Im Lockdown: Einzel- statt Gruppenunterricht im Reitverein Fintel

Mit dem tierischen Freund

Die eifjährige Mia Hemme freut sich über den Einzelunterricht.
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Die eifjährige Mia Hemme freut sich über den Einzelunterricht.

Fintel – Es ist Samstagmittag gegen 12 Uhr. Der Boden ist noch gefroren, es sind um die Minus sieben Grad, da öffnet Mia Hemme das Gatter zum Reitplatz. Sie ist eine von elf Schülern, die heute privaten Reitunterricht von Lehrerin Marlene Heuer-Patschull bekommt. Seit November sind die meisten sportlichen Vereinsaktivitäten auf Eis gelegt, auch auf einem Reitplatz dürfen maximal nur zwei Leute anwesend sein.

Dies hält Heuer-Patschull aber nicht von ihrer Reitleidenschaft ab, im Gegenteil. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin ist es wichtig, auch weiterhin ihren Schülern den Umgang mit den Pferden zu ermöglichen, weil vor allem für die Jüngeren die aktuellen Bedingungen schwierig seien.

„Wir haben insgesamt 28 Reitschüler, davon vier Erwachsene und 24 Kinder“, schildert die Lehrerin. Normalerweise findet der Unterricht im Reitverein Fintel in Vierergruppen statt, zusammen mit Reitlehrerin Tanja Schmidt. Doch aufgrund des Lockdowns sei ihr schnell klar gewesen, dass eine Alternative hermüsse.

Zuerst habe sie mit einigen Schülern Ausritte unternommen, die sie mit dem Fahrrad begleitet habe, aber durch die strengeren Regelungen sei auch dies irgendwann nicht mehr möglich gewesen. Die Pferde bräuchten aber weiterhin Bewegung, und so habe sie sich schließlich für Einzelunterricht entschieden. Aufgrund gesundheitlicher Probleme von Schmidt, hat sie alleine an zwei Tagen am Wochenende unterrichtet. Die Erwachsenen aus der Gruppe haben dazu wöchentlich Aufgaben bekommen, die sie Zuhause durchgeführt, aufgenommen und an Heuer-Patschull geschickt haben.

„Fünf Wochen lang habe ich das Angebot so durchgezogen“, berichtet Heuer-Patschull. „Das war ziemlich anstrengend, weil ich morgens erst die Pferde putzen und warm reiten musste, damit die Kinder ihre volle Zeit zum reiten nutzen konnten.“ Noch dazu sei es eine Herausforderung gewesen, sich an zwei Tagen um 28 Schüler zu kümmern, aber sie wolle es auch auf keinen Fall aufgeben. Glücklicherweise habe ihr Schmidt ab Mitte Dezember wieder mit unter die Arme gegriffen, sodass nun jeweils elf Kinder in der Woche, elf am Wochenende und der Rest online unterrichtet werden könnten.

Auch heute steht sie wieder seit 9.30 Uhr auf dem Platz. Mia Hemme kennt den Ablauf schon im Schlaf. Selbstbewusst steigt die Elfjährige aufs Pferd auf und macht sich bereit für die Aufwärmübungen. „Arme kreisen lassen, jetzt nach oben strecken und Beine anziehen.“ Die Ansagen ruft die Reitlehrerin ihr zu, während sie Pferd Alegra an der Longe führt. „Zuerst wärme ich die Schüler mithilfe einiger Übungen auf, denn je lockerer sie sitzen, desto besser kann sich das Pferd bewegen.“ Danach hält Heuer-Patschull die Reiter an der Longe und geht mit ihnen die Sitzschulung durch. Im Anschluss lässt sie sie im Trab oder Galopp einige Runden laufen. Zum Abschluss gibt es immer ein paar Aufgaben, die sie ab und zu sogar aufnimmt und den Schülern zuschickt, um ihnen ihre Leistung zu zeigen. „Die Kinder profitieren unglaublich von dem Einzelunterricht. Ich kann viel präziser auf einzelne Probleme eingehen, und der wöchentliche Fortschritt, vor allem bei Anfängern, ist wirklich unglaublich“.

