Entnahme von Eichen und Birken sorgt für Gesprächsstoff

Waren die Baumfällungen für das neue Finteler Baugebiet alternativlos?

Baumstümpfe am Eingang zum Baugebiet in Fintel.
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Nur noch die Baumstümpfe erinnern an die Eichen und Birken.

Fintel – Der zehnjährige Noah blickt von seinem Elternhaus aus auf die Zufahrt zum neuen Baugebiet In den Drohn in Fintel. Dort wurden mehrere Bäume im Zuge der Erschließung gefällt. Gut findet er das nicht: Die schönen Bäume – warum? Also schreibt er einen Brief an Bürgermeister Wilfried Behrens – und der ist beeindruckt vom Engagement des Jungen.

„Das hat mir imponiert“, erklärt er. „Der Brief war toll geschrieben.“ Er nimmt die Sorgen des Zehnjährigen zum Klimaschutz ernst und schreibt zurück. Er erklärt, warum die Fällung notwendig war und auch, dass er es bedauert, wenn Bäume gefällt werden müssen. Vorwiegend Birken, aber auch Eichen sind es hier. „Es ist schade um jeden Baum“, erklärt Behrens auch der Kreiszeitung. Doch sei es manchmal unvermeidbar.

Das lässt Noahs Vater, Mark Holst, erstmal im Raum stehen. „Das hätte man vielleicht auch anders lösen können.“ Zum einen tue es seinem Sohn um die Bäume leid, da dort öfter Fledermäuse unterwegs gewesen seien, zum anderen hätte er aber – typisch für einen Jungen seines Alters – gerne die Fällung gesehen. „Das hat er verpasst“, meint sein Vater – das geschah kurzfristig. Das Ganze sei in der Familie öfter Thema gewesen, zumal sich Noah schon in der Schule, nach den schlimmen Waldbränden in Australien, intensiv mit dem Thema Klimaschutz beschäftigt hatte.

Aber es werde Ausgleich geschaffen. 95 Ausgleichsbäume sind im Plan enthalten, die drei- bis vierfache Anzahl der gefällten Bäume komme jetzt noch einmal oben drauf. Ein Teilausgleich finde an der Grenze des Baugebiets statt, der Rest auf einer anderen Fläche. „Das ist gut“, lobt Noah. „Trotzdem ist es schade, gerade mit den großen, alten Bäumen. Denn ich muss damit leben, wenn überall solche Bäume immer mehr abgesägt werden.“

Zum Ausgleich seien sie verpflichtet, „und das werden wir zum Herbst hin machen“, so der Bürgermeister – mit heimischen Gehölzen. „Wie es schon bei anderen Baumaßnahmen der Fall war.“ Er nimmt damit auch Bezug auf den Blog von Hans-Jürgen Schnellrieder (Grüne), der seinem Unmut über die Aktion ohne „seriöse Debatte über Alternativen“ Luft gemacht hatte – mit deutlichen Worten, für die er bereits Kritik einstecken musste. Unter anderem von SPD-Mitglied Frank Brockmann, der – wie Schnellrieder auch – als beratendes Mitglied im Bau-, Planungs- und Umweltausschuss sitzt. Damit hätte man zwar kein Stimmrecht, aber „sehr wohl ein Recht und die Pflicht sich einzubringen, zu diskutieren“.

Das Thema Baumfällungen sei „sehr wohl zur Sprache“ gekommen, so Brockmann und redet im Gespräch mit der Kreiszeitung von „Unwahrheiten“, die verbreitet werden. „Der Verwaltung und allen im Rat und Ausschuss wird vorgeworfen, planlos zu handeln und nicht an die Umwelt zu denken, das ist Schwachsinn. Das ist ein Tritt für alle Kommunalpolitiker.“

Das ist es, was Schnellrieder kritisiert: mangelnde Öffentlichkeitsbeteiligung, zu wenig Denken an Natur und Klimschutz. „Von diesen Bäumen hätte man zumindest die 100-Jährigen in die Planung mit einbeziehen können“, sagt er. „Es fehlt schlicht an gutem Willen, über schonende Alternativen nachzudenken oder gar zu diskutieren. Wir müssen behutsamer mit der Natur umgehen, das passiert bei uns nicht.“ Viele Dinge „werden platt abgelehnt“.

