Beim Stummfilmkonzert präsentiert Stephan Graf von Bothmer eine etwas andere „Stan & Olli-Show“

Neues Leben für alten Schinken

Stephan Graf von Bothmers Live-Filmmusik erweckt die Figuren zu neuem Leben und führt tief ins Wesen des Films. Davon konnte sich das Publikum in der Aula der Fintauschule jetzt selbst ein Bild machen. - Foto: Heyne

Lauenbrück - Von Ulla Heyne. Freejazz, Kinderlachen, dazu ein Schwarz-Weißfilm, der über die Leinwand in der Lauenbrücker Fintauschule flimmert und ein bunt gemischtes Publikum vom Säugling bis zu Senioren an kleinen Tischchen mit Kerzenbeleuchtung – passt das? Bei den Stummfilmkonzerten von Stephan Graf von Bothmer schon.

Kerzengerade sitzt der in Lauenbrück aufgewachsene Pianist am leicht verstimmten Honky-Tonk-Klavier mit ausgebauter Frontpartie. Davor ist ein Laptop aufgestellt, der die fast anachronistischen Abenteuer von „Dick und Doof“ an die Leinwand in der Aula der Oberschule beamt. Ja, alles ist bei diesem Auftritt am frühen Montagabend etwas anders. Da fliegen die zehn Finger analog zu den Fäusten auf der Leinwand des „Landkinos“, fast immer absolut synchron – egal, ob der Balken beim Hausbau kracht oder der Reifen platzt: von Bothmers auf den Punkt getimte akustischen Inszenierungen sind seine Spezialität.

Einige Filme hat er sich dafür zehn Mal angesehen, andere 200. „Früher dauerte die Vorbereitung mehrere Monate, heute schaffe ich es notfalls – etwa bei Festivals – auch an einem Tag; allerdings wird das dann ein krasser“, so der Pianist, der mehr als 100 Shows pro Jahr spielt und seit über zehn Jahren mit 600 Programmen auf der ganzen Welt unterwegs ist.

Der ehemalige Eichenschüler entpuppt sich auch heute als Meister der Stimmungen: heiter-verswingt wie beim „Dick & Doof“-Streifen aus den frühen Tagen des Automobils, wo man es mit dem Unterschied zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang noch nicht allzu ernst nahm, bedrohlich, wenn der Hauptmann den beiden Chaoten auf den Fersen ist; wenn Stan Laurel anfängt zu flennen, dann in Moll.

Dabei klebt von Bothmer routiniert immer mit den Augen auf der Leinwand statt auf den Tasten; seine scheinbare Unbeschwertheit täuscht über die Schwerstarbeit hinweg. Am Abend wird er an gleicher Stelle „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ spielen – und schwärmt schon jetzt von der „Ästhetik eines der ersten Filme, die sich keiner Handlung verpflichteten“.

Seine beiden Vorführungen markieren den Abschluss der ersten Reihe von drei Veranstaltungen mit dem Pianisten, der sonst in großen Häusern vor mehreren Hundert Menschen, auf Festivals oder Kultveranstaltungen wie Public Viewing mit Live-Begleitung spielt.

„Ich wollte gern in der Heimat spielen“

Als der Schneverdinger Kulturverein vor mehr als einem Jahr für eine Location mit gerade mal 56 Plätzen anfragte, war klar: „Das allein hätte sich nicht gerechnet.“ Aber: „Ich wollte gern in der Heimat spielen“, so der Wahl-Berliner, „der Heimat etwas zurückgeben.“ Die findigen Organisatoren holten Lüneburg, Buchholz und für Rotenburg und Lauenbrück die Rotenburger Kulturinitiative ins Boot – und schon wurde aus der bis jetzt dreiteiligen Reihe ein Schuh. So war von Bothmer jeweils tagelang in heimatlichen Gefilden unterwegs, mit je einem Nachmittags- und Abendprogramm. Der Auftritt am Montag in Lauenbrück markierte das vorläufige Ende.

In Kürze wollen die Beteiligten entscheiden, ob und wie es weiter geht. Von Bothmer ist jedenfalls zufrieden. „Nur Rotenburg könnte generell noch etwas besser besucht sein; denn was trägt, ist das gemeinsame Lachen“, wie er unter anderem bei Konzerten mit Gefangenen und Nicht-Gefangenen oder für Flüchtlinge festgestellt hat. Wenn es nach ihm geht, darf die Reihe gern in die zweite Runde gehen, denn: „Es gibt noch so viele unbekannte tolle Filme in irgendwelchen Archiven!“ Dem Publikum gefällt‘s jedenfalls. Die Lauenbrückerin Birgit Poc, neulich noch allein hier, hatte dieses Mal Tochter Nele (11) mitgebracht. „Sie kannte Dick und Doof vorher gar nicht“, so die Mutter, „wir haben uns vorab erstmal ein Video auf Youtube angesehen.“

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