Alle Kinder seien glücklich, in dieser Situation überhaupt etwas machen zu können, das zeige sich auch darin, dass die Warteliste an Schülern immer länger wird.

Etwa eine halbe Stunde später erscheint Nele Sandmaier. Sie ist die nächste Schülerin und wartet geduldig am Reitplatz, bis sie auf Alegra steigen darf. Nachdem Hemme abgestiegen ist, setzt sie sich sofort ihre Maske auf und kümmert sich um die anderen Pferde. „Ich reite seit anderthalb Jahren und liebe es“, so die Elfjährige. Aufgrund des langen Lockdowns habe sie nicht viel Gruppenunterricht mitmachen können, aber das störe sie nicht. „Ich finde Einzelunterricht in Teilen sogar besser, weil Marlene einem noch mehr helfen kann. Außerdem können einige Schüler derzeit gar nicht reiten, und deshalb freue ich mich immer hier zu sein.“

Vor allem fehlten soziale Kontakte. Das mache vielen Kindern zu schaffen, erklärt Marlene Heuer-Patschull. Seit zehn Jahren betreibt sie ihre eigene Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie in Scheeßel. „Die Lage ist einfach nur schrecklich. Zu mir kommen viele Kinder, die Probleme haben mit Antriebslosigkeit, Tag-und-Nacht-Wechsel, Selbstverletzungen, Einsamkeit und Schlafstörungen. Wegen der Pandemie kann ich kaum noch unterscheiden, ob diese Situationen durch den Lockdown verursacht werden oder tatsächlich ernsthafte psychische Probleme vorliegen.“ Die meisten Probleme seien aber tatsächlich auf das Corona-Geschehen zurückzuführen. In letzter Zeit bekäme sie immer mehr Anfragen und lasse ihr Handy für Notfalltermine immer angeschaltet.

Die Gemeinschaft, betont sie, sei das Wichtigste in dieser schweren Zeit. Den Kindern fehle durch die Einschränkungen der Ausgleich zum Alltag oder eine generelle Tagesstruktur. Noch dazu kommt, dass die Belastung für die Eltern sehr hoch ist. Nicht nur finanziell, sondern auch Homeoffice sei für einige eine große Herausforderung. Aber auch Lehrern fehle die direkte Rückmeldung. Sie könnten oft nicht mehr sehen, ob die Schüler alles verstanden haben.

„Ich lasse die Kinder einfach oft so zu den Pferden gehen nach der Reitstunde. Sie können sie kuscheln und umarmen, denn Pferde dienen in dieser Beziehung als Sozialpartner. Sie sind ein tierischer Freund. Sie merken, ob ein Kind Angst hat oder mutig ist und achten somit auf sie.“ Das Pferd, weiß sie zu berichten, spiegele in gewisser Weise also den Reiter. Pferde seien generell sehr menschenbezogen. Therapeutisches Reiten, bei dem diese Aspekte im Vordergrund stehen, praktiziere sie aber nicht, ihr gehe es in erster Linie um den Reitunterricht.

„Für die Zukunft erhoffe ich mir, dass die Schulen wieder aufmachen. Natürlich nur, wenn wir einen niedrigen Inzidenzwert erreicht haben.“ Generell sei sie beeindruckt davon, wie gut sich Kinder an die Regeln halten. Selbst ihre kleinsten Schüler verhielten sich sehr verantwortungsvoll beim Unterricht.

Heuer-Patschull rät jedem in dieser Situation, rauszugehen oder einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen – natürlich mit Abstand. „Der regelmäßige Kontakt ist jetzt gerade das Wichtigste. Außerdem gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich auszutauschen oder gemeinsam Hausaufgaben zu erledigen, zum Beispiel über Facetime.“ Eltern sollten unbedingt darauf achten, dass der ganze Rhythmus ihrer Kleinen nicht wegfällt und sie ihre ganze Alltagsstruktur verlieren. „Denn sonst besteht die Gefahr, dass die Lütten an Motivation und Energie verlieren.  

Von Marié Detlefsen

Marlene Heuer-Patschull möchte weiterhin ihren Schülern Reitmöglichkeiten bieten. „In dieser Situation ist Gemeinschaft das Wichtigste.“

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