Unterwegs im Fintau-Shuttle

Bitte einsteigen: Günther Gruß nimmt auf dem Fahrersitz des „Fintau-Shuttles“ Platz. Gleich beginnt seine Tour.
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Bitte einsteigen: Günther Gruß nimmt auf dem Fahrersitz des „Fintau-Shuttles“ Platz. Gleich beginnt seine Tour.

Nein, auf der Strecke muss in der Samtgemeinde Fintel sicher niemand bleiben. Nicht solange es Fahrer wie Günther Gruß gibt. Seitdem der Bürgerbus „Fintau-Shuttle“ durch die Dörfer rollt, sitzt der 71-Jährige mit viel Lust auf seinen ehrenamtlichen Job hinter dem Lenkrad. Wir haben den Chauffeur auf einer seiner Touren begleitet.

Fintel – Was will man nach dem Arbeitsleben nur mit der ganzen freien Zeit anstellen, die einem plötzlich bleibt? Nur auf der faulen Haut liegen, das habe ihm noch nie gelegen, saht Günther Gruß, während er auf dem Fahrersitz Platz nimmt. Er reise viel lieber – und irgendwie passt es ja auch gut zu seiner Beschäftigung. Seitdem der Bürgerbus der Samtgemeinde Fintel im Dezember 2014 erstmals seinen Fahrbetrieb aufgenommen hat, ist der Lauenbrücker dabei. Viele Mitstreiter sind in dieser Zeit gekommen und wieder gegangen – Gruß ist geblieben. Warum er sich das „antut“? „Ich habe eine sinnvolle Aufgabe“, sagt er. „Und der Kontakt zu meinen Fahrgästen macht mir jedes mal aufs Neue sehr viel Spaß.“ Über genügend Sitzfleisch verfügt der frühere Kraftfahrer, der später noch viele Jahre lang bei Norix in Scheeßel arbeiten sollte, allemal. Das braucht so jemand wie Gruß auch, der es mittlerweile auf stolze 480 Touren bringt und den Bus damit wie kein zweiter aus den Reihen des Trägervereins so häufig gefahren ist wie er.

Erst neulich sei er beim Eignungstest gewesen. Den müssen die ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer, die unbestritten einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des ÖPNV leisten, alle fünf Jahre mitmachen. Auch ein Gesundheitscheck steht bei dieser Gelegenheit an. „Alles ist prima gelaufen“, freut sich der 71-Jährige über sein Ergebnis. Dieses Glück sei nicht allen beschieden. Einige Betagtere würden durchfallen, „und das, obwohl sie noch gerne weitergemacht hätten.“ Darum, und weil einzelne Mitstreiter auch freiwillig ausscheiden würden, sei man auch immer auf der Suche nach neuen Chauffeuren. „20 wären ideal, um die monatlich rund 40 zu fahrenden Touren auf mehreren Schultern zu verteilen“, weiß Gruß. So käme jeder einzelne nur zweimal pro Monat zum Einsatz. Mal seien es mehr Freiwillige in der Samtgemeinde, mal weniger. Seit Corona sind es eher wieder weniger. „Der ein oder andere bleibt wegen dem Ansteckungsrisiko lieber noch unserem Bus fern.“ Gleiches gelte offenbar auch für einige wenige, die sonst regelmäßig als Fahrgast mitreisen würden, offenbar aber noch immer verunsichert seien.

Dabei wird auch im „Fintau-Shuttle“, so lautet der offizielle Name des rot-weißen Achtsitzer-Mobils, viel Wert auf Sicherheit gesetzt. Seitdem der Bus nach einer mehrwöchigen Zwangspause wieder kreuz und quer durch die Dörfer unterwegs ist, auf den Linien 872 und 873, trennt eine Scheibe die Fahrerkabine vom Passagierbereich. Und natürlich ist – wie in allen anderen öffentlichen Verkehrsmitteln nicht anders – auch hier das Tragen eines Mund-Nasenschutzes Pflicht. Daran, meint er, habe man sich schon gewöhnt. Was ihn besonders freuen würde: „Wir können nach einer Lockerung inzwischen wieder mit voller Personenzahl fahren.“ Nach dem Neustart sei das noch nicht der Fall gewesen. Als besonderes Bonbon dürfen die Passagiere jetzt, in der Ferienzeit, sich sogar umsonst von A nach B kutschieren lassen. Die obligatorischen Dankeschöngaben wie Obst und Pralinen, mit denen sich einige erkenntlich bei den Fahrern zeigen würden, die gebe es aber nach wie vor, bekräftigt der Lauenbrücker, der im Verein auch der Technikbeauftragte ist.

