„Stolz darauf, was wir hier leisten“

Pfingsten in Appel: Organisator Udo Borchers über das Traditionsfest

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Auch für sie ist Appel immer wieder ein Erlebnis: Chef-Organisator Udo Borchers (Mitte) mit seinen engsten Mitarbeitern Dörte Müller und Stephan Wilke.

Appel - Von Lars Warnecke. Es braucht nur ein Schlagwort – und jeder weiß, was gemeint ist: Appel. An diesem Pfingstwochenende geht die 17-stündige Kultparty in dem kleinen Dörfchen bei Helvesiek in die 53. Runde.

Damit zählt der Frühtanz zu den langlebigsten Großveranstaltungen im Landkreis. Was aber macht für zigtausende Menschen vorwiegend jungen Alters die Faszination an dem Spektakel aus? Wo liegen seine Wurzeln? Und wie ist es um die Zukunft bestellt? Darüber haben wir uns mit Chef-Veranstalter Udo Borchers (55) unterhalten.

Herr Borchers, ist ihnen eigentlich gar nichts heilig?

Udo Borchers: Wenn Sie damit auf den Frühtanz zu Pfingsten anspielen: Heilig ist mir, wenn die Leute rausgehen und am Ende sagen: „Ey Udo, das war wieder ein geile Party, bis nächstes Jahr!“ Dann bin ich zufrieden. Und wenn das Publikum natürlich unbeschadet bleibt. Das ist in all den Jahren auch immer Gott sei Dank der Fall gewesen – es hat nie einen größeren Zwischenfall gegeben.

Und dennoch hat der Frühtanz doch recht wenig mit dem christlichen Gedanken eines Pfingstfestes am Hut.

Borchers: Wohl war, aber habe ich die Party erfunden? Nein! Deshalb muss ich mir auch keine Gedanken von der Moral her machen. Pfingsten in Appel hat eine viel längere Tradition als mancher denken mag. Und die führe ich fort. An sich ist das Fest ja schon über 100 Jahre alt. Seine Wurzeln hat es als Hochzeitsmarkt in Kuhmühlen. Damals wurden die Knechte mit den Mägden verheiratet und auf andere Höfe geschickt. Erst mein Großvater hat den Frühtanz nach Appel gebracht, nachdem das in Kuhmühlen alles zu klein geworden war – das ist jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert her. Nein, wir haben das als Familientradition übernommen, inzwischen mit mir in der dritten Generation.

Warum nennt sich das Ganze „Frühtanz“? Gefeiert wird doch von abends bis zum nächsten Nachmittag ...

Borchers: Der Name ist tatsächlich noch ein Überbleibsel aus alten Zeiten. Damals ging es am Pfingstsonntag ja auch erst um 6 Uhr morgens los. Um 10 Uhr, pünktlich zum Kirchgang, war dann schon wieder Schluss. Dann gab es keine Musik mehr und es wurde auch nichts mehr ausgeschenkt. Man kann das mit heute gar nicht mehr vergleichen, gefeiert wurde ja auch nur in einem kleinen Pferdestall, in einer ehemaligen Tabakscheune – als eine Art Reitertreffen mit nicht mehr als tausend Leuten. Zäune, wie sie heute das Festgelände einfassen, hat es anfangs auch noch nicht gegeben.

Sie sind also quasi in die Verantwortung hineingewachsen.

Borchers: So kann man das sagen, ja. Schon als 13-Jähriger bin mit dem Trecker von zuhause hierher gefahren, um im Vorfeld Sträucher und Bäume zurückzuschneiden und während des Festes Gläser einzusammeln. So wie mein Vater es vor mir auch gemacht hat.

Gab es denn nie Überlegungen, die Veranstaltung in andere Hände zu geben?

Borchers: Nein, und das aus gutem Grund. Wenn ich jemandem anderen die Verantwortung übertragen würde, der die Veranstaltung zwei Jahre macht – wäre Pfingsten in Appel im dritten Jahr Geschichte. Wir wissen halt, wie es geht, kennen hier jeden Baum und jeden Strauch. Appel muss man kennen. Im Übrigen sind wir stolz darauf, was wir hier leisten.

Was macht ihrer Meinung nach eine gute Party aus?

Borchers: Auf jeden Fall das Umfeld. Und davon profitieren wir hier in Appel. Du kannst es auf dem Sportplatz machen oder auf der Kuhweide – aber das ist nicht das gleiche Flair wie hier. Weil das Ganze ja aus einer Tradition heraus gewachsen ist. Viele nehmen es ja schon mit der Muttermilch auf, hierher zu kommen. Das ist wie Woodstock, das ist Kult – zwar anders, aber hier treffen sich die Menschen Jahr für Jahr. Man kommt zusammen wie bei einem Ehemaligentreffen und feiert friedlich miteinander.

Feiern die Leute heute anders als zu ihrer eigenen Jugendzeit?

Borchers: Ja auf jeden Fall, der Musikgeschmack hat sich auch immens geändert. Früher hat es in Appel nur eine einzige Tanzkapelle gegeben, die Johnny-Kröger-Tanzband, die gehörte damals einfach immer dazu. Heute machen wir dagegen viel mit DJs. Dass die Leute, wie allgemeinhin oft angenommen wird, schon abgefüllt sind, wenn sie hierherkommen, ist völliger Quatsch. Da wird viel zu viel geschnackt. Hier gibt es auch überhaupt kein aggressives Verhalten, da haben wir immer Glück gehabt. Fahren Sie mal in andere Landkreise – da gibt es jedes Jahr heftige Schlägereien. Zwar haben auch wir Security-Personal im Einsatz, aber mit ihm verhält es sich wie mit einem Regenmantel. Man kauft sich einen, um nicht nass zu werden, aber man möchte ihn eigentlich gar nicht erst gebrauchen müssen. So ist das hier auch. Es ist besser, man hat Security und braucht sie am Ende nicht. Die Sicherheit geht vor. Was nützt es mir, wenn das Geschäft gut gelaufen ist, es hier aber Schlägereien mit Verletzten gibt?