Seit vor drei Jahren der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan gefasst worden war, sei aber die Öffentlichkeit gegeben gewesen, verweist Behrens. „Da gibt es keine Mauschelei.“

Unter anderem war in einer Bürgerversammlung das Baugebiet vorgestellt worden. Dass ein paar Bäume vermutlich weichen müssen, sei schon bei der ersten Begehung klar geworden. „Und das wurde in den Sitzungen besprochen.“

Aber nicht allein die Zufahrt, ein alter Wirtschaftsweg zwischen zwei bebauten Grundstücken, sei Grund für das Fällen gewesen. Dort sind Leitungen und Rohre für Strom, Wasser und Abwasser vorgesehen. „Das war alternativlos, es ist die einzige Möglichkeit, in das Gebiet zu kommen“, so Behrens, während Schnellrieder von „Entscheidungen wie im 19. Jahrhundert“ spricht. Das kommt nicht gut an, ist „ein Affront gegen die gesamte Politik Fintels“, so Brockmann.

Natürlich seien die Bäume mit der Zeit ein wenig aus dem Fokus geraten, schließlich gebe es bei der Ausweisung eines Baugebiets vieles zu bedenken, merkt Behrens an. „Es wurde aber öffentlich ausgelegt“, so seien die Vorschriften, daran halte man sich. Jetzt konnten die Aufträge vergeben werden, sodass die Bäume aktuell wurden. „Die Firmen wollten nach Ostern anfangen, die Verwaltung hat eine Begehung gemacht und festgestellt, dass die Bäume weg müssen.“

Das sei manchmal notwendig, in diesem Fall für die Entwicklung Fintels, erklärt Brockmann. „Für die Entwicklung des Ortes ist die Schaffung des Baulandes wichtig, für mich hauptsächlich, um dem Nachwuchs oder ortsansässigen Älteren, die sich altengerecht ein Heim schaffen wollen, Möglichkeiten zu schaffen, sich am Ort niederzulassen und nicht abzuwandern.“

Über den Ausgleichsstand mit den Bäumen zeigt sich Schnellrieder am Ende zwar zufrieden, doch stünden weitere Themen an, die es noch anzugehen gelte – zum Beispiel eine insektenfreundliche Beleuchtung.

Kommentar von Ann-Christin Beims: Bäume erzählen Geschichten – Politiker aber auch

Ja, es ist Wahlkampf. Mit allen Mitteln gehen die Lokalpolitiker auf Stimmenfang – dabei wird, im wahrsten Sinn, auch Dreck aufgewühlt. Ob man eine Baumfällaktion so aufputschen muss, mag jeder für sich entscheiden. Es gibt Ausgleichsmaßnahmen, auch wenn es traurig ist, wenn vor allem alte Bäume weg müssen. Aber hier geht es nicht allein um Bäume, auch wenn diese wohlmeinend in den Vordergrund geschoben werden. Die Öffentlichkeit wird erst so richtig ins Boot geholt, wenn es zu spät ist – im Blog unnötig reißerisch argumentiert, wenn man doch eine seriöse Debatte wünscht. Wenn das „Vorher“ offensichtlich dokumentiert worden ist, hätte man früher aktiv werden können. Und es nicht später gegen die Verwaltung zu verwenden, um „Fehler aufzuzeigen“. Das ist nicht die feine Art, so werden Baumstümpfe zum Mittel zum Zweck. Hartnäckig bleiben, Bürger dazu holen – gemeinsam hätte man zumindest für die ältesten Bäume vielleicht eine Lösung gefunden. Denn sind wir ehrlich: Wie viele Bürger schauen sich die öffentlichen Auslegungen an? Allein so erreicht man sie nicht. Der Aufschrei ist immer erst hinterher groß – was in diesen Zeiten eventuell gewollt ist. Bäume erzählen Geschichten, Politiker aber auch – Obacht.

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