Inklusion: Inge Ehrhorn ist aus den Rotenburger Werken in eine eigene Wohnung gezogen

„Ich fühle mich hier sauwohl“

„Heute müssen wir meinen Urlaubsantrag ausfüllen.“ Bei Angelegenheiten, mit denen Inge Ehrhorn nicht allein zurechtkommt, hilft ihr ambulanter Betreuer Ole Asmussen. ·
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„Heute müssen wir meinen Urlaubsantrag ausfüllen.“ Bei Angelegenheiten, mit denen Inge Ehrhorn nicht allein zurechtkommt, hilft ihr ambulanter Betreuer Ole Asmussen. ·

Rotenburg - Sie ist ein ordentlicher Mensch. Wer Inge Ehrhorn in ihrer Zweizimmerwohnung besucht, findet kein Staubkörnchen auf den Schränken und jedes Detail steht an seinem Platz: Pflanzen, Platzdeckchen, Kerzen. Die vielen Schlager-CDs sind sorgfältig in den Ständer sortiert. In ihrem Schlafzimmer – einem Traum in Weinrot – liegt sorgfältig eine Tagesdecke über dem Bett, Stofftiere und Puppen sitzen geordnet auf dem roten Sofa.

Mit dieser Wohnung hat sich die 57-Jährige einen langgehegten Wunsch erfüllt. Fast 48 Jahre hat die kleine Frau mit dem runden Gesicht und den kurzen Haaren in den Rotenburger Werken gelebt. Als Neunjährige kam sie aus einem Dorf in der Lüneburger Heide in die Großeinrichtung, in der rund 1 100 Menschen wohnen, lernen und arbeiten.

Das Zusammenleben in Wohngruppen ist nicht immer leicht. Wer einem als WG-Partner zugeteilt wird, darauf haben die Bewohner von Behinderteneinrichtungen nur bedingt Einfluss. Jetzt lebt Inge Ehrhorn seit einem halben Jahr in ihrer kleinen Wohnung im dritten Stock eines Mietshauses. Von dort geht sie jeden Morgen für vier Stunden zur Arbeit. Sie ist beschäftigt als Gruppenhilfe über die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der Rotenburger Werke, sortiert Wäsche und bezieht Betten in einer Wohngruppe. „Das ist die, wo ich als Kind war“, erzählt Ehrhorn.

Mittags kommt sie nach Hause und kocht. Nachmittags geht sie einkaufen oder besucht ihre Freundin aus der ehemaligen Wohngruppe. Gern trifft sie dort zudem Mitarbeitende aus den Bereichen, die ihr auch heute noch viele gute Tipps für ihren Single-Haushalt geben. Denn nach 48 Jahren Leben in der Behinderteneinrichtung ist der Umzug in eine eigene Wohnung keine Kleinigkeit. Alles muss im Vorfeld geübt werden: Putzen, Kochen, Wäsche waschen, der Umgang mit Geld, Schriftverkehr, Behördengänge.

Vieles kann die ruhige und freundliche Frau inzwischen selbst. Alles wird sie nie können. Dafür gibt es Hilfen, ohne die für sie ein Leben außerhalb einer betreuenden Einrichtung nicht möglich wäre. „Das sind anfangs meist sehr viele Stunden. Die können dann mit der Zeit reduziert werden“, sagt Hans-Peter Otten, Leiter des Ambulant Betreuten Wohnens der Rotenburger Werke. Er und seine Kollegen kümmern sich um Menschen, die aus Einrichtungen oder aus dem Elternhaus ausgezogen sind. Zu Ehrhorn kommen Betreuer nur noch an drei Nachmittagen für zwei Stunden die Woche. Sie müssen die Post durchsehen und Behördengänge mit ihr erledigen. „Aber genauso wichtig sind wir als Gesprächspartner. Wir geben einen beschützenden Rahmen“, sagt Ehrhorns ambulanter Betreuer Ole Asmussen.

Weiterhin zu diesem Rahmen gehört Anke Claußen. Sie ist die gesetzliche Betreuerin von Inge Ehrhorn und für ihre rechtliche Vertretung zuständig. Vertragsangelegenheiten und die Wohnungssuche überfordern die Auszugswilligen. „Gerade die Wohnungssuche ist ein Problem“, sagt Claußen.

Die Mieten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, aber in den Sozialämtern sind die Sätze nicht angepasst worden. Darüber hinaus sind Vermieter häufig zögerlich. „Sie kennen diese Art ambulant betreuten Wohnens nicht. Wir versuchen, ihnen ihre Ängste zu nehmen.“

Inge Ehrhorn hatte Glück. Sie hat eine passende Wohnung gefunden und auch einen guten Kontakt zu ihren Nachbarn aufgebaut. „Der Rolf hat mir meine Lampe angebaut und neulich kam die Christa: Inge, willst du Muffins haben?“ Natürlich wollte sie. Und es macht ihr auch nichts aus, für einen anderen Mieter mal das Treppenhaus mit zu putzen. Alles läuft gut für Inge Ehrhorn in ihrer eigenen Wohnung. Sie kennt nur einen Nachteil: „Nachts sind die Züge so laut zu hören. Aber daran gewöhne ich mich noch. Ich fühle mich hier sauwohl.“ · am

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