Lateinlehrer tagen im Ratsgymnasium

Gute Bildung verlangt nach Zeit

Professor Bernhard Zimmermann (r.) überreicht Dr. Walter Jarecki die Pegasus-Nadel und die Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Altphilologenverbandes.
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Professor Bernhard Zimmermann (r.) überreicht Dr. Walter Jarecki die Pegasus-Nadel und die Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Altphilologenverbandes.

Rotenburg - Hunderte von niedersächsischen Lateinlehrern führte der „Latinistentag“ im Rotenburger Ratsgymnasium zusammen. „In den nachmittäglichen Arbeitskreisen zeigte sich das Heutige der alten Sprache“, fasst Pressesprecherin Astrid Mujica Alvarado das Ergebnis zusammen.

Dabei ging es um lateinisch erzählte Märchen der Gebrüder Grimm, um die Anfertigung lateinischer Tattoos und ebenso um die Empfehlung, Studienfahrten für Lateinkurse nach Griechenland zu organisieren.

Der Tipp mit Griechenland scheint stimmig, wenn man bedenkt, dass das Wort Schule vom Griechischen schole abstammt und „Muße, freie Zeit, Arbeitsruhe“ bedeutet. Aus dieser Abstammung wurde das lateinische Wort schola, welches für „Vortrag, Vorlesung, Schule“ steht. Damit ist eigentlich schon alles gesagt, was für die Besucher der Veranstaltung eine gute Bildung beinhalten muss, sie verlangt nach Zeit, die mit Schule zur Persönlichkeitsbildung führen soll.

Zeit ist nach Ansicht vieler an diesem Vormittag nicht genug vorhanden. Der Fokus des Lateinunterrichts liegt immer noch auf dem gelesenen Wort. Daher hat für den Vorsitzenden des niedersächsischen Altphilologenverbandes, Burghard Gieseler, die Lektürefähigkeit der Lernenden Priorität. Erst dann sei eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Texten in lateinischer Sprache möglich. Er eröffnete in seiner Begrüßungsrede den Streit über die richtige Bildung, nicht nur im alten Rom, sondern nahm Stellung zu den Herausforderungen, denen sich Latein- und Gymnasiallehrer heutzutage ausgesetzt sehen. Gieseler äußerte seine Empörung über die Folgen des achtjährigen Gymnasiums und vermutete nicht nur hinter der von der Landesregierung angestrebten Erhöhung der Unterrichtsstundenzahl ausschließlich für Gymnasiallehrer eine Beschneidung gymnasialer Bildung.

Der gastgebende Schulleiter Dr. Walter Jarecki stellte in seiner Willkommensrede und Vorstellung des Ratsgymnasiums die Worte des griechischen Philosophen Heraklit voraus, der im Krieg, im Streit den Vater aller Dinge sah. Und so wurde in der Aula des Ratsgymnasiums weiter gestritten. Landrat Herrmann Luttmann, dessen Haus als Kriegsschauplatz herhielt, betonte einen Wunsch nach dem Gymnasium und einer weiteren Schulform. Er selbst bedauerte, als Schulkind aufgrund reformpädagogischer Bestrebungen nicht Latein gelernt zu haben. Somit konnte er im Jurastudium Hinweise des Professors nicht deuten und war seinen drei Kindern in der Frage des häuslichen Lernens im Fach Latein kein Ansprechpartner.

Die Kultusministerin hatte Regierungsdirektorin Eva Busse mit Grußworten nach Rotenburg entsandt. Sie stellte eine solide Position des Lateinischen fest, da 50 Prozent aller Schüler Latein als zweite Fremdsprache anwählten. Des Weiteren gab sie zu, als Französischlehrerin die Kollegen um die inhaltliche Tiefe ihres Faches zu beneiden.

Bevor Professor Bernhard Zimmermann, Universität Freiburg und Bundesvorsitzender des Altphilologenverbandes, als Letzter in den Ring stieg, freute sich der Vorsitzende des Niedersächsischen Philologenverbandes, Horst Audritz, über den Schulterschluss aller Lehrerverbände in der Frage nach der richtigen Bildung für Niedersachsen. Er mahnte die Verantwortlichen unter anderem an, bei ihren bildungspolitischen Entscheidungen nicht nur auf die ökonomische Verwertbarkeit der Wissensbildung zu stieren.

In seinem Referat über den „Streit um die richtige Bildung in Rom“ stellte Zimmermann fest, dass sich die antiken Streitigkeiten nicht nur hinsichtlich der Probleme, sondern auch bezogen auf den Wortgebrauch ähnelten. Der Freiburger erwähnte den Wunsch römischer Gelehrter, Schriften im Original lesen zu wollen und nicht nur in der Übersetzung, denn nur mit der vertieften Fachkenntnis sei die inhaltliche Verbindung und deren Zusammenhang mit anderen Fächern nachvollziehbar. Er betonte in seinem Vortrag nochmals Ciceros Streben nach Beschäftigung mit Würde. Weiterhin ging es auch in Rom um mehr als die Beherrschung von Wissen, nämlich um das Lernen menschlichen Verhaltens, der humanitas.

Zum Abschluss der Begrüßungsveranstaltung ehrten die Latinisten in Rotenburg Dr. Walter Jarecki, im Januar scheidender Schulleiter des Ratsgymnasiums, für sein Lebenswerk als Altphilologe und bedankten sich für sein jahrzehntelanges Engagement im Sinne des Streits nach der richtigen Bildung für Rotenburger und niedersächsische Gymnasiasten. Den Schlusspunkt setzten Schüler der Klasse 10m mit ihrem musikalischen Vortrag des Songs „Every breath you take“ von Sting. Sie betonten die Worte „I'll be watching you“ und machten deutlich, dass ihnen der Ausgang des Streits nicht egal ist.

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