Interview am Wochenende

Neue Bürgermeister: Jung, aber nicht mehr ganz so wild

Koch und Lüdemann Rücken an Rücken.
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Tobias Koch (l.) und Merten Lüdemann leiten in Vahlde beziehungsweise Helvesiek die Geschicke als Bürgermeister.

Merten Lüdemann aus Helvesiek und Tobias Koch aus Vahlde sind jung zu Bürgermeistern ihrer Gemeinden geworden. Ein Interview über große Fußstapfen, Druck und junge Menschen.

Helvesiek/Vahlde – Zwei Lebensmittelpunkte, unterschiedliche Parteien, aber eine Aufgabe: Merten Lüdemann (CDU) aus Helvesiek und Tobias Koch (SPD) aus Vahlde sind in ihren Gemeinden zu neuen Bürgermeistern gewählt worden. Und das im noch relativ jungen Alter. Koch ist 37, sein Helscher Amtskollege 35. Über ihre Motivation, den honorigen Posten anzutreten, über Ziele und Vorstellungen und darüber, ob junge Bürgermeister die Belange junger Menschen womöglich besser im Blick haben, berichten die beiden im Interview.

Herr Lüdemann, Herr Koch, kneifen Sie sich noch ab und zu, wenn Sie daran denken, dass Sie jetzt einen wichtigen Job in der Samtgemeinde haben?

Merten Lüdemann: So viel Zeit zum Kneifen bleibt momentan gar nicht. Ich freue mich sehr über das Wahlergebnis und das Vertrauen, das mir die Helvesieker Bürger hiermit entgegengebracht haben.

Tobias Koch: Kneifen eher nicht, ich habe einfach Respekt vor der Aufgabe. Ich hatte ja auch ein bisschen Zeit, mich darauf einzustellen, da Jürgen Rademacher mich frühzeitig eingeweiht hatte, dass er nicht weiter zur Verfügung steht.

Und wie waren die Reaktionen der Älteren auf einen so jungen Bürgermeister?

Koch: Durchweg positiv. Ich glaube, für viele war es schnell klar, dass ich derjenige bin, der das Amt wohl übernimmt. Da wurde mir immer Mut gemacht, die Verantwortung zu übernehmen.

Lüdemann: Die Älteren und auch alle anderen Helscher haben rundum positiv reagiert.

Wie waren die ersten Tage im Amt?

Koch: Ereignisreich. Anfang November hatten wir in Vahlde die konstituierende Sitzung und schon am Vormittag darauf war eine erste Übergabe mit Jürgen und meinem Stellvertreter Hannes Lohmann. Wir waren bei der Samtgemeinde und ich habe alle Schlüssel bekommen. Am Freitag ging es dann direkt nach dem Dienst zur Klausurtagung der SPD-Kreistagsfraktion. Dort war ich bis Sonntag. Der Nachmittag war dann mal ruhig und ohne Termine. In der letzten Woche sah es dann aber schon wieder anders aus – unter anderem mit dem Finanzausschuss auf Kreisebene. Außerdem war ich natürlich jeden Tag im Dienst bei der Polizei.

Lüdemann: Für mich fühlt es sich noch ungewohnt an. Es sind doch noch einige neue Aufgaben dabei, die erstmal gesichtet und geordnet werden wollen. Zudem gehen einem Dinge, die man zum ersten Mal macht, noch nicht gänzlich leicht von der Hand. Zum Glück stehen mir mein Vorgänger Ulrich Brunkhorst und auch die Mitarbeiter der Verwaltung der Samtgemeinde Fintel mit Rat und Tat zur Seite.

Aber Ihre Jobs als Landwirt beziehungsweise als Polizist haben hoffentlich noch nicht unter den neuen Verpflichtungen gelitten.

Lüdemann: Als Landwirt kann ich mir viele Arbeiten zeitlich flexibel einteilen. Das lässt sich gut mit dem Job des Bürgermeisters vereinbaren. Ein gutes Zeitmanagement ist trotzdem wichtig, um beiden Bereichen gerecht zu werden.

Koch: Gelitten würde ich nicht sagen. Aber ich merke schon, dass es zurzeit recht umfangreich ist. Insbesondere auch in Verbindung mit dem Kreistag und allen anderen ehrenamtlichen Posten, die ich habe. Aber meine Kollegen unterstützen mich da super und ich bin ihnen sehr dankbar dafür.

Was hat Sie überhaupt dazu motiviert, für den Posten anzutreten?

Lüdemann: Um es kurz zu machen: Die einmalige Chance, dieses spannende Amt zu übernehmen und damit die Entwicklung meines Heimatortes aktiv mitgestalten zu können.

Koch: Bei mir war es das Heimatgefühl. Vahlde ist mein Zuhause seit ich denken kann. Hier will ich nicht mehr weg. Ich wünsche mir, dass wir hier gut miteinander leben können und dafür muss es Leute geben, die dafür die Verantwortung übernehmen. Die trage ich gerne. Und es war frühzeitig klar, dass mein guter Freund Hannes ebenfalls mit dabei ist. Mit ihm macht die Arbeit einfach Spaß und ich kann mich total auf ihn verlassen.

Wie lange habe Sie darüber nachgedacht? Welche Fragen haben Sie sich vielleicht auch gestellt?

Koch: Ich glaube, es gab in der Bevölkerung nicht viele Gedankenspiele, dass dieses Amt auch durch wen anderes ausgeführt wird als durch mich. Das ehrt einen natürlich, setzt einen aber auch ein wenig unter Druck. Die doch etwas längere Bedenkzeit rührte aber daher, dass ich zunächst mit dem Gedanken gespielt habe, für das Amt des Samtgemeindebürgermeisters zu kandidieren. Die Frage, die immer wieder aufkam, war die nach dem Aufwand.

