Festivalprofi Jasper Barendregt im Gespräch

Woodstock und Hurricane im Vergleich: „Wichtig ist es, ehrlich zu sein“

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Die erste Evakuierung des Infields am Eichenring verlief komplett ohne Panik.

Scheeßel – Ein Experiment, das unlängst im „Hurricane-Ort“ spontan über die Bühne ging: ein Beamer, sechs Einspieler vom Woodstock-Festival und einer, der den heutigen Festivalbetrieb kennt wie kaum ein zweiter. Mit sichtlichem Spaß nahm Jasper Barendregt von FKP Scorpio die Herausforderung an, die filmischen Dokumente des wohl legendärsten Festivals aller Zeiten mit dem heutigen Geschehen zu vergleichen und dabei auch das ein oder andere Mal aus dem Festival-Nähkästchen zu plaudern.

Stichwort Kinder: In Woodstock waren stillende Mütter mit Säuglingen und Kinder aller Altersklassen ein normaler Anblick im Festivalgeschehen, und das ohne Gehörschutz. Ist das heute noch so denkbar?

Beim Hurricane sind Kinder ab sechs Jahren in Begleitung eines Erziehungsberechtigten zugelassen. Ob das gut oder schlecht ist, mag ich nur für meine eigenen Kinder beurteilen, aber man darf nicht vergessen: Die Lautstärke heute ist kein Vergleich zu damals. Heute hört man 100 Meter von der Bühne entfernt alles noch sehr gut – das war beim Woodstock schon noch anders…. Ich jedenfalls würde meine eigenen fünf und sieben Jahre alten Töchter noch nicht mitnehmen.

Stichwort Unwetter: Beim Woodstock riet der Sprecher, der auf der Bühne war, bis der Strom abgedreht wurde, dazu, sich etwas überzuwerfen (Cover up), keine Panik zu haben, von den Techniktürmen fernzubleiben und das Unwetter mental und mit „No Rain!“-Parolen zu vertreiben. Wie wirkt das auf Sie?

Man könnte aus heutiger Sicht natürlich ellenlang aufzählen, was alles versäumt und falsch gemacht wurde. Ich will aber mal herausstellen, was der Sprecher richtig gemacht hat. Nämlich, ständig mit den Leuten zu reden. Psychologisch ist das das A und O: den Informationsfluss aufrecht zu erhalten – genau das tun wir heute auch, wenn auch mit einer Vielzahl zusätzlicher Mittel wie zum Beispiel der Festival-App. Bei der ersten Evakuierung in der Geschichte des Hurricane 2016 hatte ich selbst auch Herzklopfen – so eine Geländeräumung hatte es vorher noch nie gegeben. In 17 Minuten waren alle Menschen raus, und das sehr entspannt und ganz ohne Panik. Wichtig ist, ehrlich zu sein. Früher hieß es standardmäßig „technischer Defekt“, heute sagt man die Wahrheit – selbst bei Terrorismus oder Feuer. Massenpanik gibt es nicht, wenn die Leute informiert sind und selber jederzeit in der Lage sind, Entscheidungen zur eigenen Sicherheit zu treffen.

Auch in Woodstock blieben danach die Schlammmassen nicht aus. Die Besucher machten das Beste draus und veranstalteten Schlammrutschen – kommt Ihnen bekannt vor, oder?

Allerdings. Bei allen Unterschieden zwischen Woodstock und Hurricane: einiges ist dann doch gleich. Eines der stärksten Bilder war es, als jemand sich vom Quad hat ziehen lassen und auf einer Dixiklotür gesurft ist. Als ich die alten Aufnahmen eben sah, dachte ich: Hoffentlich hat der Landwirt vorher keine Gülle ausgefahren! (lacht). Bei uns ist das spätestens sechs Wochen vor dem Festival tabu.

Hurricane-Ticker: Alles News vom Festival im Blick

Ein Zeitzeuge, ein Farmer aus der Region, erinnert sich daran, wie friedlich die jungen Menschen damals gefeiert haben. Gibt es da Parallelen zum Hurricane?

Man könnte Woodstock als Blaupause fürs Hurricane ansehen. Unser Ziel ist, dass die Kids herkommen, um ihr eigenes Woodstock zu erleben, aber dann ohne das Chaos.

Wobei das Publikum beim Hurricane nicht wirklich nur aus jungen Leuten besteht.

Das stimmt, heute kommen zusätzlich zu den jungen Kids auch ältere Festivalfans, die Altersstruktur ist breiter geworden. Das hat natürlich auch Einfluss auf das Line-Up. Schauen Sie die Headliner am Sonntag an: Welcher 17-Jährige kennt schon „The Cure“?

Einer der Mitveranstalter erinnert sich: Einige Musiker waren so high, dass ihr Auftritt verschoben werden musste, andere mussten ärztlich behandelt werden. Was passiert denn heute so im Backstage-Bereich?

Sie meinen Sex, Drugs, Rock’n‘Roll? Da muss ich Sie enttäuschen. Bands sind heute GmbHs: Sie sind am Wochenende für zwei oder sogar drei Gigs gebucht, da haben Drogen kaum Platz. Trotzdem ist es ganz interessant, was von den Künstlern Backstage so gewünscht wird: der eine will nur blaue M&Ms, die nächste eine Garderobe ganz in Weiß… Das darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen: Künstler zu sein, ist heute harte Arbeit!

Der letzte Clip zeigt den erst 20-jährigen Michael Shrieve von Santana, der ein furioses Drumsolo hinlegte, angeblich ganz ohne Drogen. Was sagen Sie dazu?

Ganz großes Kino – für solche Momente leben und arbeiten wir.

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