt. Weniger Eiweiß an Tiere bedeutet weniger Ausscheidungen. An einer anderen Stelle könne der Handel tatsächlich auch Vorteile bringen. So haben die Phosphorüberschüsse zugelegt, da Pflanzen wegen der Hitze zuletzt weniger aufgenommen haben. Phosphor werde in Südost-Niedersachsen dringend gebraucht, da werde sogar Mineralphosphor zugekauft.

Ausschussmitglied Reinhard Lindenberg (WFB) warnte angesichts des Nährstoffberichts davor, die Bauern wieder unter Generalverdacht zu stellen. Die Landwirte würden sich größtenteils an die Vorgaben der Düngemittelverordnung halten, einige wenige würden allerdings wieder alles einreißen. Darunter würden alle leiden. Im Straßenverkehr bekämen ja auch nicht alle den Führerschein entzogen, nur weil einige wenige mit dem Auto rasen. Volker Kullik (SPD) griff diese Metapher auf: „Es rasen alle.“ Er sieht aber auch strukturelle Probleme; das System des Düngemittelhandels sei im Grunde genommen ein Krankes.

Kommentar

Verantwortung am Küchentisch

Noch immer ist der Landkreis Rotenburg auf der Karte mit Nitrat belasteten Böden rot eingefärbt. Immer noch ist dem Problem Nitrat nicht wirklich Herr zu werden, trotz aller Verordnungen und Regeln, die es deswegen gibt. Natürlich braucht es Zeit, bis Maßnahmen wie die Düngeverordnung richtig greifen. Doch zu welchem Preis? Ohne an dieser Stelle jetzt deren Inhalte zu diskutieren.

Denn wer nur den Landwirten die Schuld in die Schuhe schiebt, bekämpft nur Symptome. Sie sind diejenigen, die man am ehesten regulieren und kontrollieren kann. Ein Landwirt hat heutzutage mehr mit Bürokratie zu tun, als ihm lieb ist. Es gibt kaum noch einen Arbeitsschritt, der nicht vor einer Behörde gerechtfertigt werden muss. Das treibt die Branche immer weiter weg von dem, wo der Konsument sie bei aller Realitätsferne am liebsten hätte: weg vom kleinen familiäre Bauernbetrieb mit ausnehmend glücklichen Tieren.

Diese romantisierten Betriebe gibt es nicht mehr. Es sind nicht nur die Landwirte schuld daran, sondern alle. Die moderne Landwirtschaft ist auch das, was der Abnehmer dazu gemacht hat. Bei aller berechtigten Kritik, die man an der modernen Landwirtschaft üben kann und sollte: Die Nachfrage nach billigen Lebensmitteln bei mehr Tierwohl und alles natürlich in ausreichenden Mengen sorgt für eine Kluft zwischen Nachfrage und Realität. Es ist im wahrsten Sinne billig, das Pfund Hack für 1,99 Euro von einem glücklichen Schwein zu erwarten.

Wer Letzteres will, muss selbst umdenken. Das gilt genauso für mit Nitrat belastete Böden. Weniger Fleisch, dafür aber in einem nachhaltigen Kostenverhältnis, kann nicht nur für mehr Qualität auf dem Teller führen, sondern auch für eine Entlastung der Böden. Nur die Landwirte in die Verantwortung zu nehmen, reicht nicht aus. Die Ursachen des Problems sind in der ganzen Gesellschaft verankert.

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