Am Rotenburger Amtsgericht wird weiter nur in Ausnahmefällen kontrolliert

Gedämpftes Echo auf Todesschüsse von Dachau

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Den Ernstfall nachgestellt: Die Wachtmeister des Amtsgerichts durchsuchen Direktor Joachim Kost an der rollbaren Sicherheitsschleuse. ·

Rotenburg - Von Matthias BergerAmtsgericht Dachau, Bayern, 11. Januar: Der wegen Untreue zu einem Jahr auf Bewährung verurteilte Angeklagte Rudolf U. zieht eine Schusswaffe und drückt ab. Drei Kugeln treffen den 31-jährigen Staatsanwalt Tilman T., der im Krankenhaus seinen Verletzungen erliegt. Der Vorfall löst Debatten um die Sicherheit in deutschen Gerichten aus. Am Rotenburger Amtsgericht geht jedoch alles seinen gewohnten Gang. Angeklagte, Zeugen oder Besucher werden nur in Ausnahmefällen kontrolliert.

„Unsere Wachtmeister sitzen am Eingang und werfen einen Blick auf unser Publikum“, sagt Direktor Joachim Kost, „so weit möglich“. Eine Durchsuchung ordnen die zuständigen Richter dagegen nur in begründeten Verdachtsfällen an. Besonders heikel sind seinen Angaben zufolge Familienverhandlungen wie Sorgerechtsstreitigkeiten oder Gewaltschutzverfahren. „Wenn der Ehemann bereits mehrfach als Gewalttäter in Erscheinung getreten ist, ordnen wir eine Durchsuchung an“, erklärt Kost. „Bei Familienverhandlungen ist das Gewaltpotenzial am größten. Deshalb sitzt immer ein Wachtmeister mit im Gerichtssaal. Allein deren Anwesenheit wirkt in der Regel deeskalierend.“

Ein weiterer Fall ist laut Kost ein Verfahren, in dem der Richter einen psychisch Kranken für nicht geschäftsfähig erklärt und ihm einen „Betreuer vor die Nase setzt“. Wenn aus der Akte des Betreuungspflichtigen hervorgehe, dass er gewaltbereit ist, ordnen die Richter ebenfalls eine Durchsuchung an.

Für die Kontrollen sind die Wachtmeister des Amtsgerichts zuständig. Neben einer rollbaren Sicherheitsschleuse mit Metalldetektoren stehen ihnen dafür auch ein mobiler Metalldetektor und schnittfeste Handschuhe zur Verfügung, „mit denen man schon mal in ein Messer greifen kann“, wie einer der Wachtmeister erklärt.

In jedem Sitzungssaal befindet sich nach Angaben Kosts ein Alarmknopf, auch in den Büros gebe es mobile Notrufgeräte, um die Wachtmeister zur Hilfe zu rufen. Diese tragen zwar keine Schusswaffe, haben jedoch eine vierwöchige Nahkampfausbildung absolviert und sind mit Schlagstock und Pfefferspray ausgerüstet. „Das funktioniert fast wie eine Wasserpistole. Damit erzielen wir auf drei bis fünf Metern gute Ergebnisse“, versichert einer der Justizbeamten. Neben der vierwöchigen Grundausbildung absolvieren die Wachtmeister vierteljährlich eintägige Schulungen. Bei dem so genannten Situationstraining geht es darum, mögliche Notfälle realitätsnah nachzuspielen.

Zu einem echten Notfall ist es in Rotenburg nach Angaben Kosts bisher nicht gekommen. In seiner Zeit als Direktor des Amtsgerichts in Sulingen sei nur einmal ein Taschenmesser gefunden worden. „Aber das ist wahrscheinlich nicht für den Zweck eines Angriffs mitgebracht worden.“

Über den Vorfall in Dachau sei am Rotenburger Amtsgericht aber natürlich gesprochen worden. Der Tenor sei jedoch, dass es sich um einen Einzelfall handelt. „Wir sind ein öffentliches Gebäude und möchten den Bürgern auch weiterhin die Möglichkeit geben, ihre Anliegen bei uns vorzubringen, ohne sie unter Generalverdacht zu stellen“, sagt Kost. Überhaupt sei es schwierig, absoluten Schutz zu gewährleisten. „Auch wenn wir das Gebäude abriegeln, bleibt ein berufsbedingtes Risiko. Denn nach der Arbeit fahren wir ungeschützt mit dem Fahrrad oder Auto nach Hause.“

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