Es muss dreckig sein

Faszination Festival: Stammgast Olaf Precht spricht über das Hurricane

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Endlich wieder Festival! Olaf Precht am Freitagabend am Hurricane-Haupteingang. 

Was macht das Hurricane zu einem guten Festival und wie wichtig ist die Musik, die dabei spielt, eigentlich? All das sind Fragen, auf die Stammgast Olaf Precht eine Antwort hat. Er geht seit vielen Jahren auf diverse Festivals und hat sogar ein Hurricane ohne einen Schluck Alkohol zu trinken überstanden:

Rotenburg – Drei oder mehr Nächte im feuchten Zelt schlafen, durch den Matsch stiefeln, Dosenravioli kalt zum Bier als Frühstück und Körperpflege auf der Dixi-Toilette, nebenbei ein wenig Musik: Der Besuch eines Festivals ist nicht jedermanns Sache. Die von jährlich 70 .000 Anhängern des Hurricane Festivals schon, auch an diesem Wochenende. 

Dabei ist auch der Rotenburger Olaf Precht. Nicht mehr ganz mittendrin, aber mit der Erfahrung zahlreicher Festivalbesuche im Gepäck spricht der 46-jährige Rotenburger über die Faszination von Open-Air-Veranstaltungen, die Veränderungen in den jüngsten Boomjahren der Branche und magische Momente an Tagen im Ausnahmezustand.

Wie verbringen Sie ihr Hurricane-Wochenende?

Ich passe in Westervesede in einem der Häuser, die am dichtesten am Eichenring sind, bei Freunden auf meine Kinder auf. Wir wohnen dann dichter als manches Wohnmobil oder Zelt vor den Bühnen. Meine Freundin ist hauptsächlich wegen der Musik da, ein paar Konzerte suche ich mir auch aus. Sechs Minuten Fußweg sind es bis zur Hauptbühne.

Warum ist das Hurricane aus Ihrer Sicht ein gutes Festival?

Das Hurricane hat einen ganz großen Standortvorteil, weil es hiergeblieben ist. Andere Festivals aus der Geschichte, wie das Bizarre oder Dynamo, haben viel experimentiert und so an Charakter eingebüßt. Beim Hurricane kann man sich unabhängig von den Bands eine Vorstellung davon machen, wie das Wochenende wird.

Was machen andere Festivals besser?

Es gibt Festivals, die haben eine andere Ausrichtung. Das Roskilde ist zum Beispiel gemeinnützig und arbeitet mit vielen Freiwilligen, was dem Festival eine ganz andere Atmosphäre gibt. Und es gibt Festivals, die von der Stilrichtung der Musik fokussierter sind. Das Hurricane ist diesbezüglich unschlüssig, was es sein will.

Welches war Ihr erstes Festival?

Das war das originale Werner-Rennen 1988 in Hartenholm. Ich war 15 und hatte meine beiden älteren Brüder dabei. BAP haben da gespielt, aber das hat mich nur irritiert. Ich wusste nichts damit anzufangen, dass da Bands spielen. Ich wollte das Rennen sehen.

Warum gehen Sie immer noch auf Festivals?

Neben Musik, Party und den Freunden, mit denen man dann zusammen ist, geht es für mich darum, mal eine Zeit lang aus dem Alltag auszubrechen. Festivals sind für mich der Inbegriff der Freiheit. Ich kann zu jeder Zeit tun und lassen, was ich will, völlig losgelöst von allem. Die Komplexität des normalen Lebens ist reduziert auf Schlafen, Trinken, Essen und dem Weg zur nächsten Bühne. Das genieße ich.

Sie waren auf vielen Festivals, sind auch in Scheeßel, schwören aber aufs Roskilde als Bestes. Was machen die dort besser?

Die Menschen, die dich kontrollieren, sind Freiwillige, also die gleichen, die bei dir zelten. Das sorgt für eine besondere Stimmung. Das Festival dauert länger, wir sind eine Woche vor Ort, also hat man einen anderen Bezug zur Nachbarschaft auf dem Campingplatz. Die Infrastruktur ist viel aufs Mitmachen ausgelegt: Wir campen zum Beispiel in einem Bereich, wo jede Gruppe ein Event ausrichten muss. Aus meiner Sicht gibt es dort auch viele Dinge, die hier beim Hurricane erst einige Jahre später ankommen: grüner Wohnen zum Beispiel, oder Müllprojekte. Viele gute Ideen werden irgendwann aufs Hurricane transportiert. Und, was mir alle bestätigen, die zum ersten Mal da sind: Die Roskilde-Veranstalter haben ein unglaublich gutes Händchen für guten Sound, von der kleinsten Nebenbühne bis zur Hauptbühne. Das ist für das Erlebnis von Konzerten ein ganz wichtiger Faktor.

