Stephan von Bothmer über Kunst im Lockdown und neue Wege

„Nicht mit gleichem Maß gemessen“

Stephan von Bothmer bei einem seiner letzten Konzerte vor dem zweiten Lockdown. Damals wurde der VHS-Flügel im Rotenburger Kantor-Helmke-Haus eingeweiht.
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Stephan von Bothmer bei einem seiner letzten Konzerte vor dem zweiten Lockdown. Damals wurde der VHS-Flügel im Rotenburger Kantor-Helmke-Haus eingeweiht.

Lauenbrück/Berlin – Schon während des ersten Lockdowns gehörte Stephan von Bothmer zu den Künstlern, die der Schockstarre in der Kulturszene Livestreams und neue Formate entgegensetzten. Wir sprachen mit dem in Berlin ansässigen Stummfilmpianisten aus Lauenbrück über neue Formate, Livestreams und Konzerte ohne Publikum.

Herr von Bothmer, den zweiten Lockdown konnte man kommen sehen. Wie bereitet man sich als Künstler darauf vor?

Zunächst: Diesen Lockdown haben wir selbst verschuldet, wir haben die Zahlen trotz besseren Wissens aus dem Ruder laufen lassen. Dabei hat man ihn wirklich kommen sehen, zumindest in Berlin. Die schnelle Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown, die vollen Bars und Restaurants: Da haben alle die Augen zugedrückt. Dabei waren die Gesundheitsämter schon im Juli überfordert. Vorbereiten kann man sich auf einen Lockdown allerdings nicht. Das hieße ja, dass man zweigleisig planen müsste, für Live-Konzerte und Livestreams – das funktioniert nicht. Ich versuche, Visionen umzusetzen. Da braucht man Planungssicherheit, etwas, woran man sich halten kann. Corona trifft uns so besonders. Nicht nur finanziell, weil wir bisher bei allen Förderungen durchs Raster gefallen sind, sondern auch emotional.

Wie kommen Sie als Künstler mit der aktuellen Situation klar?

Generell komme ich mit Unwägbarkeiten gut klar. Ich kann improvisieren. Schwierig fand ich, dass in Restaurants toleriert wurde, wenn die Leute an den Tischen 40 Zentimeter Abstand hatten, in Theatern aber 1,50 Meter vorgeschrieben waren. Durch diese Nachlässigkeit blieben die Infektionszahlen hoch, sodass die Theater noch sehr lange nicht wieder öffnen dürfen. Wir bezahlen jetzt alle dafür, dass die anderen arbeiten dürfen. Dass da nicht mit dem gleichen Maß gemessen wurde, finde ich schwer auszuhalten. Und dann muss man noch erwähnen, dass wir alle im Team im Moment unverschuldet arbeitslos sind. Es ist wieder ein bisschen wie im Studium: niemand verdient etwas, wir machen das nur, weil wir Kunst schaffen müssen. Es gibt uns allen sehr viel. Auch Halt.

Wie sehen Ihre Tage momentan aus?

Gegenwärtig gilt es, die Katastrophe zu verwalten, also: Verträge ändern, abgesagte Konzerte rückabwickeln und neu planen, die Gema informieren. Da fällt die Planung der Zukunft leider oft hinten runter. Ich weiß nicht, wo ich ansetzen soll, wenn es für uns irgendwann mal weiter geht. Livestreams entsprechen eigentlich nicht dem modernen Lebensgeist. „Schalten Sie doch bitte am Freitag um 19.30 Uhr ein“ – das ist Fernseh-Kultur – aber es widerspricht diametral der Internet-Wirklichkeit. Dennoch ist es so neu und spannend, dass ich dabei sein möchte. Niemand weiß, wie das funktioniert, niemand weiß, ob man damit Geld verdienen kann, niemand weiß, ob so überhaupt Kunst möglich ist. Ich möchte daran mitarbeiten.

