Psychotherapeutin Dr. Petra Feind-Zehr setzt bei ihrer Arbeit mit Patienten bewusst Märchen ein

Die Heilkraft der Gebrüder Grimm

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Dr. Petra Feind-Zehr: „Man braucht für jeden den richtigen Schlüssel.“

Rotenburg - Von Wieland Bonath. „Es war einmal ...“ Vor 200 Jahren legten die die Gebrüder Wilhelm und Jakob Grimm ihre berühmte Sammlung von Kinder- und Hausmärchen an.

Zum ersten Mal waren eine Fülle von Erzählungen in drei dicken Bänden für den Bücherschrank vereint. Eigentlich haben es Märchen gar nicht so gern, wenn sie gefesselt auf Papier den Leser erwarten müssen – sie fliegen lieber ungebunden und gestalten ihr Leben nach einem typischen Muster.

Ein Märchen von Patienten zu einem Bild umgesetzt.

Dazu die Rotenburger Ärztin und Psychotherapeutin Dr. Petra Feind-Zehr, die die Arbeit mit Märchen in ihren medizinischen Alltag einbezogen hat: „Es war der Zeit angemessen, dass die Gebrüder Grimm die Märchen aufgeschrieben haben, weil die Zeit so viel schnelllebiger wurde und an vielen Stellen nicht mehr erzählt wurde. Ich denke, dass sie den großen Schatz der deutschsprachigen Märchen gesammelt und bewahrt haben mit dem Nachteil der Konservierung. Eingemachte Erdbeeren schmecken nicht so wie frische.“

In bester Absicht, betont die Medizinerin, hätten die Grimms die Sammlung ihres Volksschatzes angelegt, aber Märchen verlangten danach, dass sie erzählt würden: „Dadurch, dass so viele Menschen sie erzählen, entsteht zum Schluss der so genannte Bedeutungsüberhang.“ Die 60-jährige Psychotherapeutin, die in Rotenburg ein Institut führt, ergänzt: „Dadurch, dass so viele Menschen ihr persönliches Wissen und ihre persönlichen Gefühle in das jeweilige Märchen hineingegeben haben, entsteht eine symbolhafte Geschichte, die immer einen Bedeutungsüberhang hat. Das heißt, jeder kann für ihn Wichtiges in einem Märchen finden.“

Petra Feind-Zehr wurde in Erfurt geboren. In der thüringischen Hauptstadt wuchs sie auch auf. Und wenn sie die Augen schließt und an ihre Kindheit denkt, dann sieht sie sich zusammen mit ihrer Großmutter Liddy mittags auf dem Chaiselongue wie sie „kuscheln“ und wie ihre Oma – ein wahrer Quell von Geschichten – ihr Märchen erzählt. Ein kleines Mädchen, dass diese Erzählungen liebte und einige nicht ausstehen konnte. Zum Beispiel „Gulliver, weil der nicht menschlich genug war“. „Sterntaler“ war ihr Lieblingsmärchen.

Wenn sie heute diese Geschichten definiert: „Märchen sind überlieferte Geschichten, in denen sich die Menschen existentielle Themen erklären wollen. Durch das Weitererzählen der Märchen entsteht der Bezug zum jeweils gültigen Zeitgeist. Die existentiellen Probleme sind überall gleich. Das bedeutet, bestimmte Märchenmotive finden sich in allen Kulturen, passen sich im Verlauf der Generationen den kulturellen Gegebenheiten an.“

In der alten Universitätsstadt Heidelberg studierte Petra Feind-Zehr Medizin, war als junge Ärztin in der Chirurgie tätig, um inzwischen als ungewöhnlich produktiver „Unruhegeist“ als Psychotherapeutin zu arbeiten. Rundum eine Arztfamilie: Ihr Vater, ihr Ehemann Dr. Walter Zehr als Narkosearzt und sie selbst, die von sich sagt: „Ich liebe die Medizin, und ich mag die Menschen.“ In der Psychotherapie sei „der Patient der Experte“. Sie gebe ihr Fachwissen hinzu, und gemeinsam mache man sich auf die Suche nach der Heilung.

Das Märchen, wenn es richtig eingesetzt wird, den Heilungsprozess erstaunlich unterstützen. Die Wahl eines bestimmten Märchens durch den Patienten kann eine Information für den Therapeuten sein. Ableitend davon lässt sich der Stand der individuellen Entwicklung lokalisieren. Beim Erzählen seines Lieblingsmärchens stoppt der Patient an einer bestimmten Stelle. Auch daraus kann der Arzt lesen.

„Wenn sich jemand mit Aschenputtel identifiziert“, fährt Dr. Feind-Zehr fort, „dann kann es sein, dass sich dieser Patient vom Leben schlecht behandelt fühlt und meint, immer die Erbsen aus der Asche pulen zu müssen.“

Die Medizinerin bietet unter anderem für Gruppen mit Teilnehmern im Alter von 30 bis 65 Jahren an, sich auf unkonventionelle Art mit Märchen zu beschäftigen. Zuletzt war es „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Das Märchen wurde gemalt und auch im Tanz umgesetzt. Dr. Petra Feind-Zehr: „Für mich bieten die Märchen immer wieder Überraschungen und sie regen meine Phantasie an. Sie machen das Leben farbig und bunt. Für mich ist es wichtig, dass die Dinge sinnlich erlebbar sein müssen.“

Aus Anlass des fünfjährigen Bestehens des Instituts steht am 12. Januar von 14 bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür auf dem Programm. In Espresso-Vorträgen geht es um Themen wie Burnout, Märchen und Kraftquellen. Außerdem zeigt Masseurin Andrea Mau wie Hände richtig massiert werden. Und Dr. Petra Feind-Zehr hat sich vorbehalten, zum Schluss ein Märchen zu erzählen.

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