Poetry im Park-Moderator Hauke Prigge über die Kultur des modernen Dichterwettstreits

„Slams sind am Zahn der Zeit“

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Tauscht beim vierten Poetry im Park wieder die Slammer-Rolle gegen die des Moderators ein: der gebürtige Helvesieker Hauke Prigge.

Lauenbrück - Von Lars Warnecke. Sie erzählen Geschichten, das Publikum gibt ihnen dafür Punkte. Haben sie ihre Zuhörer überzeugt und die meisten Punkte bekommen, gewinnen sie eine goldfarben besprühte Bierflasche, oder auch mal ein Buch. Auf jeden Fall Applaus und anerkennende Schulterklopfer. Denn beim Poetry Slam, erklärt Hauke Prigge, geht es nicht um den Sieg allein, sondern darum, ein Publikum für lebendig vorgetragene Literatur zu begeistern. Im Interview spricht der Begründer und Moderator des Poetry im Park über den Wert der Sprache, den poetischen Nachwuchs und den Open-Air-Slam am 12. Juni im Landpark Lauenbrück.

Herr Prigge, hat sich der Poetry im Park etabliert? 

Hauke Prigge: Mit ziemlicher Gewissheit: Ja! Wenn ich in der Heimat bin werde ich von allen Seiten auf Poetry im Park angesprochen – selbst im Winter. Das Event ist jetzt bei der vierten Ausgabe wirklich in den Köpfen der Menschen im Landkreis angelangt. Weit vor dem Vorverkaufsstart gehen im Landpark oder bei der Buchhandlung Wandel schon die ersten Ticketvorbestellungen ein. Die Etablierung liegt einerseits an der guten Arbeit, die wir leisten, aber natürlich auch an der tollen Berichterstattung von Seiten der Medien, über die wir sehr dankbar sind.

Was unterscheidet den Lauenbrücker Slam von anderen Dichterwettbewerben?

Prigge: Also erstens haben wir mit ein paar Stars der Szene sowie lokalen Slammern immer ein sehr gutes Line-up. Gleichzeitig achte ich darauf, dass wir auch immer eine schöne Mischung aus ernsten und lustigen Texten haben. Gute Slammer gibt es aber natürlich auch anderswo. Bei uns ist das Flair das Sahnehäubchen: die Naturbühne, die riesige alte Eiche, die Feuerkörbe – dazu die Integrierung in den Landpark. Pfauenrufe untermalen die Texte, letztes Jahr lief direkt zu Beginn des Slams eine Gruppe Pferde über die Weide hinter der Location. Vorjahressieger Lasse Samström meinte danach zu mir: „Da wusste ich, der Abend kann nur noch gut werden.“ Unser Slam ist einzigartig – und das wissen auch die Slammer.

Sie sind selbst in Deutschlands Poetry Slam-Szene unterwegs. Wie funktioniert diese Szene?

Prigge: Poetry Slam wird immer bekannter. Dadurch ist die Szene in den vergangenen Jahren stark angewachsen. Aber im Kern wird es wohl immer diesen eingeschworenen Haufen aus vielleicht 200 bis 250 Menschen geben, die regelmäßig in Deutschland herumreisen und bei Slams auftreten. Man kennt sich. Es ist fabelhaft, wo man sich immer überall trifft. Natürlich gehört auch die Local-Szene dazu. Es gibt eben sehr viele verschiedene Arten von Slams. Große Einladungs-Slams, aber eben auch Newcomer-Sachen. Alles hat seine Berechtigung, alles hat seine Schönheit.

 

Was gehört zu den wichtigsten Eigenschaften eines guten Slammers?

Prigge: Er kann das Publikum packen. Er muss ausdrucksstark sein. Er darf nicht langweilen, muss unterhalten können. Das ist aber schon das einzige, was man pauschalisieren kann. Alles andere ist unglaublich variabel. Gute Texte können sowohl ernst, als auch lustig sein. Sie können laut wie leise, sehr groß performt oder sehr minimal mit Performance untermalt sein. Die Bandbreite an sehr guten Slammern, die ich kenne, ist wirklich enorm.

 

Worauf legen Sie persönlich mehr Wert? Auf einen guten Text oder eine gute Performance?

Prigge: (lacht) eine gute Frage. Ich denke, man kann beides nicht voneinander trennen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wie schon angedeutet, ist es einfach nur wichtig, dass Text und Performance zueinander passen und sich ergänzen. Generell kann man aber schon konstatieren, dass gute Performer es meistens etwas einfacher haben. Eine krasse Performance übertüncht oft einen mittelmäßigen Text, wohingegen starke Texte ohne performative Ausdruckskraft oft auf der Strecke bleiben. Das heißt aber nicht, dass ich das gutheiße.

 Wie steht es eigentlich um den Slammer-Nachwuchs?

Prigge: Die U20-Szene, also die Wettbewerbe für Slammer unter 20 Jahren, boomt enorm. Es wird viel Workshop-Arbeit an Schulen geleistet, Kommunen und Länder unterstützen oft gerade die Events für die jüngeren Slammer. Das ist sehr schön, da Poetry Slam einen tollen Einfluss auf die Persönlichkeit oder zumindest das Auftreten eines Menschen haben kann. Im Landkreis haben wir leider keine spezielle Jugendförderung, aber durch den Wortfassetten-Slam von Dennis Schmidt in Rotenburg haben gerade Nachwuchs-Slammer alle drei Monate die Möglichkeit, sich auszuprobieren und zu präsentieren.