Sie waren mit dem Erntefest All Over jahrelang auch selbst Veranstalter im kleinen Rahmen, haben mit Row-People Konzerte organisiert. Hat sich da Ihr Blick auf Veranstaltungen verändert?

Ganz klar. Man hat viel gelernt, wie man mit Bands umgehen muss. Dass so eine Veranstaltung mehr ist als Stecker rein und rauf auf die Bühne. Auch kleine Bands haben zu Recht einen Anspruch darauf, wie sie behandelt werden und welche Infrastruktur zur Verfügung steht. Auch das Publikum will mehr als nur Bier und Musik, man muss auch Atmosphäre schaffen.

Wie wichtig ist Musik auf einem Festival?

Das Konzert ist gar nicht das entscheidende. Ein Festival mit einem Metallica-Konzert ist nicht wegen dem Metallica-Konzert gut, sondern wegen der Leute, die wegen Metallica kommen. Die Gruppe an Leuten, die sich auf einer Wiese zusammenfindet, bildet eine Gemeinschaft. Musik verbindet. Im Festival-Kontext: Ein Line-Up verbindet. Auf einmal werden Wildfremde zu einem „Wir“. Deswegen ist das vorherrschende Thema auf dem Campingplatz zwischen Leuten, die sich gerade kennenlernen, nicht Bierpreise oder Toilettentipps, sondern: „Warum bist du hier?“, „Warum bin ich hier?“, „Was hörst du so?“ und „Was hör ich so?“. Musik steht im Mittelpunkt und ist hier der Klebstoff im Sozialgefüge. Aber das ist nicht alles. Ein Konzert, und ein gutes Festival-Konzert noch viel mehr, kann ein Erlebnis werden, das den Eintrittspreis, die Anreise und das traditionell schlechte Hurricane-Wetter vergessen macht.

Aber mal ehrlich: Eigentlich geht’s doch immer nur ums Saufen!

Jede Art von Party hat meiner Meinung nach eine ganz andere Stimmung, wenn Alkohol ausgeschenkt wird.

Sie haben einmal ein komplettes Hurricane versuchsweise ohne einen Schluck Alkohol getestet.

Ja, eine spannende Erfahrung. Dass man auch nach so einem Wochenende total erschöpft sein kann, ohne Kater zu haben. Ein Festival kann aber natürlich trotzdem begeistern. Ein Bier verbindet, tut in vielen Festival-Situationen gut. Ich bin aber darüber hinaus, zu sagen, dass man ein Festival nicht ohne Alkohol erleben kann.

Wenn wir über die Veränderungen der Festivals sprechen, ist die Entwicklung hin zu Happenings, Events und mehr „Zirkus“ unverkennbar. Muss das so sein?

Das fing in Scheeßel ja quasi schon mit dem Bungee-Turm an. Wenn man nach Wacken schaut, sieht man, dass viele Festivals darunter leiden, zu viel sein zu wollen. Das geht weiter mit Sponsoring, was auch vieles schlechter macht, vielleicht aber notwendig ist. Mich nervt es, wenn ich auf dem Gelände alle paar Meter von Promotern angesabbelt werde oder vor jeder Band der Jingle von der Telefonfirma läuft. Dadurch wird bestimmt auch viel kaputt gemacht. Ich bin aber auch nicht so verbissen, zu sagen, dass man nicht mehr nach Wacken fahren darf, weil Wacken nicht mehr „true“ ist. Es ist immer noch ein unheimlich populäres Festival, das unheimlich viele geile Leute anzieht. Und das ist in Scheeßel nicht anders.

Vor 31 Jahren haben Sie Ihr erstes Festival besucht. Was hat sich noch verändert in den vergangenen Jahren?

Es ist alles viel professioneller geworden, und das nicht nur zum Guten. Es ist schade, ein Festival als durchgestyltes Produkt zu erleben. Ich wünsche mir eigentlich ein bisschen mehr Dreck und von den Bands mehr Überraschungen. Mittlerweile sind die Bands so professionell, die liefern jedes Mal richtig gut ab. Ich möchte auch gerne mal ein schlechtes Konzert sehen, weil die oft interessanter sind. Mir fehlt das Ungeplante. Es ist alles zu gut organisiert – das nimmt dem Festival den Punk.

Was ist bei heutigen Festivals überflüssig?

