Serie: „Röver“-Orgel in der Ahauser Kirche wird renoviert

Frischekur für eine „alte Dame“

Mit viel Liebe zum Detail will Orgelbauer Stefan Linke die Röver-Orgel in der Marienkirche in Ahausen technisch wieder auf den ursprünglichen Stand von 1863 bringen. ·
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Mit viel Liebe zum Detail will Orgelbauer Stefan Linke die Röver-Orgel in der Marienkirche in Ahausen technisch wieder auf den ursprünglichen Stand von 1863 bringen. ·

Ahausen - Von Stefanie Bommert · Von vorne sieht man der gestandenen Dame ihr Alter nicht an. Trotz ihrer fast 150 Lenze erstrahlt sie auf der Empore in prunkvollem Glanz. Doch an ihrem Innenleben nagt der Zahn der Zeit.

Für größere Ausbesserungen an den Pfeifen benutzen Stefan Linke und sein Team wie einst Röver Knochenleim.

Die Lederteile sind angegriffen, die Metallteile oxydiert, starke Spielgeräusche beeinträchtigen den Hörgenuss, und das Holz ist an einigen Stellen gesprungen oder vom Holzwurm durchlöchert. Deswegen erhält die Orgel in der Ahauser Marienkirche nun eine Frischekur. In unserer neuen Serie begleiten wir Orgelbauer Stefan Linke aus Unter stedt, wie er dem nostalgischen Instrument in mühevoller Handarbeit und mit viel Liebe zum Detail neues Leben einhaucht. Wenn Pastor Egbert Rosenplänter über „seine Orgel“ spricht, gerät er ins Schwärmen. Seine Augen strahlen. Aus gutem Grund. Schließlich hat das „technisch sehr solide“ konstruierte Instrument“ im Landkreis Rotenburg Seltenheitswert. 1863 kreierte der Orgelbauer Johann Hinrich Röver aus Stade die Orgel in Ahausen. Aus dieser Zeit sind in der Region nur noch eine Handvoll Tasteninstrumente erhalten – eine Röver-Orgel steht in Kirchwistedt, zwei weitere eines Konkurrenten zieren die Kirchenschiffe in Brockel und Kirchwalsede.

Prunkvolles Relikt der Musikgeschichte: Von vorne sieht man der Röver-Orgel ihre knapp 150 Lenze gar nicht an.

„Das Werk mit elf Registern auf zwei Manualen und Pedal ist ein Meisterstück romantischer Orgelbaukunst“, betont der eingefleischte Musiker. Der warme, weiche und doch kernige Ton zeuge von der großen Kunst ihres Erbauers. Leider sei die Orgel 1939 tiefgreifend verändert worden. „Die Klangvorstellung damals orientierte sich an barocken Orgeln und wollte einen helleren, spitzen Ton“, weiß Rosenplänter aus Recherchen im Pfarramt, wo die Geschichte des Instrumentes dokumentiert ist. „Man hat versucht, der Orgel ein Klangbild aufzudrücken, das sie nicht hat.“ Die Orgelbauwerkstatt Ott aus Göttingen habe einen Umbau vorgenommen, bei dem stark in den ursprünglichen Bestand eingegriffen worden sei. Ganze Register seien verloren gegangen oder verändert worden, teils sogar abgeschnitten. „Der Umbau bewährte sich technisch wie klanglich nicht“, so der Pastor.

Der Holzwurm hinterließ an vielen Pfeifen seine Spuren.

1972 habe der Orgelbauer Martin Haspelmath aus Walsrode das Instrument daher teilweise wieder in den Originalstand versetzt. Doch zwei alte Register seien nicht wiederhergestellt worden, die aber für den romantischen Orgelklang besonders charakteristisch seien: Ein Bordun im Hauptwerk, der zur Rundung und Fülle des Klanges wesentlich beitrage, und eine Traversflöte im Oberwerk, ein besonderes Solo-Register, das Röver mit viel Liebe und Sorgfalt gebaut habe. „Wie der Klangeindruck sein könnte, lässt sich wunderbar an der Orgel in Kirchwistedt erkennen, die zum großen Teil noch im Originalzustand erhalten ist“, weiß Rosenplänter von einem Vor-Ort-Besuch mit Karl-Heinz Voßmeier, der das Ahauser Vorhaben als Orgelrevisor begleitet.

Die Idee einer Restaurierung sei schon ein paar Jahren im Gespräch. „Wir haben uns gedacht, wenn wir da schon rangehen, dann so, dass der originale Klangeindruck von 1863 wieder entsteht“, betont Rosenplänter. Das Instrument soll gründlich überarbeitet und die beiden fehlenden Register nach Kirchwistedter Vorbild rekonstruiert werden. Eines müsse ganz neu, eines halb gebaut werden.

Insgesamt kein leichtes Unterfangen – schließlich sind einige Teile bereits 150 Jahre alt. „Es gibt noch immer ganz viele Unwägbarkeiten im technischen Bereich“, erklärt Rosenplänter. Ein Beispiel sei der Winddruck, von dem der Klang stark anhänge. Auch seien die Windlagen fein säuberlich mit Leder verklebt worden, das mittlerweile abgenutzt sei. Ebenso habe Röver die Ventile mit diesem Material ummantelt und diese – damit sie schön dicht seien – mit einem Gewicht versehen, was zu starken Spielgeräuschen führe. Ferner seien die Hebel und Wellen angeschlagen und müssten neu gelagert werden. Und die Balge sei nicht mehr richtig dicht. Kurzum: Alles müsse abgetragen, vieles restauriert oder erneuert und wieder zusammengesetzt werden. „Da sind auch kreative Entscheidungen gefragt. Man muss sehen, dass man mit den Mitteln der damaligen Zeit arbeitet. Es gibt so viele Kleinigkeiten, wo man es genauso machen muss wie Röver“, weiß Rosenplänter und ist überzeugt, mit Linke den richtigen Mann für den Job gefunden zu haben. Dieser sei wie einst Röver ein Tüftler und Bastler, benutze beispielsweise für Klebearbeiten Knochen- statt des heute üblichen Weißleimes.

Die Kosten beziffert der Pastor auf 50 000 Euro. Zuschüsse kämen von der Landeskirche und der Klosterkammer. Die verbleibende Summe werde über Spenden und Eigenmittel gedeckt. Gut zwei Monate sind für das Unterfangen vorgesehen. Die Orgel soll im Rahmen des Reformationsgottesdienst am 31. Oktober erstmals wieder erklingen. „Wenn die Renovierung gelingt, kann die Orgel nicht nur für Ahausen, sondern für die ganze Region ein Mittelpunkt der Orgelkultur werden. Konzerte können dann Musik des 19. Jahrhunderts in einem originalen Klang darstellen“, freut sich Rosenplänter schon jetzt.

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