Lüdemann: Als mein Vorgänger mir eröffnete, dass er nicht wieder antreten würde, war der Gedanke, selber zu kandidieren, durchaus direkt da. Als erster stellvertretender Bürgermeister in der letzten Wahlperiode habe ich schon einen Eindruck von den Aufgaben bekommen. Neben dem „Will ich das?“ war natürlich auch die Frage „Kann ich das?“ da, die ich letztendlich für mich mit „Ja“ beantwortet habe.

Die Fußstapfen Ihrer Vorgänger haben Ihnen kein bisschen Angst gemacht?

Koch: Angst nicht, aber natürlich habe ich Respekt vor der Leistung von Jürgen. Allerdings bin ich eine andere Person und möchte mich nicht mit meinem Vorgänger vergleichen.

Lüdemann: Das sehe ich auch so. Ich bin nicht mein Vorgänger. Das ist jedem Helvesieker bewusst. Wobei ich allerdings jetzt erst merke, wie groß diese Fußstapfen tatsächlich sind; wie viele Aufgaben der Bürgermeister in der Vergangenheit übernommen hat. Mein Ziel ist es, bestimmte Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Dafür habe ich die breite Rückendeckung meiner Stellvertreter und des neuen Gemeinderates. Wie sich dies dann tatsächlich ausgestalten lässt, werden die nächsten fünf Jahre zeigen.

Hat man als junger Bürgermeister die Belange junger Menschen stärker im Blick?

Koch: Ich wünsche mir, dass junge Menschen durch einen „jungen“ Bürgermeister mehr in Erscheinung treten und mit ihren Wünschen und Anregungen zu mir kommen. Ich glaube, das kommt manchmal auch von der Seite zu kurz.

Lüdemann: Das denke ich schon. Man kann sich mit Sicherheit etwas besser in die Wünsche jüngerer Menschen hineinversetzen.

Ist man als junger Mensch heutzutage eh der bessere Politiker?

Koch: Nein! Die Mischung macht‘s, würde ich sagen. Ein wenig Unbekümmertheit und eine gewisse Portion an Erfahrung sind wichtig. Noch wichtiger finde ich aber das Engagement und die Persönlichkeit. Kommen Politiker nicht sympathisch rüber, wird es schwer, eine Wahl zu gewinnen. Das beste Beispiel ist für mich Lars Klingbeil. Er ist da ein absolutes Vorbild für mich.

Lüdemann: Ich denke, dass Erfahrung im politischen Geschäft ein sehr wichtiges Gut ist. Wir haben inzwischen einen Landrat, der noch jünger ist als wir beide, der aber auch bedeutend früher mit seiner politischen Arbeit gestartet ist, und somit schon Erfahrung in vielen Dingen hat. Als junger Politiker hat man mit Sicherheit einen anderen Blick auf die Aufgaben und denkt naturgemäß mit einem anderen Zeithorizont. Dass aber ein junger Mensch per se der bessere Politiker ist, würde ich nicht unterschreiben.

Was ist Ihnen als Amtsträger nun wichtig?

Lüdemann: Mir ist es wichtig, dass mein Heimatdorf lebendig und lebenswert bleibt. Dass Zugezogene und Alteingesessene in Kontakt kommen, wir die Aufgaben der Zukunft gemeinsam bewältigen und unsere Kinder wiederum gerne in Helvesiek bleiben. Ich sehe mich hierbei als Moderator. Ein großer Wunsch von mir ist es, dass weiterhin viele engagierte junge und alte Bürger in Vereinen aber auch anderen Initiativen dafür sorgen, dass die Menschen zusammen kommen, und sich in ihrem Helvesiek rundum wohlfühlen.

Koch: Das ich mich zunächst einmal einarbeite und einige Sachen wie ein Grundstück für ein neues Feuerwehrhaus anschieben kann. Außerdem möchte ich, dass jede und jeder weiß, dass ich ansprechbar bin. Dafür möchte ich feste Strukturen schaffen. Es soll feste Termine geben, in denen ich im Dorfgemeinschaftshaus Sprechstunden anbiete. Und vor allem müssen wir digitaler werden. Ansonsten habe ich viele Ideen im Kopf und freue mich auf die Umsetzung.

Wenn Sie jeweils auf die Gemeinde des anderen blicken: Wo sehen Sie dort die Stärken, wo die Schwächen?

Koch: Als erstes fällt mir da spontan die aktuelle Fußballmannschaft ein. Die Helscher sind sehr stark und werden in die Kreisliga aufsteigen. Außerdem ist in Helvesiek mehr Gewerbe angesiedelt, was finanziell positive Auswirkungen hat. Der Zusammenhalt in Helvesiek scheint ähnlich gut zu sein wie bei uns. Als Schwäche würde mir da auf die Schnelle nur die Wahlergebnisse der SPD bei euch einfallen (lacht).

Lüdemann: Eine schwierige Frage, die vielleicht in nächster Zeit leichter zu beantworten ist, wenn die Arbeit im Samtgemeinderat Fahrt aufnimmt. Als Stärke fällt mir spontan das junge neue Führungsduo der Gemeinde aus Bürgermeister und Stellvertreter ein. Auch die Treckerdisco „Fete op de Wisch“ ist ein gutes Beispiel. Mit diesem neuen Konzept wurde Feiern auch unter Corona-Bedingungen möglich. Als klare Schwäche würde ich den Vahlder Fußballplatz bezeichnen, da ist das Grün in Helvesiek doch von anderer Qualität.

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