Festivals haben auch heute noch aus meiner Sicht zwei große Probleme. Das eine ist der Müll, da wird immer noch viel experimentiert. Ich gehörte viele Jahre auch zu denen, die ihren Platz nicht aufgeräumt haben, weil der Nachbarplatz ebenso vermüllt war. In Roskilde campen wir jetzt zum Beispiel in einem Bereich, wo das Aufräumen Pflicht ist. Da sammeln wir den letzten Kippenstummel auf und sind total stolz. Das ist toll. Es geht viel um Motivation, ich weiß aber auch keine Patentlösung. Den Müllpfand auf dem Hurricane halte ich jedenfalls für groben Unfug. Das geht genau in die falsche Richtung. Jeder gibt einfach eine Tüte ab mit irgendwelchem Müll, nur um Geld zurückzubekommen. Das zweite Problem ist die Schlange vor den Frauenklos. Im Jahr 2019 müsste es technisch möglich sein, auch für Frauen Klos hinzubekommen, wo es schnell geht.

Der Weg hin zu immer mehr Luxus ist doch gut und müsste Ihnen als, mit Verlaub, Festival-Opa entgegenkommen?

Jein. Genauso wie beim Konzert, wo man im übelsten Moshpit stehen muss, um es richtig zu erleben, muss man beim Festival auf dem übelsten Campingplatz sein. Nur dort erlebt man die wahre Stimmung. Wichtig ist ja die Selektion: Nur dadurch, dass es auch unbequem, dreckig und anstrengend ist, kommen die richtigen Leute zusammen. Deswegen halte ich auch nichts von Tagestickets. Meinem Alter gemäß gönne ich mir aber auch einen gewissen Luxus – ein Zimmer oder ein aufgebautes Zelt, wo ich mal einen Tag Ruhe habe.

Wann ist man zu alt für ein Festival?

Man kann nicht zu alt sein für ein Festival. Es gibt sicherlich körperliche Einschränkungen, die einen irgendwann dazu bringen, dass es zu kompliziert wird. Es hängt eigentlich nur mit dem Musikgeschmack zusammen. Vielleicht gibt es irgendwann keine Festivals mehr, die deinen treffen. Oder du wirst zu faul, die Strapazen auf dich zu nehmen.

Magische Momente und Begegnungen – auch 2019 auf dem Campingplatz beim Hurricane. 

Sie sprechen von „magischen Momenten“ auf Festivals. Welche sind das?

Die sind nicht planbar. Die Energie der Interpreten überträgt sich aufs Publikum, wird reflektiert, und auf einmal ist er da. Diese Momente kann man nur abstrakt beschreiben und sie sind teilweise sehr subjektiv, aber es gibt sie. Momente, in denen man genau weiß, dass man davon nie angemessen berichten könnte, aber man merkt, dass man sie gerade erlebt. Wer schon einmal Interpreten wie Bruce Springsteen, Deichkind oder auch die diesjährigen Hurricane-Headliner Foo Fighters gesehen hat, hat so was eventuell schon mal erlebt. Diese Momente kann man nur in der Gruppe erleben, und nur da ergeben sie Sinn. Es kann diese Momente aber auch auf dem Campinggelände geben. Einfach, weil dort aus den völlig gemischten Leuten durch das Line-Up ein „Wir“ entsteht. So wie 1999, als ich zufällig auf dem Weg zum Pinkeln in einem Pavillon in eine junge Gruppe gestolpert bin, die dort Musik gemacht haben. Sie nannten sich Everlaunch und hatten gerade eine Band gegründet.

Wie löst man das Toiletten-Problem?

Es nicht dem Zufall überlassen. Geplant früh morgens das Große erledigen. Mit dem Rest hat man als Mann kein Problem.

Abschließend haben Sie die Chance, allen Hurricane-Besuchern einen Tipp zu geben!

Genießt es in vollen Zügen, das beste Festival ist immer das, bei dem man gerade ist!

Zur Person

Bei der Frage nach der Zahl der Festivals, die er besucht hat, muss der 46-jährige Olaf Precht lange überlegen. „Viele“, sagt er zunächst. Als Anhaltspunkt dient ihm sein Jubiläum aus dem vergangenen Jahr, als er zum 25. Mal Gast bei seinem geliebten Roskilde-Festival in Dänemark war. Dann kramt Precht in seinen Erinnerungen, listet auf und nennt die Zahl 67: Roskilde, Hurricane, Bizarre, Sziget, Wacken, Immergut... Und natürlich ganz viele kleinere Festivals, wo er mitunter selbst organisierend oder als Musiker dabei war. Abseits der Campingplätze schnürt er gerne mal die Laufschuhe, sitzt auf Motorrad oder Rennrad und lebt mit seiner Freundin und den beiden gemeinsamen Kindern in Rotenburg. Precht arbeitet als Softwareentwickler für die Firma „pds“.

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