Allerorts werden gerade die Sicherheitsmaßnahmen für Großveranstaltungen hochgestuft. Auch in Appel?

Borchers: Klar haben auch wir nach den jüngsten Terroranschlägen überlegt, dahingehend etwas zu machen. Hier rein zu kommen, ist ja auch ein Leichtes. Auf jeden Fall wollen wir die Taschenkontrollen ein Stück weit intensivieren. Das machen wir aber für unser gutes Gewissen, Auflagen seitens der Behörden gibt es dahingehend nicht.

Im Gegensatz zu den Treckern mitsamt den Gespannen. Mit denen nach Appel zu fahren, war für viele Besucher Kult. Das gehörte einfach dazu – bis die Behörden das 2014 verboten haben.

Borchers: Das war in der Tat ein gewaltiger Rückschritt, mit dem wir uns erst mal arrangieren mussten. Uns ist das genauso schwergefallen wie dem Publikum. Aber es lässt sich nun mal nicht ändern, wir haben uns daran gewöhnt. Die Leute auf den Treckern kamen teilweise von weit her angereist, bis zum letzten Tag hatten wir hier auf dem Gelände rund 100 Schlepper mit Wagen stehen. Die Fahrt nach Appel hat für viele ja gerade das Besondere ausgemacht.

Es gab aber doch Bemühungen, das Ganze wieder ein Stück weit aufleben zu lassen.

Borchers: Das stimmt. Der Plan war, den Leuten auf dem Treckerparkplatz zumindest einen abgekoppelten Anhänger in der Nacht von Samstag auf Sonntag für ein gewisses Zeitfenster zum Feiern zur Verfügung zu stellen. So war es auch mit der Polizei abgesprochen. Das Interesse an diesem Kompromiss tendierte aber gegen Null. Nein, die Zeiten mit den Wagen sind endgültig vorbei – leider, muss ich sagen.

Der Rubel rollt aber doch weiterhin. Angesichts zigtausender Feierwütiger ist Appel doch für Sie auch ein lukratives Geschäft.

Borchers: Ja sicher, wir machen es ja nicht, weil wir, um auf ihre Eingangsfrage zurückzukommen, heilig sind, sondern weil man auch davon leben möchte. Früher waren es nur meine Familie und der Kneipenwirt vor Ort, die Geld eingenommen haben. Aber längst partizipieren ja auch andere davon, wie unsere 100 Leute im Service, die Security, die Wurstbudenbesitzer, die DJs und das Unternehmen für die Veranstaltungstechnik und das ganze Drumherum. Aber wir leben nicht das ganze Jahr davon. Man kann sich nicht zur Ruhe setzen, wenn man das einmal im Jahr macht.

Hand aufs Herz, Herr Borchers: 17 Stunden durchfeiern, das schafft doch niemand, oder?

Borchers: Also mein Team und ich auf alle Fälle, und sogar noch darüber hinaus. Im Prinzip geht‘s für uns ja schon am Samstag um 7 Uhr morgens los, um erst am Sonntagabend gegen 19 Uhr tot ins Bett zu fallen. Vor zehn Jahren sind wir noch nach der Party abends in Wehldorf essen gewesen – da waren wir aber noch alle jünger, das schaffen wir heute auch nicht mehr.

Welches Appel-Erlebnis ist ihnen noch in besonderer Erinnerung geblieben?

Borchers: Wir hatten es in einem Jahr mal mitten in der Nacht mit einem heftigen Unwetter mit Blitz und Donner zu tun. Ganz Appel lag plötzlich im Dunkeln, da der Strom ausgefallen war. Am Morgen stand jede Bude bis zur Radnarbe im Wasser. Die Leute machten das Beste daraus, nahmen Müllsäcke zur Hand und sind damit über den matschigen Boden geglitscht – so wie letztes Jahr beim Hurricane.

Es gab durchaus auch schon mal prominenten Besuch ...

Borchers: Sie meinen Lotto King Karl? Ja, den hatten wir vor ein paar Jahren gemeinsam mit Carsten Pape mal für einen Auftritt verpflichten können. Ich weiß noch, wie beide sich darüber wunderten, dass sie erst um 6 Uhr in der Früh anfangen sollten. Die dachten erst, wir würden sie veräppeln. Nachher, nach einer Flasche Jägermeister und einem Bierfass, hatten die aber richtig Bock und wollten gar nicht mehr weg. Ich weiß gar nicht, ob sie es noch rechtzeitig zu ihrem eigenen Konzert am Sonntagabend im Hamburger Stadtpark geschafft haben ...

Der Frühtanz hat im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer größere Dimensionen angenommen. Wie stellen Sie sich Appel im Jahr 2027 vor?

Borchers: Tja, es ist schon ein ziemlich schnelllebiges Geschäft – wenn wir dieses Jahr nicht aufpassen und es passiert mal etwas Schlimmeres, kann es nächstes Mal schon vorbei sein. Wir müssen halt auch immer bemüht sein, dem Publikum etwas zu bieten und denken von Jahr zu Jahr.

Wie lange wollen Sie den Leuten denn noch als Chef des Ganzen etwas bieten?

Borchers: Gute Frage, vielleicht noch ein paar Jahre. Mein Vater hat auch noch im Alter von 70 mitgemischt. Da hatte ich schon längst die Eigenverantwortung. Aber eines ist sicher: Pfingsten in Appel, dieses Fest wird es auch noch in den nächsten 50 Jahren geben. Mindestens.

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