Rückkehr zur Weidewirtschaft statt permanenter Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion

Idels Plädoyer für die Kuh

Dr. Anita Idel (v.l.) wurde von Angela von Beesten und Susanne Jürgens zu einem Vortrag nach Rotenburg eingeladen. Gernot von Beesten moderierte den gut besuchten Abend im Rotenburger Ratssaal. ·

Rotenburg - „Die Kuh rülpst Methan, und das ist für die Atmosphäre 25 Mal schädlicher als CO2; und doch ist sie kein Klima-Killer.“ Die Berliner Tierärztin Dr. Anita Idel räumte auf Einladung des Vereins Sambucus und des Bündnisses für artgerechte Tierhaltung in einem Referat im Rathaussaal mit dem immer wieder gehörten Vorurteil auf. Die gelernte Landwirtin und studierte Tiermedizinerin schlug in ihrer Argumentation gleichermaßen fundiert wie engagiert und rhetorisch gefeilt einen großen Bogen von der agrarindustriellen Produktion und Viehhaltung hin zu einer nachhaltigen Beweidung, bei der die Kuh eine entscheidende, positive Rolle spiele.

Die Kuh stehe permanent am Pranger, stellte Idel in der von Gernot von Beesten moderierten Vortrags- und Diskussionsveranstaltung fest, zu der die Sambucus-Vorsitzende Angela von Beesten und die Sprecherin des Bündnisses für artgerechte Tierhaltung, Susanne Jürgens, mehrere Dutzend Gäste im Ratssaal begrüßen konnten. Die Kuh ist, wie alle Wiederkäuer, ein schlechter Futterverwerter, wenn man die eingesetzte Energie am Protein-Output messe. Rindfleisch schneide da mit 54 zu 1 deutlich schlechter ab, als Hühnerfleisch, wo es nur des vierfachen Energieeinsatzes bedürfe. Anita Idel wandte sich gegen diese verengte, nur auf den Profit zielende Sichtweise. Dem „idealen Team Gras und Graser“ komme für den Erhalt des Dauergrünlandes eine entscheidende Bedeutung zu. Dieses – häufig für den Anbau von Feldfrüchten nicht geeignete – Dauergrünland mit den teils mächtigen, humusreichen Böden darunter, sei der größte Kohlenstoffspeicher auf der globalen Landfläche. Eine Tonne zusätzlicher Humus im Erdreich entzöge der Atmosphäre 1,8 Tonnen CO2. Darum müsse man den Umbruch von Grünland vermeiden, denn der Effekt stelle sich auch in umgekehrter Richtung ein.

Die Weltbevölkerung sei in den vergangenen Jahrzehnten ungleich stärker gewachsen, als das zur Verfügung stehende Farmland. Nur durch eine Intensivierung des Anbaus mitsamt massivem Einsatz von Kunstdünger könnten die Menschen versorgt werden. Aber zwischen zwei und fünf Prozent des ausgebrachten künstlichen, unter hohem Energieeinsatz hergestellten Düngers entweiche als Lachgas in die Atmosphäre, und das sei als Klimagas sogar 296fach gefährlicher als CO2. Etwa 70 Prozent des „im Himmel über der EU“ vorhandenen Lachgases sei der Landwirtschaft zuzurechnen, beim Ammoniak wären es gar 95 Prozent, bei Methan immerhin noch die Hälfte und beim Kohlendioxid acht Prozent. Idel folgert, man müsse keine CO2- sondern eine Lachgas-Diskussion führen.

Die heute übliche, durch politische Weichenstellungen geförderte Landwirtschaft verwüste die Erde. Die Bodenfruchtbarkeit nehme dramatisch ab. Nicht nur in Europa, das Lebensmittel massenweise exportiere. Für deren Produktion würden Futtermittel aus armen Ländern eingeführt, die dort in gewaltigen Monokulturen wenig umweltverträglich und schon gar nicht nachhaltig erzeugt würden.

Zudem, kritisierte Idel, beschleunige selbst die Welternährungsorganisation FAO diese Entwicklung hin zur agrarindustriellen Produktion um beinahe jeden Preis, indem sie den heutigen Verbrauch kritiklos auf den Bedarf der steigenden Weltbevölkerung von Morgen hochrechne. Idel plädierte für eine Rückkehr zur Beweidung des Grünlandes – und für höhere Preise für die so erzeugten Nahrungsmittel.

In ihrem 2010 im Metropolis-Verlag erschienenen Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller!“ arbeitet Anita Idel die Thematik umfassend und nachvollziehbar geschrieben auf. · sf

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