Um kurz nach acht Uhr beginnt für ihn der Arbeitstag. Heute ist Günther Gruß für die Vormittagstour eingeteilt. Es ist schon recht warm draußen – macht nicht‘s: Die Klimaanlage kühlt die Fahrgastkabine auf eine angenehme Temperatur runter. Routiniert bedient er zunächst die Apparaturen: Telefon anstellen, den Fahrgastautomaten über eine Karte aktivieren – dann wirft er auch schon den Motor an. Der schnurrt selbst nach 452 000 zurückgelegten Kilometern noch immer wie ein Kätzchen. „Klar, gelegentlich musste das ein oder andere Verschleißteil auch schon mal ausgetauscht werden“, weiß der Fahrer aus Erfahrung. Ansonsten sei der Bus aber noch in einem prima Zustand. Dennoch würde man vereinsintern schon über ein Nachfolgermodell sprechen.

Vom Gelände der Finteler Autowerkstatt Stünkel, wo der Bus „übernachtet“, geht es los. Mit an Bord: Gruß‘ Ehefrau Karin. Die hat sich für die Fahrt mit Strickzeug eingedeckt. Ob sie ein konkretes Ziel habe? „Nein, nein, ich begleite meinen Mann heute nur, weil es bei uns zuhause gerade kräftig lärmt“, klärt die xx-Jährige auf. Der Gärtner würde eine Hecke bearbeiten. „Da stricke ich doch lieber in Ruhe Socken“, schmunzelt sie.

Ruhig sind die ersten Kilometer in der Tat: Kein einziger Fahrgast steigt an einer der Haltestellen, die sich über Fintel, Vahlde, Lauenbrück, Stemmen und Helvesiek bis nach Scheeßel hinein erstrecken, hinzu. „Das ist um diese Zeit nicht ungewöhnlich“, klärt Günther Gruß auf. Füllen würde sich der Bus eh meistens erst beim zweiten Durchgang. Der Bürgerbus fährt jeden der insgesamt 35 gekennzeichneten Stopps auf seinen Vor- und Nachmittagstouren jeweils zweimal an – bis auf die Wochenenden und an Feiertagen. Dann ruht der auf die Minute genauestens getaktete Linienverkehr.

Während Karin Gruß die Stricknadeln tanzen lässt, geht es auf 170 Kilometern durch eine reizvolle Landschaft. Unterwegs winkt der Gatte einigen Leuten, die in ihren Vorgärten arbeiten, zu. Man kennt sich. Neben den Bahnhöfen in Lauenbrück und Scheeßel fährt der „Fintau-Shuttle“ auch die Gaststätte in Groenwede an. Dort besteht die Möglichkeit, lückenlos in den Bürgerbus aus Schneverdingen umzusteigen. Einer, der davon Gebrauch macht, ist Wolfgang Sieh. In Fintel, an der Grundschule, steigt er zu – nicht, ohne dass ihn der Fahrer mit einem freundlichen „Moin!“ begrüßen würde. Sieh‘s Fahrrad darf auch mit rein. Ein Bewerbungsgespräch für einen Nebenjob, berichtet er unter seiner Maske, führe ihn in die Heidekreis-Stadt. Den Drahtesel habe er vorsichtshalber mitgenommen, da er nicht wisse, ob er beim nächsten Halt des Busses schon mit allem durch sei.

Schnell kommen die Passagiere nebst Chauffeur ins Gespräch. Man unterhält sich über Gott und die Welt – und natürlich kommt dabei auch der neueste Dorftratsch nicht zu kurz. Mittlerweile ist auch Ulrike Schmolke an Bord. Da sie seit geraumer Zeit schon kein Auto mehr habe, aktuell auf ein neues hinsparen würde, sei sie auf den Bürgerbus mehr oder weniger angewiesne, erzählt die Noch-Lauenbrückerin, die ihren Wohnort nach Fintel verlagern will. „Genau deshalb pendele ich seit ein paar Tagen auch schon immer hin und her.“ Klar, dass hierbei auch einzelne, handliche Möbelstücke als Transportgut „mitreisen“ dürfen.

Dass derart ausgiebig während der Fahrt miteinander geschnackt wird, das sei nicht immer so, erklärt Günther Gruß. „Es ist aber natürlich auch nicht schlimm, wenn jemand nicht reden möchte, dann lässt er oder sie es halt.“ Einsam fühle er sich hinterm Lenkrad bei gelegentlichen Leerfahrten jedenfalls nicht. „Ich genieße die Touren so oder so – am liebsten jetzt im Sommer, wo man nicht den Scheibenfischer die ganze Zeit vor der Nase hat“, sagt der treue Bürgerbus-Fahrer. Was ihn aus seiner fast sechsjährigen Tätigkeit noch in besonderer Erinnerung geblieben sei: „Einmal hat eine Mutter ihr Kind nebst Kinderwagen bei mir im Bus vergessen – beide haben sich später aber wiedergefunden.“

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