Ein Problem, das zum Himmel stinkt?

Neue Dünge- und Notverordnung Thema beim Grünen-Stammtisch in Helvesiek

Teure, naturschonende Spitzentechnologie in der Landwirtschaft: Ein Schleppschuhverteiler für Gülle mit computergesteuertem Trecker.

Helvesiek - Von Wieland Bonath. Im Mai vergangenen Jahres trat die Neufassung der Düngeverordnung in Kraft – für den Boden eine dringende Notwendigkeit, für Menschen, Tiere und Pflanzen vielfach zukunftsentscheidend. Dringende gesetzliche Regelungen, die allerdings Fragen und Forderungen offenlassen. 

Das Thema „Auswirkungen der neuen Dünge- und Notverordnung und wie wir damit umgehen“ stand aktuell auf dem Programm beim Stammtisch der Grünen in der Samtgemeinde Fintel. Fast 50 Besucher, darunter sehr wenige Landwirte, wurden vom Vorsitzenden Hans-Jürgen Schnellrieder im Restaurant „Helscher Hus“ in Helvesiek begrüßt.

„Ziel dieser Verordnung ist es, durch eine bedarfsgerechte Düngung dafür zu sorgen, den bisher leider registrierbar zu hohen Stickstoffeinsatz sachgerecht abzusenken“, erläuterte Dr. Christiane Looks, seit 2015 Naturschutzbeauftragte für den Südkreis, zu Beginn ihres mit viel Temperament vorgetragenen Referats. Zu den möglichen Problemen sagte sie unter anderem: „Die erlaubte Stickstoff- und Phosphormengen wurden angesichts registrierter Überdüngungen reduziert: bei Stickstoff um rund 20 Prozent, bei Phosphor um die Hälfte. Letzteres fordert selbst Biolandwirte heraus.“ 

Nachbesserungen gefordert

Des Weiteren hätten Erfahrungen zum Beispiel in Dänemark mit zum Teil qualitativ vergleichbaren Böden gezeigt, dass die gestatteten Mengen für ein ertragsmäßig gesehenes „Weiter-so“ zum Beispiel beim Gras nicht reichen. Looks: „Hier werden eventuell Nachbesserungen gefordert, wie sie in Dänemark und den Niederlanden bereits praktiziert werden.“

Zu den Konsequenzen für die Betriebe meinte die Fachfrau aus Eversen: „Sie müssen gegebenenfalls Nährstofflagerung kapazitätsmäßig anpassen, zumal Schweinegülle sich nicht nur qualitätsmäßig ändert, sondern Hochleistungskühen nach der neuen Verordnung pro Jahr rund 40 Prozent mehr Gülle zugeordnet wird, was angesichts eingeschränkter Ausbringungszeiten und -möglichkeiten einen deutlich erhöhten Lagerraumbedarf bedeutet. Bei 100 Kühen sind das ungefähr 2 000 Kubikmeter mit der Folge von etwa 6.000 bis 10.000 Euro Investitionskosten.“

Lagerkapazitäten für steigende Güllemengen schaffen

Und auch diese Konsequenz ist sicher: Um Lagerkapazitäten für steigende Güllemengen zu schaffen – ab 31. Januar darf wieder Gülle ausgefahren werden – sei in naher Zukunft damit zu rechnen, „dass überall in der Feldmark gebaut wird“. Nach entsprechenden Verordnungen müsse der Mist, der auf die Felder ausgebracht wird, nach genauen Regeln abgedeckt und behandelt werden. Dazu eine Dokumentationspflicht, für die manche Höfe einen Mitarbeiter abstellen müssen, um die steigende Bürokratie in der Landwirtschaft zu bewältigen. Verbunden damit und bei immer größeren Anforderungen der Landwirtschaft durch die Technik würden ihren Worten nach immer mehr Betriebe zum Ruin getrieben.

250.000 Euro hat Landwirt Wolfgang Bassen für seinen Trecker, ausgerüstet mit Computertechnik und einen Schleppschuhverteiler, bezahlt. Modernste Technik, mit der so schonend wie möglich aus einem 20-Kubikmeter-Gülleanhänger Dünger in den Boden eingebracht werden. Bassen hat am Rande von Scheeßel eine anerkannte Sauenhaltung. Auch er klagt, genau wie seine Berufskollegen, über ein viel zu großes Maß an Bürokratie, das der Gesetzgeber den Bauern abverlangt und sie an den Schreibtisch „bindet“.

Verseuchung des Trinkwassers rückt näher

Aufgabe des Grünen- Stammtisches war es offensichtlich nicht, einen Berufsstand, eine Berufsvertretung oder die Politik an den Pranger zu stellen. Klar wurde jedoch immer wieder: Die guten, notwendigen und wichtigen Absichten werden immer wieder von der Praxis durchkreuzt.

Thema des Abends waren auch die deutschlandweit zu hohen Nitrateinträge. Der Landkreis Rotenburg gehört zu den Spitzenreitern. Die Verseuchung des Trinkwassers, so die Naturschutzbeauftragte Looks, rücke näher.

Hans-Jürgen Schnellrieder, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Rat der Samtgemeinde Fintel, hatte einen Sechs-Punkte-Antrag zum Thema „Pestizidfreie Kommune“ mitgebracht. Darin soll der Gemeinderat Fintel zusammen mit den angeschlossenen Kommunen aufgefordert werden, auf allen kommunalen Flächen keine chemisch-synthetischen Pestizide einzusetzen. Außerdem sollen private Dienstleistungsunternehmen, die den Auftrag zur Pflege öffentlicher Flächen erhalten, ebenfalls zu einem Pestizidverzicht verpflichtet werden.

Mehr als 100 Städte und Gemeinden in Deutschland sind inzwischen pestizidfrei. BUND-Kreisvorsitzender Manfred Radtke: „Die Stadt Rotenburg hat schon vor vielen Jahren beschlossen, auf öffentlichen Flächen keine Pestizide mehr einzusetzen.“

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