Ruheforst Lauenbrück stößt als Begräbnisstätte auf immer größeres Interesse

Im Wald unter Wipfeln

Auf der Holzbank: Axel Hartge (Mitte) von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Bezirksförster Rainer Schild (r.) und Lauenbrücks Pastor Lars Rüter. Fotos: Warnecke

Lauenbrück - Von Lars Warnecke. Sanft lässt der Wind die Blätter rascheln. Von irgendwoher hört man den Specht klopfen, den Kuckuck rufen. Schön ist es anzusehen, wenn das Licht durch die Bäume bricht. Hand aufs Herz: Wer würde in dieser weitestgehend unberührten Idylle mitten im Wald nicht ein bisschen Ruhe finden wollen? Von der alltäglichen Hektik natürlich. Oder aber vielleicht sogar seine letzte Ruhe? Genau darauf, sich nach seinem Ableben unter stolzen Baumwipfeln bestatten zu lassen, in einer dank dem Holzstoff Lignin biologisch abbaubaren Urne, zielt das Konzept des Ruheforstes ab. Vier von diesen naturnahen Begräbnisstätten gibt es landesweit. Mit Lauenbrück sind es inzwischen fünf. Erst Ende August letzten Jahres in Betrieb genommen, sei das Interesse an dem Fleckchen Wald nahe der Wümme mit seinem reichen Eichen- und Buchenbestand jedenfalls schon groß, erzählt Axel Hartge.

Der 57-Jährige arbeitet bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Die wiederum kooperiert auf Landesebene mit der Ruheforst GmbH, die in ganz Deutschland rund 70 weitere Anlagen unter dem gleichen Namen betreibt. Hartge betreut neben Kirchlinteln auch den Lauenbrücker Ruheforst. „Wir verkaufen sehr viel über Vorsorge, und nicht erst dann, wenn wirklich ein Sterbefall vorliegt“, sagt der Forstoberinspektor aus Fallingbostel. Gut 20 Bestattungen seien so auf der rund drei Hektar großen Fläche, die sich im Privatbesitz einer ortsansässigen Familie befindet, in den vergangenen acht Monaten schon zusammengekommen. Tendenz steigend.

Denn, weiß Rainer Schild, sein Kammerkollege und als langjähriger Bezirksförster bestens mit den Wäldern in der Region vertraut, zu berichten: Immer mehr Menschen würden eben nicht nur Urnenbestattungen den Vorzug geben, um den Angehörigen entweder so die Grabpflege zu ersparen oder schlichtweg aus Kostengründen, sondern sich auch geografische Alternativen zur Beisetzung auf einem Gottesacker suchen. „Wobei man ganz klar sagen muss, dass ein Ruheforst natürlich auch ein Friedhof ist – und zwar mit einer eigenen Satzung“, sagt Schild. Nur eben mit dem Unterschied, dass hier weder Sargbestattungen noch das Ablegen von Grabschmuck möglich beziehungsweise erlaubt seien. „Der Wald soll nun einmal unverändert bleiben – es ist ein befriedeter Bezirk, in dem kein Baum mehr geerntet wird, es sei denn, es geht um die Verkehrssicherung, und auch keine Jagd mehr stattfindet.“

Und doch: Wer sich genauer umschaut, findet sie, die Indizien für den Ruheforst. So sind all jene Bäume, für die Grabplätze vorgesehen sind, der Ordnung halber mit einer kleinen, kreisförmigen Nummernplakette versehen. Jene Stellen, die schon „in Gebrauch“ sind, schmücken jeweils ein schwarzes Messingschild mit dem Namen und den Lebensdaten des Verstorbenen. Und auch diese bleiben nummeriert – man möchte als Angehöriger nachher irrtümlich ja nicht am falschen Baum innehalten. Es gibt Einzelgräber und sogenannte Biotope, wo gleich bis zu einem Dutzend Urnen – wahlweise auch für Familien – um einen Baum herum beigesetzt werden können. Ein Bereich, das Regenbogenbiotop, ist indes speziell für Sternenkinder gedacht.

Und noch mehr Aufwand haben Rainer Schild und seine Mitreiter betrieben, um der Anlage einen würdigen Rahmen zu verpassen: Es gibt neue Zuwegungen, einen Andachtsplatz inklusive Holzkreuz, Bänke sowie einem mobilen Rednerpult, während vor der Schranke, die den Zutrittsbereich markiert, eine Infotafel und ein kleines, überdachtes Häuschen den Besucher begrüßen. Eine Besonderheit: „Sämtliches Holz, das wir für das Mobiliar verbaut haben, stammt aus diesem Wald“, so Schild, der immer wieder auch Wanderer beobachten würde, die auf ihrem Weg über den Nordpfad Wümme und Vareler Heide die Sitzgelegenheiten für eine willkommene Verschnaufpause nutzen würden.

