Sie bleibt am Ball

Kathrin Ehrke aus Lauenbrück sammelt Fußball-Equipment für Afrika-Liga

HSV-Fan Kathrin Ehrke in ihrem Gästezimmer, das sie kurzerhand zum „Bälle-Lager“ umgewidmet hat.
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HSV-Fan Kathrin Ehrke in ihrem Gästezimmer, das sie kurzerhand zum „Bälle-Lager“ umgewidmet hat.

Lauenbrück – Noch „schlummern“ sie in Kisten und Kartons: die Fußbälle im Gästezimmer - und -bad von Kathrin Ehrke. Wie viele es sein mögen? „Keine Ahnung, bei 250 habe ich aufgehört zu zählen und es kommt immer wieder Neues rein“, sagt die 43-Jährige. Eines wisse sie aber bestimmt: „Wenn ich die alle auspacken würde, könnte ich glatt ein Bällebad nehmen!“

Das runde Leder aber bleibt verpackt – zumindest so lange, bis es seinen Bestimmungsort erreicht haben wird. Der liegt weit mehr als 8 000 Kilometer von Lauenbrück, Ehrkes Wohnort, entfernt. Simbabwe im südlichen Afrika ist das Ziel. Dort wird das Sammelgut gebraucht. Und gesammelt, das hat der eingefleischte HSV-Fan, in den letzten Wochen schon fleißig. Nicht nur Bälle, nein, auch Fußballschuhe, Trikots, Schiedsrichterutensilien und Tornetze finden (noch) ihren Platz – eben alles, was man zum vernünftigen Fußballspielen braucht.

Kooperation mit der WFF

Die Mission der kaufmännischen Angestellten ist rein charitativer Natur: Im nächsten Jahr soll in Simbabwe unter Federführung der „Wild and Free Foundation“ (WFF), einer amerikanischen Anti-Wilderer-Einheit, eine eigene Kicker-Liga an den Start gehen. Die Region, sagt Ehrke, die berufsbegleitend an der Düsseldorfer IST-Hochschule Tourismusmanagement studiert hat, kenne sie gut, seitdem sie sich dort 2019 für mehrere Monate im Rahmen eines Forschungsprojektes aufgehalten habe. Dabei sei sie im Busch der Frage nachgegangen, wie man durch Tourismus Wilderei bekämpfen könne und habe sich ganz nebenbei in Land und Leute verliebt. „Heute ist es quasi meine zweite Heimat“, sagt die Lauenbrückerin, die schon die ganze Welt bereist habe. „Als Reiseland hat man Simbabwe hier nicht so auf dem Radar, es ist aber traumhaft schön dort.“

67 neue Jobs entstanden

Während Wilderei auf dem schwarzen Kontinent früher eher auf niedrigem Niveau stattgefunden habe, etwa um den Nahrungsbedarf zu decken, sei sie dort heute Teil des organisierten Verbrechens. Das Nashorn sei mittlerweile mehr wert als Gold – und so würden die Syndikate die arme Bevölkerung nutzen, um für sie in die Nationalparks einzudringen und illegal Jagd auf die Tiere zu machen. Dem will die WFF einen Riegel vorschieben. Und hat die vom Aussterben bedrohten Geschöpfe bisweilen sogar mit Waffen beschützt. „Anti-Wilderei ist wie ein militärischer Einsatz – da sterben auf beiden Seiten regelmäßig auch Leute“, weiß Ehrke zu berichten. Mitterweile würde die Organisation aber einen anderen Kurs fahren: weg von den Symptomen, hin zu den Ursprüngen. Und eben letztere seien in der Armut verankert. „Also ist man in die Dörfer gegangen mit der Frage, was man zur Lebensverbesserung beitrage könne“, schildert es die Lauenbrückerin. Die Antwort sei jedenfalls verblüffend gewesen: „Die Menschen wollten kein Essen, keine Kleidung oder Medikamente, nein, sie wollten Fußballspielen.“ Also sei 2017 die sogenannte „Rhino Cup Champions League“ ins Leben gerufen worden – zunächst in Mosambik. „Die haben dort mit einer reinen Herren-Liga angefangen, mittlerweile sind darin aber auch Frauen aktiv – und Kinder sollen ebenfalls noch hinzukommen“, berichtet Ehrke von dem Projekt, das inzwischen 600 Spieler zähle und 67 neue Jobs geschaffen habe – Tendenz steigend. Und siehe da: Wie eine Studie im Krüger-Nationalpark gezeigt habe, sei die Wilderei während des Liga-Betriebs tatsächlich messbar zurückgegangen. „Fußball kann also wirklich etwas bewirken – und wenn es nur die Rettung von ein paar Nashörnern und Elefanten ist“, freut sie sich.

