Toxikologe informiert:

„Hier gibt es keine Toleranz“

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Hermann Kruse

Wittorf - Die Nachricht ist brisant. Denn bei dem Chemie-Cocktail, den die Gasversorger beim Fracking verwenden, und dem Lagerstättenwasser, das tonnenweise in Wittorf-Grapenmühlen, in Söhlingen, in Hassendorf oder in Völkersen in den Tiefen versenkt wird, handelt es sich laut Hermann Kruse um „gesundheitsbelastende Substanzen.

 

Der Toxikologe an der Uni Kiel sprach am Dienstagabend im Wittorfer Dorfgemeinschaftshaus vor rund 150 besorgten Zuhörern. Eingeladen dazu hatte die örtliche WUG-Initiative.

An selber Stelle hatten vor mehr als einem Jahr noch Vertreter der RWE DEA bei einer Info-Veranstaltung das Lagerstättenwasser als „vorwiegend nur Wasser“ und „bei geringsten Konzentrationen anderer Stoffe“ verharmlost (unsere Zeitung berichtete). 60 Erdgasbohr- und Verpressstellen existieren zwischen Visselhövede und Sottrum. Wie wirkt deren Betrieb sich auf die Gesundheit aus? „Nur 2,5 Prozent des Erdgasverbrauchs in Deutschland wird durch Frack-Gas abgedeckt“ erklärte Kruse. „Bei den Risiken lohnt sich Fracking keinesfalls. Das sehen aber Exxon und RWE DEA anders.“ Beim Fracking würden 60 Prozent Chemie-Cocktails in der Erde bleiben. Zwar behaupte die Industrie, die Frac-Flüssigkeit bestünde bis zu 98 Prozent aus Wasser und sei keinesfalls giftig, „aber die Frac-Flüssigkeit wie sie in Söhlingen eingesetzt wird, besteht aus 200 verschiedenen Verbindungen“, so der Fachmann, der der Industrie vorhielt, „teils mit dürftigen, irreführenden Angaben die Bevölkerung zu informieren“.

Und der Wissenschaftler stellte fest: „Beim Fracking kann das Grundwasser belastet werden. Beim Verpressen besteht das Risiko das oberflächennahe Wasser zu verunreinigen und zu Bodenbelastung durch Leckagen. Damit können Substanzen in den Boden eingewaschen werden.“ Die Industrie verwendet Materialien, „da springt einem Chemiker das Messer in der Tasche auf“, weil sie belastend für die Umwelt seien. Kruse: „Quecksilber wird eingeatmet und gelangt ins Gehirn. Benzol macht Leukämie. Bei diesen Stoffen gibt es keine Toleranz.“

Er berichtete von dem Ergebnis der Untersuchung einer Familie, die in Söhlingen von drei Frac-Feldern umzingelt ist. Bei allen drei habe sein Institut in Blut und Urin erhöhte Werte an Quecksilber, Benzol und Toluol festgestellt, „die zwar erhöht, aber keinesfalls gesundheitsschädigend sind“, formulierte Kruse. Ob ein Zusammenhang zwischen gehäuften Erkrankungen in Wittorf mit der Verpressung in Grapenmühlen bestehe, könne nur in einer aufwändigen Studie untersucht werden.

Der Toxikologe forderte eine Umweltverträglichkeitsprüfung bei jedem Fracking, eine Bürgerbeteiligung sowie eine Luftanalyse im Umfeld von Frackingfeldern und das Einholen hydrogeologischer Gutachten. Zudem müsse die Nachsorge von Bohrungen gegeben seien. Das könne man keinesfalls der Kommune überlassen, so Kruse, bei dessen Vortrag man eine Stecknadel hätte fallen hören können. · woe

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