Jörn Bartels führt Touristen über die grüne Insel

Schornsteinfeger  mit „deutschem Herz und irischer Seele“

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Jörn Bartels ist mit einem Bein in Irland zu Hause. 

Fintel - Von Hannelore Rutzen. Jörn Bartels hat gleich zwei Heimatregionen. In Fintel, der einen, lebt der Schornsteinfeger seit nunmehr zwölf Jahren. Gebürtig kommt Bartels aus Hamburg. Doch genau dort, im Großstadtdschungel, wollte er nicht mehr länger zu Hause sein.

Der 61-Jährige genießt das Landleben in vollen Zügen. Ein beschauliches Leben, das er so das erste Mal bei einem Aufenthalt in Irland kennen- und schätzengelernt hat. Es sollten noch viele Reisen mehr auf die grüne Insel, seiner selbsterklärten zweiten Heimat, folgen.

Herr Bartels, wäre die Bezeichnung des halben Iren auf Sie gemünzt eigentlich eine Übertreibung?

Jörn Bartels: Nein, ganz und gar nicht. Ich würde von mir sagen: Ich bin ein Mensch mit deutschem Herz und einer irischen Seele. Wenn ich hier bin, habe ich Heimweh nach Irland, bin ich dort, zieht es mich nach Deutschland.

Was hat Sie nach Irland verschlagen?

Bartels: Ich bin ja im Lauenbrücker Angelsportverein aktiv, war mit ihm im Team mehrfach Hamburger und Deutscher Meister. So lernte ich auch Wolfgang Prien, den damaligen Vorsitzenden, kennen, der schon lange freundschaftliche Verbindungen und Kontakte nach Irland hatte. Eines Tages nahm er mich mit nach Glencar, Country Kerry, im Südwesten der Insel. Ich war sofort hin- und weggerissen: diese Weite, das satte Grün, die unberührte Wildnis, die Freiheit. Ich nahm alles auf wie eine Droge. Wir angelten und fingen riesengroße Lachse in einem Fluss namens Caragh.

Das muss wahre Liebe sein ...

Bartels: Das war es und das ist es. Das Hotel, in dem wir wohnten, sollte zu dieser Zeit für einen günstigen Preis verpachtet werden. Plötzlich stand das Angebot, das Hotel selbst zu pachten. Warum auch nicht? Also griff ich zu. Der Schweizer Verpächter machte uns einen guten Preis. Das war 1989. Anke, meine damalige Freundin, und ich heirateten noch schnell, schickten alle Möbel per Container rüber. Wir kauften einen VW-Bus und wanderten damit nach Irland aus. Ich verbesserte mein Englisch mit irischem Akzent, sprach mit den Leuten auf der Straße und im Pub. Wenn ich heute in London mit jemandem spreche, fragt man mich nicht selten, aus welchem Teil Irlands ich denn kommen würde. Das ist doch ein Kompliment, oder?

Wie haben Sie Fuß gefasst? Man hört ja immer wieder von ein paar Einbürgerungsproblemen.

Bartels: Klar, wir mussten uns erst einen Namen machen. Es kamen Pilzsammler, Wanderer, Reiter, Angler und Jäger zu uns ins Hotel. Es gibt dort in der Natur so viel im Überfluss. Sogenannte „Continentals“, also Ausländer aus Frankreich, Deutschland oder Spanien, kamen in dieses herrliche Fleckchen Erde und genossen ihren Urlaub. Ich erkundete täglich die Weiten der Natur. Was diese alles zu bieten hatte, das ist schon sagenhaft. Ich lernte viel über die verschiedenen Tierarten kennen, wie die scheuen Sikahirsche oder die schnellen Woodcocks, eine Schnepfenart, die dort zu Tausenden überwintert. Nebenbei habe ich die Touristen fast täglich durch diese wunderbare Natur und einzigartige Landschaften geführt. Ann-Katrin, unsere erste Tochter, wurde dort geboren.

Sie sind auch mit dem irischen Musiker Larry Mathews befreundet, den viele von seinen Auftritten in der Lauenbrücker Scheune kennen ...

Bartels: Und den ich während dieser Zeit damals kennenlernte. Larry spielte für unsere Hotelgäste. Seitdem verbindet uns eine tiefe Freundschaft. Inzwischen lebt der Junge ja in der Nähe von Hamburg. Immer, wenn es meine Zeit erlaubt, treffen wir uns.

