Syrische Flüchtlinge berichten über ihre Gründe, die Heimat zu verlassen

„Wofür sollte ich kämpfen?“

Ahmad Saado (l.) und Naji Alibrahim berichteten über ihre Flucht von Syrien übers Meer nach Griechenland.

Fintel - Von Hannelore Rutzen. Brechend voll war es im Finteler Haus der Begegnung, als Naji Alibrahim und Ahmad Saado, beide Flüchtlinge aus Syrien, über ihre Geschichte berichteten. Dicht gedrängt saßen mehr als hundert Menschen auf den Stuhlreihen, die zunächst per Film über das historische Syrien aufgeklärt wurden, aber auch der Bürgerkrieg kam nicht zu kurz. „Die Menschen wollen keinen Krieg“, sagten Alibrahim und Saado übereinstimmend. „Wir wollen Freiheit für Syrien.“ Am Rande des Abends nahmen sich beide Zeit, auf Fragen unserer Zeitung zu antworten.

Herr Alibrahim, wie begann der Gedanke für eine Flucht aus Ihrer Heimat zu reifen?

Naji Alibrahim: Ich bin 24 Jahre alt und lebte mit meiner Familie im Norden Syriens. Dort wuchs ich auf, hatte mein Abitur in der Tasche und begann vor fünf Jahren mit einem Studium in Aleppo. Das Leben wurde immer schwerer. Von Homs kamen der Krieg und die Kämpfe nach Aleppo. Ich bekam 2015 den Befehl, mich beim Militär zu melden. Das war wie ein Todesurteil für mich und meine Familie. Wofür und gegen wen sollte ich kämpfen? Ich beschloss zu fliehen.

Was geschah danach?

Alibrahim: Zunächst fuhr ich mit einem Kleinbus in den Libanon und dann nach Izmir in der Türkei. In einer Wohnung warteten wir zu viert auf einen Mann, der uns nach Griechenland bringen sollte. Er brachte uns an die Küste zu einem Schlauchboot mit Motor. Auf hoher See war das Benzin alle und niemand fühlte sich zuständig. Erst nach einem Telefonat eines Mädchens mit ihrem Vater in Schweden wurde die griechische Polizei aktiv, holte uns in ihr Boot und brachte uns nach Chios. Von dort aus konnten wir mit drei Personen mit einem Flugticket nach Athen und von dort mit einem Bus an die mazedonische Grenze. Das Rote Kreuz half uns weiter. In einem Camp bekamen wir ein Transfervisum. Mit Taxi, Bahn und Bus fuhren wir durch Slowenien nach Österreich. Morgens bekamen wir einen Platz in einem weiteren Bus des Roten Kreuzes, der uns nach Deutschland brachte.

Wie erging es Ihnen in Deutschland? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Alibrahim: Im ICE fuhr ich nach Hamburg, wo meine Cousins auf mich warteten. Wir fuhren mit ihnen nach Schwerin und anschließend nach Braunschweig. Danach kam ich nach Lauenbrück und Helvesiek und schließlich auf eigenen Wunsch nach Fintel. Ich lebe hier sehr gern und möchte bleiben, mein Deutsch verbessern und letztendlich mein Studium beenden.

Herr Saado, wie lebten Sie vor Ihrer Flucht in Syrien?

Saado: Ich lebe wie Naji jetzt seit etwa sieben Monaten in Deutschland. Ich komme aus Qasmishii, einer großen Stadt im Norden des Landes. Ich bin 23 Jahre alt. Mein Vater besaß drei Supermärkte, die gut liefen. Ich half ihm bei der Arbeit. In der Familie hatte ich mit den Eltern und Geschwistern ein gutes Verhältnis. Nach dem Abitur ging ich nach Aleppo und studierte an der Universität englische Literatur. Ich fand viele Freunde, wir hatten neben dem Studium viel Spaß. Der Kontakt zur Familie war immer gegenwärtig.

Was löste letztlich den Gedanken aus, Ihre Heimat zu verlassen?

Saado: Der Krieg brach aus. Er begann in Homs und Darah, kam immer näher und mehr in die Städte und erreichte Aleppo. Die Flugzeuge griffen die Stadt an. Meine Mutter meinte, ich solle nach Hause kommen. Dort lag schon die Post vom Militär auf dem Tisch, in der ich verpflichtet wurde, zur Armee zu gehen. Meine Eltern entschieden, mich aus Syrien wegzuschicken.

Wie haben Sie das aufgenommen?

Mehr als hundert Besucher wollten die Geschichte der beiden Syrer im Haus der Begegnung hören. - Fotos: Rutzen

Saado: Das war nicht einfach, ich folgte dem Rat meiner Eltern. 2013 begann für mich ein neues Leben in Erbil in Kurdistan. Ich erreichte das Land mit einem Boot und stand vor dem Nichts: kein zu Hause, keine Arbeit. Ich schlief in einem Hotel und fand dort schließlich Arbeit. Zufällig traf ich dort auf die deutsche Verteidigungsministerin. Dann kam die Isis nach Erbil und plante, die Stadt anzugreifen. Meine Mutter rief mich an und riet mir, alles zu verlassen und nach Europa zu gehen. Ich tat das und fuhr mit einem Bus in die Türkei. In Gazianta traf ich meinen Bruder. Ich begann nach einem Schlepper zu suchen. Der erzählte, nur zehn Leute würden sie ins Schlauchboot lassen, aber sie nahmen dann 40 bis 50 Menschen mit. Der Schlepper sagte: „Wenn Ihr nicht mit diesem Boot fahren wollt, lasse ich Euch hier und rufe die Polizei“. Er kassierte von jedem 1.500 Dollar. Von Esmir begann die Flucht über das Meer.

Irgendwann landeten Sie auf einer griechischen Insel. Wie ging es weiter?

Saado: Auf Samos machten wir uns auf den Weg zur nächsten Polizeistation, um die Erlaubnis zu holen, Griechenland zu verlassen. Aber die hatte wegen eines Streiks geschlossen. Vier Tage ging das so. In einem kleinen Zelt, das ich besorgte, schliefen wir vor der Polizeistation auf der Straße ohne Kissen, ohne Decken. Das Essen war teuer. Ich bekam ein Ticket nach Athen und von dort ging es weiter nach Mazedonien. Dort warteten Menschen in der Schlange, einige stahlen und verkauften Drogen. Dann ging es schließlich weiter nach Serbien, Kroatien und schließlich in Bussen des Roten Kreuzes an die slowenische Grenze. Man brachte uns in einem Zelt mit 400 Personen unter. Die Menschen waren sehr gewalttätig. Morgens ging es weiter nach Österreich.

Sicher war es ein Aufatmen, als Sie nach Österreich kamen und Deutschland in Sicht hatten?

Saado: Ja, ein Bus des Roten Kreuzes brachte uns nach Passau, schließlich nach Braunschweig, wo wir registriert wurden. Ich kam nach Helvesiek. Dort ging es mir und Naji nicht so gut. Man brachte uns in Fintel unter, wo wir auf viele nette Menschen trafen. Wir sind sehr dankbar und hoffen, dass wir ihnen eines Tages ihre Liebe und Aufopferung zurückgeben können. Ich möchte den Sprachkursus fertig machen, in Deutschland studieren und mir eine neue Zukunft aufbauen.

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