 

Ein wenig altmodisch wirkt das Schreiben von Gedichten in der heutigen Zeit ja schon – wieso lohnt es sich für Jugendliche trotzdem, sich der Poesie zu widmen?

Prigge: Poetry Slam hat gerade für junges Publikum einen deutlich größeren Reiz als Wasserglas-Lesungen mit angestaubter Lyrik. Poetry Slam ist am Zahn der Zeit. Und es ist ein tolle Art, sich auszudrücken. In den Workshops an Schulen werden zwei wichtige Dinge vermittelt: Einerseits der Spaß an der Sprache und am Schreiben. In der Schule werden Jugendliche dazu getrimmt, wissenschaftliche Sprache zu benutzen und tunlichst das zu sagen, was der Lehrer hören will. Im Workshop soll der Mut zur kreativen Selbstverwirklichung vermittelt werden. Zweitens lernt man, sich auf eine Bühne zu stellen, vor Menschen zu reden und Gestik, Mimik und körperliche Performance einzusetzen. Das hilft ungemein zum Beispiel später auch im Berufsalltag.

 In letzter Zeit haben einige Slammer auch durch die Videoplattform Youtube auf sich aufmerksam gemacht. Spielen solche Plattformen in der Szene eine große Rolle?

Prigge: Klar, der Julia Engelmann-Effekt. Wär sie nicht zum Youtube-Star „mutiert“, hätten wir sie vergangenes Jahr sogar bei Poetry im Park gehabt. Ich hatte schon eine mündliche Zusage. Aber so ist das nun mal. Tendenziell ist Youtube sehr wichtig, da Slammer so für ihre Bekanntheit sorgen können. Man merkt auch immer mehr, wie Slammer sich mit Marketing beschäftigen, Facebook-Fanseiten erstellen oder gezielt Youtube-Videos hochladen. Das bleibt bei einer Professionalisierung der Szene nicht aus.

Worauf darf sich das Publikum diesmal freuen?

Prigge: Auf hoffentlich sehr gutes Wetter, auf die beste Open-Air-Slam-Location Deutschlands und natürlich auf eine fabelhafte Bandbreite toller Poeten. Unser Stargast Andy Strauß ist einer der lustigsten Menschen, die ich kenne. Sulaiman Masomi steht dem in nichts nach. Klaus Urban tritt dieses Jahr sogar im Team mit seiner Frau an. Das wird auch sehr spannend. Poetry Slam ist Feiertag für die Lachmuskeln und Balsam für die Seele, sage ich immer. Wir werden dem Publikum einen wundervollen Abend bereiten.

 

Und was erhoffen Sie sich von dem Abend?

Prigge: Ich gehe da ganz entspannt heran. Wir haben mit dem Landpark einen tollen Partner, mit Uli Drömann und Marco Ivers Organisationstalente im Hintergrund und mit Soundpatrol die beste vorstellbare Technik. Ich bin mir sicher, wir haben wieder viele Zuschauer und ich freue mich einfach sehr, durch den Abend führen zu dürfen. Neben dem Slammen ist Moderieren eine große Leidenschaft von mir und an dem Abend geht es dann wirklich nur noch um die Themen Poesie und Spaß.

Zur Person:

Geboren und aufgewachsen ist Hauke Prigge (25) in Helvesiek. Nach seinem Abitur an der Eichenschule im Jahr 2009 zog er zwecks Studium der Kommunikationswissenschaften nach Berlin. In der Poetry-Slam-Szene mischt Prigge seit 2010 mit. Mehr als 150 Auftritte in Deutschland, Österreich, Schweiz hat er seitdem absolviert. Den Hurricane-Festival-Besuchern ist er zudem als Moderator auf der Fahrraddisko-Bühne bekannt.

Teilnehmer und Vorverkauf:

Etwa drei Wochen vor Poetry im Park am Freitag, 12. Juni, ist das Line-up komplett. Neben Stargast Andy Strauß (Münster) konnte mit dem Dortmunder Sulaiman Masomi kurzfristig noch eine weitere Szenegröße für eine Teilnahme verpflichtet werden. Daneben präsentieren sich Lennart Hamann (Hamburg), Rita Apel (Bremen), Nils Früchtenicht (Oldenburg), Schriftstehler (Hamburg) und Klaus Urban (Stadthagen). Zudem werden sich mit den erfahrenen Slammern Dennis Schmidt und Eva Matz (beide Rotenburg) sowie der Newcomerin Nadja Salewski aus Sottrum-Fährhof drei lokale Künstler dem Wettbewerb im Landpark Lauenbrück stellen.

Am Dienstag nach Pfingsten beginnt für die Open-Air-Veranstaltung der Vorverkauf. Karten sind zum Preis von acht Euro (ermäßigt sechs Euro) bei der Buchhandlung Wandel in Scheeßel, im Haus der Rotenburger Kreiszeitung (Große Straße 79) sowie direkt im Landpark Lauenbrück erhältlich

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