Noch kurz vor der Inbetriebnahme im Sommer seien seinen Worten nach zusätzlich zu den bestehenden Eichen und Buchen rund 50 weitere Bäume gepflanzt worden, darunter Linden, Ulmen und Ahornkirschen. „Damit wollten wir die Vielfalt bei der Auswahl noch ein Stück erhöhen“, begründet der Förster diesen Schritt.

Das Nutzungsrecht für den Ruheforst, auch das ist in der Satzung geregelt, liegt vom 31. August 2019 an bei 99 Jahren – bei einmaliger Zahlung. Die Entgelte, erklärt Axel Hartge, würden sich dabei stets nach der Bewertung des Biotops und der Bestimmung der Beisetzungsstelle richten. Sie schwanken zwischen 511 und 9 520 Euro. Bewertungskriterien seien dabei unter anderem die Lage der Ruhestätte und die direkten und angrenzenden Naturelemente. Wer aber verdient am Ende eigentlich an dem Projekt wie viel? „Über die Aufteilung der Gelder sind wir angehalten, nicht zu sprechen“, antwortet Hartge. Nur so viel lässt er wissen: Neben der GmbH und seiner Kammer würden auch der Waldbesitzer und die Samtgemeinde Fintel partizipieren. Letztere sei im Übrigen Trägerin des Waldfriedhofs, entsprechend sei man kammerseitig auch verpflichtet, der Kommune sämtliche Verkäufe und Beisetzungen quartalsmäßig zu melden. „Die müssen ja auch wissen, was bei ihnen passiert.“

Was im Ruheforst passiert, davon kann sich Axel Hartge regelmäßig selbst ein Bild machen, ist er doch derjenige, der Interessenten über das Gelände führt, mit ihnen die Verträge macht und auch mit der Organisation und der Ausgestaltung der Bestattungen betraut ist. Dabei sei ihm erst neulich etwas aufgefallen, worüber er nur verständnislos den Kopf habe schütteln können: „An einer Stele haben Unbekannte mit offenbar roher Gewalt Schilder Verstorbener umgebogen“, berichtet der Forstmann. Er habe daraufhin jedenfalls Anzeige bei der Polizei erstattet. „Das ist ja Grabschändung und somit ein klarer Strafbestand.“

Einer, der den Ruheforst damals mit eingeweiht hatte, ist Lauenbrücks Pastor Lars Rüter. Selbst bei einer Beerdigung im Einsatz sei er bisher nur ein einziges Mal vor Ort gewesen. „Ehrlich gesagt bin ich damals, vor dem Hintergrund, dass in meinem Bereich noch überwiegend Erd- statt Feuerbestattungen stattfinden, nicht davon ausgegangen, dass ich hier oft sein werde“, sagt der Geistliche. Urnenbeisetzungen aus seiner Kirchengemeinde seien nach wie vor überwiegend noch ganz klassisch auf dem Lauenbrücker Friedhof angesagt – in Rasenlage und mit der Möglichkeit, Grabschmuck an einer zentralen Stelle abzulegen.

In der Tat, bestätigt Hartgen, kämen Interessenten kurioserweise nicht vorrangig aus der unmittelbaren Umgebung, sondern gegenwärtig aus dem Raum Sittensen und Rotenburg. Sie hätten in der Regel entweder über Mundpropaganda oder aber über die örtlichen Bestatter von dem Lauenbrücker Ruheforst erfahren, der es im Prinzip eben jedem erlaubt, dort bestattet zu werden. Das spricht sich herum.

Rainer Schild, Scheeßels Bezirksförster, ist jedenfalls überzeugt, dass dieses Fleckchen Erde zwischen Lauenbrück und Rehr, nur unweit der Kreisstraße, in Zukunft noch sehr viel mehr Zuspruch erfahren wird – nicht zuletzt auch durch den Zuzug vieler Menschen, den die Region erfahren würde. Aktuell rechne man pro Jahr mit 100 Verkäufen von Grabplätzen, davon 50 Bestattungen. „In spätestens 30 Jahren wird es hier mit der Belegung schon ganz anders aussehen“, ist er überzeugt. Platz sei allemal vorhanden: Der Waldfriedhof könne auf eine Fläche von bis zu zehn Hektar ausgeweitet werden.

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