Wie beispielsweise auch Daniel Hope gehören Sie zu den Künstlern, die virtuell äußerst präsent sind, neue Formate probieren.

Neben einigen Gaststreams spiele ich momentan einmal die Woche ein eigenes Online-Konzert in meinem Stream. Geplant sind zwölf Konzerte von Januar bis April – so wird kommendes Jahr mein Festival aussehen, das seit 16 Jahren existiert. Wir wollen den Leuten einen festen Anker geben. Auch hier sind wir Wegbereiter. Stummfilmkonzerte als Livestream, das ist ja ein neues Format, was wir weiter entwickeln wollen. So wie wir das machen, wurde das soweit ich weiß noch nie gemacht. Das ist ein bisschen wie 2004 – damals waren meine Live-Stummfilmkonzerte ganz neu. Inzwischen werden wir von großen Festivals kopiert.

Ein Stummfilmkonzert als Livestream – wo liegen die Herausforderungen?

Generell ist die Technik ziemlich aufwendig. Wir haben mit fünf Kameras gefilmt, jede Woche lang zwei Tage zwölf Stunden auf- und hinterher wieder abgebaut. Zunächst gibt es Probleme technischer Natur, die dadurch entstehen, dass es einen Zeitversatz gibt zwischen dem Abspielen des Films auf digitaler Ebene, dem Beamen auf die Leinwand, die ich sehe, und den Kameras, die das ganze wieder abfilmen. Die Streamingtechnik selbst ist ganz neu und noch nicht ausgereift. Youtube und andere Plattformen ändern ständig die Parameter, teilen das aber nicht mit. Und wir wundern uns dann, wenn etwas nicht funktioniert oder ruckelt. Künstlerisch ist das relevant: Schon eine Sekunde Tonversatz kann bei Filmmusiken eine ganz andere Aussage bewirken, zum Teil verkehrt sie sich sogar in ihr Gegenteil. Das war ganz erstaunlich. Zum Beispiel bei einer Sternemacherin, die einen Stern fliegen lässt. Je nachdem, wo meine Melodie endete, war es entweder extrovertierte oder eine intime Stimmung: In einem Fall wurde die Zweisamkeit von ihr und dem von ihr geschaffenen Stern betont, im zweiten Fall wurde das losfliegen betont: geht in die Welt und lebe Dein Leben! Es war dieselbe Musik, nur eben eine Sekunde versetzt!

Sie buddeln Filme wie „Der Mann mit der Kamera“ aus, „Panzerkreuzer Potemkin“, den verstörend aktuellen „Faust“ und haben ein Konzert zu den Fotos des zerstörten Berlins 1945 von Hein Gorny gespielt – haben Sie ein Näschen für Themen?

Bei Letzterem war es so, dass ich den Galeriebetreiber kenne. Ich hatte von ihm einen Fotoband geschenkt bekommen und ein Format dieser Art hatte ich schon lange im Kopf. Jetzt war die Zeit reif. Das Online-Konzert wurde übrigens von einem renommierten japanischen Fotografie-Magazin besprochen. Zu den Filmen: Ich grabe permanent Stummfilme aus, das ist Teil meiner Arbeit. Das wird allerdings zunehmend schwerer, weil es immer weniger Abspielgeräte für echtes Filmmaterial gibt, aber auch die Frage der Rechte ist nicht ganz ohne. Bei Streams ist die Rechtefrage noch viel schwieriger, weil die Filme ja nicht einmalig gezeigt, sondern aufgezeichnet werden. Es hat sich gezeigt, dass mehr als die Hälfte der bisher über 30 000 Zuschauer die Konzerte live sehen, die anderen danach. Viele Rechteinhaber haben dafür noch kein Konzept, das ist alles Verhandlungssache.

Wonach wählen Sie Ihre Inhalte aus?

