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Hilfe im Ausnahmezustand: Das sind die Notfallseelsorger beim Hurricane

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Von: Andreas Schultz

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Notfallseelsorge beim Hurricane-Festival ist ein bisschen wie Feuerwehr für psychische Notlagen - in etwa so sieht es Ulrich Wilke, der das schon seit mehr als 20 Jahren macht.

Scheeßel – „Pflaster für die Seele“: Das bietet die Notfallseelsorge den Besuchern der Hurricane-Festivals schon seit Jahren. So wie Ulrich Wilke die Leistung seines Teams umschreibt, klingt es verniedlichend, doch der Eindruck trügt. Tatsächlich sind die Ehrenamtlichen oft Ansprechpartner bei ernsten Themen, zum Beispiel bei sexueller Belästigung.

Hurricane Festival 2022: Hilfe in Notlagen

Für Wilke ist es der inzwischen 20. Einsatz beim Festival. „Das hat alles als kleiner Ein-Mann-Betrieb angefangen“, denkt er laut zurück. Inzwischen sind mindestens zwei immer direkt am Hauptverbandsplatz, es gibt ein Zwei-Schichten-System von 15 bis 2 Uhr – und außerhalb dieser Zeit sind die Helfer telefonisch erreichbar. Laut Wilke fühlt sich die Truppe dem DRK zugehörig, technisch ist sie dem evangelischen Kirchenkreis untergeordnet.

„Wir sind hier für die da, die neben dem Medizinischen vielleicht auch eine seelische Versorgung brauchen“, fasst Wilke zusammen und fügt hinzu: „Das geht weit über das hinaus, was der Laie vielleicht denkt: Es geht nicht nur um Hilfe bei Liebeskummer“.

Eine ausweglose Situation kann sich schnell einstellen

Wie schnell man die Hilfe der Notfallseelsorge gebrauchen kann, macht er an einem Beispiel deutlich: Wer in der Menschenmasse stürzt, kann sich schon mal in der ausweglosen Situation wiederfinden, dass alle anderen nur über einen hinwegsteigen statt zu helfen. Schafft man es nicht selbstständig, aufzustehen, könne schon mal eine Panikattacke einsetzen.

Elsbeth Bonath, Almuth Baack Bione, Dörte Schnackenberg und Ulrich Wilke
Elsbeth Bonath (v.l.), Almuth Baack Bione, Dörte Schnackenberg und Ulrich Wilke helfen beim Hurricane als Notfallseelsorger – zu erkennen an den lila Westen. © Schultz

Dass jemand mit den vielen neuen Eindrücken eines Festivals nicht zurechtkommt, Lautstärke, viele Menschen, kommt nicht selten mit Schlafentzug, Alkohol und anderen Stressfaktoren zusammen. So wird der eine oder andere anfälliger für psychische Notlagen.

Es geht auch um praktische Hilfe

Eine andere Variante ist der Festivalbesucher, der mitbekommt, dass es zuhause familiäre Probleme gibt. Er fühlt sich hilflos – und findet bei den Notfallseelsorgern ein offenes Ohr. Bei der Tätigkeit gehe es oft ums Zuhören und auf diese Weise erst einmal Stabilität und Halt zu geben. Manchmal auch darum, gemeinsam nach einer Lösung für das Problem zu suchen. Fährt der Besucher nach Hause? Wie? Oder findet man Möglichkeiten, das Festival trotz daheim wartender Probleme zu genießen?

Seelische Erste Hilfe: Darum geht es. Manchmal gibt es auch Probleme, die Team und Betroffener nicht gemeinsam zuende denken können. Die Fälle sind verschieden: Mal ist die Polizei der nächste logische Ansprechpartner, mal ein Therapeut, mal eine Einrichtung der Opferhilfe. Über konkrete Beispiele aus der Tätigkeit kann Wilke nicht sprechen: Das Team hält sich strikt an die Schweigepflicht.

Manches hängt den Seelsorgern auch nach

Die Tätigkeit verlangt Empathie, das sich Einfühlen können. Lässt man am Ende einer Schicht alles hinter sich? „Manches hängt einem schon nach“, gesteht Wilke. Sein Mantra: „Wenn man jemanden psychisch betreut, steht man erstmal außen vor.“ Das richtige Verhältnis von Nähe und professioneller Distanz sei wichtig, sagt Wilke. Es sei wie bei einem Feuerwehrmann, der ein Haus löscht. „Natürlich ist das Scheiße. Aber als Feuerwehrmann ist das nicht mein Haus. Und das macht mich handlungsfähig.“

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