Zimmerin Annika Perlmann erzählt vor Landfrauen von ihrem Leben auf der Walz

Ihr Zuhause ist die Straße

Mit genau diesem Nagel wurde der Zimmerin ihr Ohrloch gehämmert. - Foto: Ujen

Stemmen - Obwohl Annika Perlmann nur 1,61 Meter misst, wirkt sie keineswegs wie eine kleine Frau – und das liegt nicht nur an ihrem großen Hut, sondern an der geballten Energie und Lebensfreude, die sie ausstrahlt. Eingeladen wurde die Zimmerin zum Frühstückstreffen des Landfrauenverbandes Rotenburg und Umgebung ins Landgut Stemmen, um von ihrem Leben auf der Walz zu erzählen.

Nach Begrüßung durch die Vorsitzende Irmtrud Hesse-Stegmann verriet die aus dem Herzogtum Lauenburg stammende Handwerksmeisterin den rund 100 Gästen zunächst, dass sie eigentlich Tierärztin werden wollte. Allerdings war nach intensivem Austausch mit einem Gesellen schnell für sie klar, dass sie Zimmerin werden muss. Erst nach 200 Bewerbungen konnte sie ihre Lehre beginnen, schloss diese 2004 als Innungsbeste ab und machte sich sogleich auf die Wanderschaft.

Seit 800 Jahren gäbe es diese alte Tradition, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts sogar Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung war. 2008 kehrte sie nach vier Jahren und einem Tag zurück und schloss direkt die Meisterschule im Zimmererhandwerk an. „Das Leben auf der Walz ist ein völlig anderes. Jeglicher Besitz ist tabu, das Zuhause ist die Straße, das bis zu zehn Kilo schwere Jackett das Wohnzimmer, erklärte die 32-Jährige. „Wandergesellen müssen unter 30, ledig, schuldenfrei, kinderlos und vorstrafenfrei sein. Sie dürfen sich ihrem Heimatort nur bis auf 50 Kilometer nähern und reisen soweit möglich nur zu Fuß oder per Anhalter.“ Die Wanderschaft sei einerseits eine berufliche Weiterbildung, andererseits aber auch eine Lebensschule. Es sei, wie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen – die Kunst wäre, die richtige Haltestelle zum Aussteigen zu finden.

Giftige Schlangen in Australien

In 16 Ländern auf drei Kontinenten war Perlmann teils in Begleitung, teils allein unterwegs: „Ich bin nie in gefährliche Situationen geraten, obwohl ich auch im Sternenhotel geschlafen habe. In Australien wurde mir allerdings angesichts von giftigen Schlangen und riesigen Huntsmanspinnen doch etwas mulmig“, räumte sie ein. Am besten hätte es ihr in Irland und Schottland gefallen, sie habe sich aber als Zimmerin immer in allen Ländern willkommen gefühlt und überall gleich Arbeit gefunden.

Leider nähme die Zahl der Wandergesellen ständig ab: Lag sie Anfang des 20. Jahrhunderts noch im vierstelligen Bereich, wären heute nur noch etwa 350 Wandergesellen (mit zehnprozentigem Frauenanteil) unterwegs. Das läge vor allem daran, dass man heute gleich nach der Ausbildung auf die Meisterschule könne. Aber auch mit der Arbeitsmoral der Auszubildenden wäre es zunehmend schlecht bestellt – von ihren sieben Azubis hätte nur einer durchgehalten und ausgelernt.

Perlmann gab den Gästen auch einen ausführlichen Einblick in die Geschichte des alten Handwerks und klärte über Ausrüstung, Ehrenkodex und ungewöhnliche Gebräuche auf. So blieb es ihr selbst auch nicht erspart, dass man ihr Ohr beim traditionellen Ohrlochritual mit einem Vierkantnagel an einen Pfosten hämmerte und erst nach einer Stunde auf Zehenspitzen und ihrem „Nagelversprechen“ in Form von Bier und Korn wieder losmachte. Aber eine Zimmerin darf nun mal nicht zimperlich sein – Perlmann kommt gut mit dem rauen Ton klar und übt ihren Beruf mit Leidenschaft aus. Derzeit leitet sie einen Zimmereibetrieb in der Nähe ihres Wohnorts Krukow bei Geesthacht, wo sie mit Freund Arne und einer Vielzahl von Zierfischen, Hühnern, Hahn Hacki und Kater Krätze lebt.

Wenn sie nicht mit dem Ausbau ihres Hauses beschäftigt ist, stellt die Powerfrau in ihrer Töpferei Kunsthandwerk her.

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