Weshalb sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt?

Bartels: Unser Hotelverpächter entwickelte sich zu einem intriganten Typen. Vielleicht war er das früher schon, vielleicht hatte ich das in meiner blinden Liebe und Vertrautheit, ja, Ergebenheit zu Irland und den Menschen übersehen. Er wollte uns austricksen. Touristen, die mit mir angeln wollten, mussten sich über ihn in der Schweiz anmelden. Er verwies sie zum Übernachten an andere Hotels der Umgebung, nicht an unseres. Er sagte ganz offen, dass er uns nicht wollte. Wir mussten aufgeben. Das war schon eine bittere Erfahrung für uns.

Dennoch ist der Kontakt nie abgerissen ...

Bartels: Mir blieben Freunde fürs Leben, bis heute, wie John Mangan und Tim O‘Donoghue, die aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Meine Frau wollte zurück nach Deutschland, ihr war das zu unsicher und zu stressig – zumal sie unsere zweite Tochter unter dem Herzen trug. Ich ging erst einmal mit ihr zurück. Das war 1994. Irgendwann lebten wir uns auseinander, man trennte sich ohne Groll. Und mich zog es zurück ins Land meiner Träume.

Wo Sie nun ohne ein Hotel als Existenzgrundlage dastanden ...

Bartels: Mein Kumpel John, der ein großes Jagdunternehmen leitet, fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, saisonal in Irland zu arbeiten. In seinem Haus, das wie ein Schloss aussieht, hätte er eine Unterkunft, alles andere ließe sich auftreiben, sagte er mir. Und ob ich Lust hatte! So weit ist Irland schließlich nicht von Deutschland entfernt. Die Insel kann man von hier aus gut erreichen. Also machte ich mich etwa drei- bis viermal im Jahr für oft eine, manchmal vier Wochen auf den Weg. Ich fieberte den anstrengenden Tagen entgegen und genoss sie in freier Natur. Ich freute mich, den Gästen etwas von meinem inzwischen reichen Wissen abzugeben und sie meine Verbundenheit spüren zu lassen.

Was genau hat man sich darunter vorzustellen?

Bartels: Wir gehen bis heute gemeinsam auf die Sika-Jagd. In einem riesigen unüberschaubaren Gebiet von mehr als 500 Quadratkilometern. Die Sikahirsche vermehren sich dort so stark, dass der Bestand außer Kontrolle geraten ist. Außerdem haben sie keine natürlichen Feinde. Sie müssen reduziert werden. Die französischen Touristen sind vor allem auf die Woodcocks aus, die bei ihnen als Delikatesse höchster Art gelten. Andere wollen gerne Lachs angeln. Wir stehen bis zum Bauch im Fluss, und ich zeige ihnen alles über Köder, Techniken mit der Fliegenrute und vieles mehr. Wie hierzulande, gibt es natürlich auch dort Schonzeiten, die eingehalten werden müssen. Wenn wir abends in der Gruppe zurückkehren, sind alle immer sehr erschöpft, aber überglücklich. Wir sitzen oft noch am Lagerfeuer zusammen, trinken Guinness und Whisky und quatschen miteinander, bis man schon bald wieder in den frühen Morgenstunden in den Wald oder die Berge aufbricht.

Wie lange wollen Sie das noch mitmachen?

Bartels: Inzwischen habe ich mit Solveigh eine neue Frau an meiner Seite. Sie hat drei Söhne. Gemeinsam mit meiner Ex-Frau und den beiden Töchtern verstehen wir uns alle prächtig. Solveigh ist genauso besessen wie ich. Sie kommt oft mit nach Irland, begleitet mich, aber nicht unbedingt, wenn ich die Leute führe. Wir saugen das Land jetzt gemeinsam auf.

Können Sie sich vorstellen, Ihren Lebensabend in Irland zu verbringen?

Bartels: Ich glaube nicht, dann würde man doch zu sehr gebunden sein. Wir möchten auch in anderen Ländern schöne Gegenden bereisen. Trotzdem werde ich Irland treu bleiben. Solange ich lebe. Ich kann nur jedem von Herzen raten, einen Urlaub auf der Insel zu machen. Ich verspreche, man behält immer ein Stück Irland in seinem Herzen.

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