Das generelle Kriterium ist, dass es fürs Publikum interessant ist und mich künstlerisch herausfordernd. Das gilt auch für eines meiner neuen Formate: Literaturkonzerte mit Musik. Ich spiele jetzt auch Konzerte ohne Film, für mich ist das ja etwas Neues. Wie bei Keith Jarrett ist die Musik live komponiert. Künstlerisch ist es etwas völlig anderes: kein Jazz. Ich erzähle Geschichten. Der Zuhörer durchlebt eine Entwicklung. Fast könnte man sagen, man ist hinterher ein bisschen ein anderer Mensch. Darauf hatte ich wahnsinnig tolle Reaktionen, mehr als 90 E-Mails. Die Leute haben auch gespendet. Beides ist wertvolle Unterstützung.

Wussten Sie vorher, wohin die musikalische Reise Sie führen würde oder haben Sie sich dabei auch selbst überrascht?

Ich weiß nie vorher, wohin es führt. Es ist vollständig live komponiert und geht über Jazz-Kompositionen hinaus. Es ist überhaupt nichts vorher zurechtgelegt, keine Harmonie, kein Rhythmus, keine Melodie. Oft überrasche ich mich selbst, was da so kommt. Es kommt auch nicht nur aus mir. Beim ersten Konzert dieser Art, im ersten Lockdown, war ich von der Wut überrascht, die sich da Bahn brach. Die Leute haben mir geschrieben, sie könnten das Unfassbare dieser Pandemie jetzt viel besser ertragen, manche haben geschrieben, sie hatten während des Konzertes geweint und fühlten sich jetzt wie befreit. Meine neue Reihe heißt „Music & Visuals“, wobei die Bilder manchmal Filme sind, und manchmal ausschließlich im Kopf entstehen.

Wie ist es, ohne Zuschauer zu spielen – brauchen Sie das Publikum oder geht es auch ohne?

Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern ist meine Musik ja direkt Kommunikation mit dem Publikum. Ich ändere tatsächlich den Aufbau der Stücke und sogar die Aussage, je nach Publikum. Nicht aus Gefallsucht, sondern weil diese Musik das gemeinsame Produkt vom Publikum, mir und dem Film ist. Wenn man beispielsweise im Film eine gigantische, stampfende Maschine sieht, dann kann man gigantische stampfende Musik dazu spielen und so die Macht der Energie und die Großartigkeit der Technik hervorheben. Ich kann aber auch ein ganz kleines, intimes Thema in Moll spielen, weil ich mich als Mensch so klein fühle gegenüber dieser Macht. Das ist eine komplett andere Deutung. Welche Fassung ist besser? Normalerweise fälle ich die Entscheidung spontan anhand der Publikumsreaktionen, die ich spüre, bevor sie es selbst bemerken. Umso überraschender war für mich, dass meine Art Musik zu machen auch ohne anwesendes Publikum funktioniert hat. Schwierig sind allerdings Komödien. Im Fernsehen legen sie Lacher darunter, das würde ich für meine Produktionen aber peinlich finden. Es wird sogar schon schwierig, wenn die Zuhörer weit auseinander sitzen – Komödien erlebt man gemeinsam, als Kollektiv. Als es bei „Stan & Olli“, meinem letzten Konzert vor dem zweiten Lockdown Ende Oktober in der Altonaer Kulturkirche trotzdem geklappt hat, die Kirche hat gebebt vor Lachen, war das für mich ein Highlight.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Die Theaterhäuser und viele, die dicht an der Politik sind, rechnen mit fünf Jahren bis zur Normalität, trotz Impfstoff. Auch jenseits der direkten Ausfälle wird das die Kultur spüren: Die Wirtschaftseinbußen führen zu leereren Kassen bei den Gemeinden, das geht voll auf die Kultur. Persönlich habe ich noch viele neue Ideen, meine Mindmap der Dinge, die ich am Anfang der Pandemie angelegt habe, ist noch längst nicht abgearbeitet. Zum Beispiel denke ich in Richtung Amazon Prime. Das wäre für meine Formate ziemlich cool.  hey

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