Samtgemeinde Fintel setzt auf Beschäftigung für Flüchtlinge

Niestädt: „Die Dinge selbst in die Hand nehmen“

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Setzt nicht nur auf die Unterbringung von Asylbewerbern, sondern auch auf deren Beschäftigung: Samtgemeindebürgermeister Michael Niestädt.

Fintel - Von Ulla Heyne. In der Theorie sind sich alle einig: Asylsuchende, die monatelang auf ihre Anerkennung warten, sollten nicht nur untergebracht, sondern auch integriert werden – und das am besten über Beschäftigung. Doch wie kann das konkret umgesetzt werden? Der Bürgermeister der Samtgemeinde Fintel, Michael Niestädt, will sich nicht hinter der Zuständigkeit des Landkreises verstecken. Er setzt darauf, auch als Samtgemeinde selbst aktiv zu werden.

Herr Niestädt, warum ist Arbeit für Flüchtlinge auch in Fintel ein Thema?

Michael Niestädt: Uns geht es darum, dass die Asylbewerber nicht nur untergebracht, sondern auch beschäftigt und im Idealfall integriert werden. Diesen Wunsch äußern sie auch immer wieder selbst. Dabei geht es nicht vornehmlich darum, Geld zu verdienen, sondern darum, etwas zu tun zu haben, gebraucht zu werden, teilzuhaben. Dafür müssen und wollen wir uns verstärkt einsetzen.

Nun ist die Gesetzgebung ja dahingehend geändert worden, dass Asylsuchende sich nach drei Monaten Aufenthalt arbeitssuchend melden können – sollte sich die Lage dadurch nicht vereinfachen?

Niestädt: Der Landkreis sieht sich, so ging es aus einer Dienstbesprechung mit den Kommunen hervor, damit vor erhebliche Hürden gestellt: Zum einen kommen wir alle in Punkto Arbeitsbelastung an unsere Grenzen. Und konkret ist es schon schwierig, mal ganz abgesehen von den Sprachbarrieren: Wie soll man dort einschätzen können, was die Menschen können? Wir sind näher dran, können versuchen herauszufinden, was derjenige kann, wo seine Begabungen, Neigungen und Fähigkeiten sind und wo man ihn einsetzen könnte. Und außerdem sieht das Asylbewerberleistungsgesetz vor, dass den Asylbewerbern Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden sollen. Das ist noch niederschwelliger, als sie auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren.

Wie kann das konkret aussehen?

Niestädt: Wir haben vor, dass die Flüchtlinge, die gern etwas machen würden – und das sind die meisten – bei uns ein Praktikum machen. Dann können wir sehen, wo man sie einsetzen könnte.

Und wo könnte das sein?

Niestädt: Zum Beispiel im Bauhof. Dort hätten wir eine Win-Win-Situation: Die Bauhofmitarbeiter sind dadurch, dass sie außerhalb ihrer eigentlichen Zuständigkeit oft Hausmeistertätigkeiten in den Asylbewerberunterkünften übernehmen, extrem beschäftigt. Da bleibt vieles anderes auf der Strecke. Da käme Unterstützung zum Beispiel bei der Pflege der Grünflächen oder Spielplätze gerade recht – und man kennt sich ja eh schon. In Bothel wurden Asylbewerber bei einem Projekt zur Anlage von Grünflächen eingebunden – warum sollte so etwas bei uns nicht gehen?

Aber ist das nicht eigentlich Aufgabe des Landkreises?

Niestädt: Ja, aber auch dort führt die Vielzahl von Asylverfahren zu einer hohen Arbeitsbelastung. Und: Die Hürden für Beschäftigung suchende Asylbewerber im Landkreis sind hoch; man will sich dort am Modell des „Ein-Euro-Jobs“ orientieren. Dabei muss allerdings nachgewiesen werden, dass es sich um eine zusätzliche Beschäftigung handelt und kein Arbeitsplatz bedroht wird. Gerade wurde eine Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe eingerichtet, die vermutlich eher strategisch arbeitet und erst einmal Grundlagen schaffen muss. Wir können aber nicht darauf warten, bis dort konkrete Maßnahmen entwickelt werden. Die Flüchtlinge sind jetzt hier und brauchen jetzt unsere Hilfe. In anderen Landkreisen funktioniert das ja auch. Und mit Blick auf die Zukunft: Es werden ja nicht weniger Menschen, die zu uns kommen; das Problem zu vertagen, bringt nichts. Zunächst hatten wir einige wenige Asylbewerber, deren Betreuung keine Probleme bedeutete. Jetzt sind es wesentlich mehr geworden und angesichts der Tatsache, dass in näherer Zukunft noch 30 weitere kommen sollen, drängt sich auch die Frage auf, nach welchen Kriterien verteilt wird. Der Königsteiner Schlüssel, nach dem die Asylbewerber auf die Bundesländer verteilt werden, sieht eine Quote 2/3 nach Finanzkraft und 1/3 nach Einwohnerzahl vor. Im Landkreis Rotenburg wird nach einem anderen, mir nicht bekannten, Schlüssel verteilt, so dass uns im Vergleich zur Stadt Rotenburg relativ mehr Asylbewerber zugeteilt werden. Dank unserer ehrenamtlichen Helfer konnten wir die Herausforderungen bisher gut meistern; aber wir haben keine Sozialarbeiter, keine zentralen Unterkünfte und die Asylbewerber können nicht mal eben rüber ins Kreishaus. Darüber werden wir mit dem Landkreis reden müssen.

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