Interview: Uwe Wahlers, Leiter der Grundschule Scheeßel, über die offene Eingangsstufe

„Große Zufriedenheit vorhanden“

Er glaubt, dass sich die Arbeit, die jetzt in der Eingangsstufe begonnen wird, irgendwann auch in Klasse 3 und 4 fortsetzen wird: Uwe Wahlers, Rektor der Grundschule Scheeßel. ·
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Er glaubt, dass sich die Arbeit, die jetzt in der Eingangsstufe begonnen wird, irgendwann auch in Klasse 3 und 4 fortsetzen wird: Uwe Wahlers, Rektor der Grundschule Scheeßel. ·

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Dass ABC-Schützen und Zweitklässler gemeinsam lernen, gehört an der Grundschule Scheeßel inzwischen zum Alltag. Seit Beginn des Schuljahres 2011/12 gibt es hier die so genannte offene Eingangsstufe:

Das Prinzip: „Schüler lernen von Schülern“. Im Interview spricht Rektor Uwe Wahlers (62) über das Modell, über Hürden, die es zu nehmen galt und über die Schule von morgen.

Herr Wahlers, offene Eingangsstufe – was heißt das eigentlich konkret?

Uwe Wahlers: Das heißt, dass für die Kinder, die in die Schule kommen, die Möglichkeit besteht, die ersten zwei Schuljahre in einem, zwei oder drei Jahren zu durchlaufen – je nachdem, welche Vorkenntnisse sie mitbringen. Der erste und zweite Schuljahrgang wird nicht mehr voneinander getrennt, sondern jetzt miteinander vermischt. Folglich haben wir jetzt zehn Eingangsstufenklassen.

Kommen die Kinder denn heute mit so unterschiedlichem Potential in die Schule?

Wahlers: Ja. Die einen können lesen und schreiben, andere sind noch nicht einmal in der Lage, richtig auf dem Stuhl sitzen. Das ist die Bandbreite, die wir heute vorfinden. Durch die Eingangsstufe ist die Möglichkeit gegeben, für die leistungsstarken Kinder das Pensum schon in einem Jahr zu erledigen, die gehen dann gleich in Klasse 3. Normal ist wie bisher ein Durchlauf von zwei Jahren. Für die schwächeren Schüler besteht die Möglichkeit, das Pensum in drei Jahren zu erledigen. Der Vorteil für die schwächeren Schüler besteht darin, dass sie während der ganzen Zeit keinen Lehrerwechsel haben und mit der nötigen Zeit ihre Aufgaben erledigen können.

Wie werden die Schüler denn in der neuen Eingangsstufe unterrichtet?

Wahlers: Wenn man in diesem Modell arbeitet, muss man Unterricht aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen. Man hat nicht mehr eine Lerngruppe, der man gemeinsam etwas beibringt, in der es am Ende fast alle schaffen, während ein Teil nicht versetzt wird. Die Sichtweise ist heute so: Wie kann ich einem Kind individuell den Lernstoff zubereiten und von ihm etwas verlangen, was auf dem Niveau des Einzelnen ist?

Was bedeutet das konkret?

Wahlers: Dass in der Klasse viel selbstständig gearbeitet wird. Auch muss man jede Menge Material vorhalten. Vieles läuft auch so, dass die Schüler selbstständig zum Material greifen und selber kontrollieren, ob sie es auch richtig gemacht haben.

Welche Rolle spielt dann noch die Lehrkraft?

Wahlers: Sie ist so eher Managerin dafür, dass jeder auch den ihm zugedachten Lernstoff absolvieren kann – in dem eigenen Tempo, welches das Kind für sich in Anspruch nimmt.

Die Lehrkräfte werden also deutlich mehr gefordert?

Wahlers: Dadurch, dass sich die Bandbreite so erhöht hat, müssen sie für unterschiedliche Niveaus immer einen eigenen Lernstoff vorbereiten. Das ist anfangs natürlich enorm belastend, da die Materialien alle erst erarbeitet werden müssen. Im Laufe der Zeit macht sich das dann aber bezahlt, weil man dann auf das von ihnen vorbereitete individuelle Material zurückgreifen kann.

Wie haben Sie die Eltern von dem Modell überzeugt?

Wahlers: Ehrlich gesagt mussten wir anfangs schon etwas Überzeugungsarbeit leisten. Wir haben auch Informationsveranstaltungen durchgeführt und uns kompetente Hilfe von Lehrkräften aus Schulen geholt, die mit der Eingangsstufe schon Erfahrung gemacht hatten. Die haben dann den Eltern dargestellt, welche Chancen in dieser Beschulungsform liegen. Ich selbst war ganz erstaunt, dass wir bei dem entscheidenden Elternabend, bei dem es darum ging, die offene Eingangsstufe einzuführen, mit über 90-prozentiger Zustimmung durch die Eltern nach Hause gegangen sind. Wir haben dann im Schuljahr 2011/12 die Eltern darauf vorbereitet, dass die Klassen nach einem Jahr aufgeteilt werden, man muss ja erstmal in die Altersmischung eintreten. Seit Beginn dieses Schuljahres haben wir diese Mischung.

Und was sagen die Eltern heute, knapp anderthalb Jahre nach der Einführung?

Wahlers: Von Elternseite habe ich bisher gehört, dass eine große Zufriedenheit vorhanden ist. Von Seiten der Lehrkräfte ist übrigens angemerkt worden, dass es ein sehr effektives Arbeiten ist. Die Klassen sind soweit, dass die Kinder darauf eingestellt sind. Ich selbst bin schon in allen Eingangsklassen gewesen und war erstaunt darüber, wie selbstständig die ABC-Schützen schon arbeiten konnten und wie vertraut sie mit den Abläufen waren.

Inwiefern wird die Eingangsstufe Schule nachhaltig verändern können?

Wahlers: Gerade im Hinblick auf die bevorstehende Inklusion ist dieses Modell ein wichtiger Schritt für uns nach vorne gewesen. Wir werden ja in Zukunft alle Schüler aufnehmen, wenn die Eltern es wünschen. Im Bereich Lernen machen wir das jetzt schon. Aber es werden noch andere Bereiche hinzukommen. Dann wird es wichtig sein, dass alle Lehrkräfte in der Lage sind, individuell zu unterrichten. Ich glaube ja, dass sich die Arbeit, die jetzt in der Eingangsstufe begonnen wird, irgendwann auch in Klasse 3 und 4 fortsetzen wird. Ich hoffe das jedenfalls.

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