Dr. Bernhard Prankel zur Bedeutung von Märchen für die kindliche Entwicklung

„Gut und Böse getrennt“

+
Dr. Bernhard Prankel ist Psychologe, Kinderarzt und Kinder- und Jugendpsychiater.

Rotenburg - Von Mareike Bannasch. Märchen sind seit Jahrhunderten nicht aus den Kinderzimmern wegzudenken. Welche Bedeutung diese Geschichten noch haben und ob sie wirklich zu brutal sind, darüber haben wir mit Dr. Bernhard Prankel, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie am Diakoniekrankenhaus, gesprochen.

Welche Rolle spielen Märchen in der kindlichen Entwicklung? Sind sie in Zeiten medialer Reizüberflutung überhaupt noch von Bedeutung?

Dr. Bernhard Prankel: Kinder lassen sich leicht von Geschichten mit wundersamen Begebenheiten faszinieren. Sie identifizieren sich mit dem armen Schneiderlein, das es durch seinen Einfallsreichtum mit Riesen und Einhörnern aufnehmen kann. Märchen sind ein wichtiges Kulturgut. Heute wirken Märchenbücher leider bei vielen Menschen so antiquiert wie gebundene Lexika: Wofür braucht man sie, wenn Fernsehen und Computer einem das Fantasieren abnehmen? Es gibt aber noch Eltern, die ihren Kindern vorlesen, in ihrem Nachwuchs spannende innere Bilder entstehen lassen, bei denen man sich gruseln kann, und die am Ende gut ausgehen. Happy End, welch’ ein schönes Versprechen!

Märchen sind für Kinder gut zu verstehen, zumal Gut und Böse stets getrennt sind. Da unterscheiden sie sich gar nicht von den meisten Filmen, die sich Erwachsene ansehen. Das Kind identifiziert sich mit dem tapferen Schneiderlein, während die Großen sich Varianten von „Räuber und Gendarm“ ansehen.

Viele Erwachsene vertreten die Ansicht, dass Märchen, insbesondere die der Gebrüder Grimm, zu brutal sind. Teilen Sie diese Kritik?

Dr. Prankel: Schon vor Hunderten von Jahren holte man ohne ein gewisses Maß an Spannung keinen mehr hinter dem Ofen hervor. Hexenverbrennung ist heute nicht mehr angesagt, aber wie sollen wir „Hänsel und Gretel“ denn heute enden lassen? Meinen Sie, Hänsel und Gretel sollten die Polizei holen und später vor Gericht als Zeugen auftreten? Daraus wird nichts, sie sind minderjährig und, halb verhungert, in ihrer Wahrnehmung eingetrübt; zudem haben sie sich am Knusperhäuschen durch Sachbeschädigung, Diebstahl und Mundraub strafbar gemacht. Selbst wenn die Hexe zu einer Haftstrafe verurteilt würde: Jedes Kind weiß doch, dass sie sich spielend leicht wieder heraushexen würde! Kindliches Erleben sollten wir niemals mit dem Maßstab Erwachsener messen. Es ist schlichter, aber bisweilen auch erheblich eindrücklicher. Einige von Hans-Christian Andersens Märchen etwa sind sicher nichts für Kinder. Aber lassen Sie uns nicht vergessen, dass das erheblich höhere Maß an Brutalität täglich aus Radio und Fernsehen kommt.

Beeinflussen Stereotype, wie das Bild der bösen Stiefmutter oder des gefährlichen Wolfes, nach wie vor die Gesellschaft?

Dr. Prankel: Hauptamtliche Stiefmütter gibt es in unseren Breiten etwa so selten wie Wölfe. In der Regel sind sie hauptberuflich selbst Mütter – und das rehabilitiert sie sofort. Natürlich lege ich gerne auch noch ein gutes Wort für Tiere ein: In Märchen können Tiere in aller Regel sprechen, sie sind aber in ihrer „Humanität“ ansonsten noch zurückgeblieben. Dafür haben wir Verständnis, aber wir sollten hier nicht zweierlei Maß anlegen: Neben dem „bösen“ Wolf werden wir weder den Löwen noch das Krokodil als netten Kasperle-Begleiter in nächster Zeit davon überzeugen, sich ihren Antilopen-Snack nach einem charmanten Schwatz mit der Fleischereifachverkäuferin in „humaner“ Weise als Frikadelle über den Tresen reichen zu lassen.

Haben Märchen als Spiegel der Gesellschaft heute überhaupt noch Bedeutung?

Dr. Prankel: Heute müssen Märchen modern und multimedial herüberkommen, sonst empfinden Kinder sie kaum als attraktiv: Waren es zunächst die Zeichentrickserien, welche einem die optische Fantasie ersparten, so kann man sich heute durch Filme wie „Superman“, „Star Wars“ oder „Harry Potter“ multimediale Sinneseindrücke komplett liefern lassen. Den Begriff des „Märchens“ verwenden wir heute üblicherweise anders. Wir meinen damit eine „geschönte Darstellung“ – und das ist selbst schon geschönt. Wir meinen eigentlich die Lügen, die uns alltäglich zigfach begegnen: Automarken, die Ideale wie Luxus oder Sicherheit versprechen; teure Medikamente ohne Wirkstoff; Hasen oder bärtige Männer, die uns sofort unsere Geldbeutel öffnen lassen.

Was können Kinder und vielleicht auch Erwachsene von Märchen lernen?

Dr. Prankel: Es war einmal vor langer Zeit, als Träume noch wahr wurden und Märchen zur Freude und zur Erbauung der Menschen erzählt wurden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden Märchen wie auch ihre Erzähler in Ehren gehalten immerdar!

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Visselhöveder Familie bangt um das Leben ihres Hundes

Visselhöveder Familie bangt um das Leben ihres Hundes

Visselhöveder Familie bangt um das Leben ihres Hundes
Weg frei für Kalandshof-Quartier

Weg frei für Kalandshof-Quartier

Weg frei für Kalandshof-Quartier
Baumfällarbeiten am Kattensteertsee

Baumfällarbeiten am Kattensteertsee

Baumfällarbeiten am Kattensteertsee
Kindergartenausbau kommt der Gemeinde Hassendorf teuer zu stehen

Kindergartenausbau kommt der Gemeinde Hassendorf teuer zu stehen

Kindergartenausbau kommt der Gemeinde Hassendorf teuer zu stehen

Kommentare