Wenn es an Fairness mangelt

Landwirt aus Stemmen findet neue Vertriebswege

Karsten Indorf steht am Eingang seines Hofladens.
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Karsten Indorf hat den Hofladen in den vergangenen Jahren optimiert.

Stemmen – Vor drei Jahren hat Karsten Indorf seine „Theke der norddeutschen Direktvermarkter“ eröffnet. An dieser kann man rund um die Uhr einkaufen und dabei sogar mit Paypal bezahlen. Der Landwirt hat sich im Vorfeld viele Gedanken rund um das Thema Vertrieb gemacht. Nach und nach ist ein Angebot gewachsen, welches inzwischen als eine Art moderner Dorfladen auch Vorbild für andere sein kann.

Angefangen hat alles schon vor einigen Jahren. „So um 2016 herum hatten wir eine Milchkrise. Unsere Kühe waren gesund, wir haben ganz normal gewirtschaftet, aber sehr wenig verdient. Das war frustrierend“, erinnert sich Indorf. Und so reifte in ihm die Überlegung, sich unabhängiger vom Weltmarkt aufstellen zu wollen. Schon einige Jahre vorher hatte der Landwirt in Hessen eine Initiative beobachtet, die dort in einigen Supermärkten eine Art „Landmarkttheke“ initiiert hatte. Dort wurden regionale Produkte verkauft. „In Hessen hatte das gut funktioniert, und ich dachte, das kann man so in den Norden übertragen.“

Das Thema Direktvermarktung ließ ihn nicht mehr los. Kartoffeln hatte Indorf schon länger selbst vertrieben. Er beschäftigte sich weiter mit neuen Möglichkeiten. Doch nicht alles funktionierte immer direkt gut oder gar einfach: Immer wieder stellte Indorf fest, dass es auch viele Hürden gibt, wenn man neue Wege gehen will. Dennoch wuchs die Idee, einen eigenen Online-Shop – mit einer breiteren Produktpalette – auf die Beine zu stellen, ähnlich der „Marktschwärmerei-Initiative“, die ursprünglich aus Frankreich kommt.

„2018 war es dann soweit, ich hatte sieben Lieferanten beisammen“, erinnert sich Indorf. Die Auswahl war nicht einfach. Die Produkte sollten aus Norddeutschland stammen. Er wollte keine langen Transportwege und möglichst wenig Verpackungsmüll. Auch Transparenz war und ist von Anfang an ein großes Thema für den Initiator dieser ganz eigenen Theke. Diese wiederum stellte er erst einmal in der Scheune des Hofs auf. Doch der Verkauf lief nur zäh, „drei bis fünf Bestellungen pro Woche trudelten ein“, gibt der Landwirt rückblickend an. Schnell merkte er damals, dass nicht jeder online bestellen will. Eher durch Zufall kam Indorf dann auf die Idee, einen frei zugänglichen Kühlschrank zu installieren – nach und nach wurde das Angebot immer weiter optimiert.

Heute hat er 24 Lieferanten, die Produktpalette ist fast vollständig. Die Kunden können online Ware bestellen und diese später abholen, sie können aber auch einfach spontan vorbeischauen. Das Konzept ist aufgegangen, das Angebot hat sich herumgesprochen, der kleine Dorfladen ist etabliert. „Was ich anfangs völlig unterschätzt hatte, ist der Werbeaufwand“, gibt Indorf rückblickend zu. Am Ende des Tages sei Direktvertrieb auch mit viel Arbeit verbunden. „Inzwischen könnte ich auch zusätzlich Waren verschicken, aber dann müsste ich Mitarbeiter einstellen“, berichtet er weiter. Er zieht es vor, das Angebot für die Menschen aus der näheren Umgebung bereitzustellen.

Das Angebot ist vielfältig, alle Produkte stammen aus der Region.

Dabei ist der Verkauf, den er so betreibt, aktuell nach wie vor ein Zubrot. Daneben läuft der normale Betrieb. Auch hier hat die Familie bereits einiges verändert, einiges umstrukturiert. „Tierwohl ist für uns seit Jahren ein großes Thema“, berichtet er. Die gut 60 Kühe werden im Krankheitsfall mit Homöopathie und Akupunktur behandelt, erst wenn das alles nicht hilft, kommt Antibiotika zum Einsatz. Ganz bewusst hält er nicht mehr Tiere. Mit Blick auf seine Kollegen, die zum Beispiel Schweine halten, sieht Indorf, wie schwierig es ist, sich für die Zukunft aufzustellen. „Auf der einen Seite sollen die Tiere raus aus den Stallungen, auf der anderen Seite steht das Immissionsschutzgesetz – das ist eigentlich nicht zu lösen“, so der Landwirt.

Er geht davon aus, dass sich noch viel mehr Landwirte aus der Sauenhaltung verabschieden werden. „Ich befürchte, dass die Produkte dann aus dem Ausland kommen.“ Die Anforderungen an die Landwirte würden immer weiter steigen. Die Bereitschaft, einen angemessenen Preis zu zahlen, sei aber nicht da. „Im Supermarkt ist nach wie vor für den Verbraucher nicht zu erkennen, warum bestimmte Waren mehr kosten als andere, und im Zweifel entscheidet der Konsument dann über den Preis“, so Indorf. Es fehle an Transparenz, das sei auch eine Art Systemfehler. „Hier, im kleinen Bereich, da kann ich diese Transparenz herstellen.“

Die Lieferanten, die für seinen Shop Ware zur Verfügung stellen, erhalten 80 Prozent vom erzielten Preis, 20 Prozent verbleiben bei ihm. „Bei den großen Konzernen fehlt eine gewisse Fairness.“ Diese sei aber auf dem Weltmarkt schwer zu realisieren. „Global sehe ich keine Lösung“, sagt er -– lokal sei dagegen viel Strukturwandel zu sehen.

Trotz allem würde er seine Kinder unterstützen, wenn sie den Hof weiter betreiben wollen. „Ich würde nicht abraten“, sagt er – und auch, dass er seine Arbeit als ein Privileg empfindet. Es sei eine spannende und schöne Aufgabe, den Hof zu führen. „Das größte Problem in den vergangenen Jahren ist für mich die hohe Arbeitsbelastung“, auch das gibt er zu. Viele Landwirte befänden sich in einer „Arbeitsfalle“. Oft wurde viel investiert, und wenn es Tiere zu versorgen gibt, ist erst dann Feierabend, wenn die Arbeit erledigt ist. Schnell ist daher die 60-Stunden Woche Normalität. „Wenn es auf Dauer zu viel wird, das ist nichts“, weiß er. Daher will er seinen Kindern den Beruf unter Vorbehalt empfehlen – es muss gelingen, die eigene Arbeitszeit so einzuteilen, dass es kein Dauerstress wird.

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