Hellhörig sei sie geworden, als die Foundation angekündigt habe, mit Ligen nunmehr in die Nachbarstaaten expandieren zu wollen, nach Namibia beispielsweise. Und eben nach Simbabwe. Also habe sie mit der WFF Kontakt aufgenommen. „Ich habe mir einfach überlegt, wie ich meine drei Steckenpferde – Fußball, Tierschutz und Afrika – miteinander verbinden kann, und so war in mir die Idee gereift, für den Liga-Start zumindest das Basis-Equipment für die 19 Herren-Teams zu beschaffen.“ Also habe sie sich umgehört, wer denn etwas beisteuern könnte – erst unter Freunden, darunter auch ihren HSV-Kollegen, sowie Verwandten, später auch im weiteren Umfeld. „Tja, und das Ding ist dann gleich blitzschnell durch die Decke gegangen“, beschreibt sie die Aktion, die Schneeballsystem-artig in halb Deutschland bekannt geworden sei. „Inzwischen steuern die Leute, ja sogar ganze Vereine, nicht nur Spielausstattung bei, sondern sie organisieren teilweise auch eigene Sammlungen.“ Nicht jeden Helfer würde sie dabei auch persönlich kennen.

Container als Geschenk

Selbst wenn das, was Kathrin Ehrke in ihrer Wohnung hortet, noch nicht einmal die Hälfte vom Sammelgut sei – „viele Sachen liegen noch immer in Hamburg oder Köln“ –, gewisse Utensilien suche sie noch immer: „Fußballnoppenschuhe in allen Größen und Schiedsrichterkleidung sind noch gerne gesehen“, sagt die 43-Jährige. Verfrachtet werde das Ganze später in einen sechs Meter langen und 2,50 Meter hohen Seefrachtcontainer. Den habe sie von Olaf Gayko, dem Geschäftsführer der CR Container Trading GmbH mit Sitz in Hamburg und ebenfalls bekennender HSV-Fan, kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. „Der musste gar nicht lange zögern, das Ding zu spenden“, freut sie sich. Noch in diesem Jahr, voraussichtlich im Spätherbst, soll der dann sicher prall gefüllte Container auf die Reise in Richtung Mosambik-Beira geschickt werden. Von dort gehe es dann über Land weiter nach Simbabwe, kündigt Ehrke an, die den Transport natürlich selbst begleiten will.

Der Kooperationspartner, die WFF, sei jedenfalls begeistert gewesen über die Unterstützung aus dem kleinen, niedersächsischen Dörfchen Lauenbrück. „Es kostet ja auch immens viel Geld, so eine neue Liga auszustatten“, sagt sie. Und klar sei es ein Vorteil, dass sie sich vor Ort inzwischen sehr gut auskenne. „Ich pflege wirklich gute, vertrauensvolle Beziehungen zu den Nationalparkbehörden und zu den Bürgermeistern, den sogenannten Chiefs – die wissen eben, dass ich nicht die typische Weiße bin, die die Welt verändern möchte.“ Die ganze Welt vielleicht nicht, aber immerhin einen kleinen Teil in ihr.

Bleibt die Frage, wie sich die Wilderei neben dem Fußball denn nun durch den Tourismus eindämmen lässt? Ehrke, die zugibt, nie selbst aktiv Fußball gespielt zu haben, seufzt. „Oh, das würde jetzt zu weit reichen, es ist ja auch ein hochkomplexes Thema “, sagt sie mit einem breiten Lächeln. Nachzulesen seien die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit sonst aber auch in ihrer Bachelor-Arbeit.

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