„Lernort Natur“:

„Hobby-Töter“ als Wissensvermittler?

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Seit mehr als 20 Jahren geht es für die Grundschüler mit dem Hegering Lauenbrück in den Wald. Dabei kommen sie auch mit Hirschgeweihen in Berührung.

Fintel - Von Lars Warnecke. Als Hubertus Steinke am Montag sein E-Mail-Postfach öffnete, fiel der Leiter des Lauenbrücker Hegerings aus allen Wolken. Grund: Wenige Tage vor dem „Lernort Natur“, der jährlichen Bildungsarbeit der Jäger für Grundschüler aus Fintel und Lauenbrück, übt eine Mutter harsche Kritik an der Aktion. Sie wirft den Verantwortlichen eine Mobilmachung für das Töten vor.

Amena Yasmin Rauf-Vater ist entsetzt: „Unseren Kindern die Natur anhand abgeschnittener Beine und Geweihe sowie kupierter, abgerichteter Jagdhunde oder Frettchen zu zeigen, ist zynisch.“ Am Freitag soll es für die Dritt- und Viertklässler der Finteler Friedrich-Freudenthal-Grundschule in Begleitung einiger Eltern und Lehrer in den Wald gehen, ihr Sohn wäre eines der teilnehmenden Kinder.

Die Kritik traf Steinke aus heiterem Himmel: „Seit mehr als 20 Jahren führen wir vom Hegering schon den Projektunterricht durch – und Generationen von Schulkindern haben ihn stets als Bereicherung empfunden.“ Das, sagt der Helvesieker, habe er der Mutter in seinem Antwortschreiben auch schon deutlich machen wollen – „darauf reagiert hat sie bisher nicht“.

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Konkret handelt es sich beim „Lernort Natur“ um eine praxisnahe außerschulische Natur- und Umweltbildung, die Jägerschaften mittlerweile in ganz Deutschland durchführen. Im Fall des Lauenbrücker Hegerings, der für sein Projekt eng mit den hiesigen Angelvereinen, dem Deutschen Falkenorden und der Waldmärkerschaft kooperiert, bekommen die Schüler an zehn Stationen Kenntnisse über die heimische Vogelwelt sowie das Schwarz-, Dam- und Rehwild, Wissenswertes über Jagdhörner und deren Einsatz im Jagdbetrieb, das Spurenlesen sowie das Element Wasser vermittelt. „Jagdliche Inhalte stehen bei dieser Veranstaltung gar nicht im Fokus“, beteuert Steinke.

Genau das stellt Amena Yasmin Rauf-Vater, von Berufs wegen Juristin, aber in Frage. Ein echtes Naturerlebnis hätten Kinder nur dann, wenn sie die Tiere frei beobachten könnten – „mit kleinen vorbereiteten Abenteuern und viel Bewegung, gerne auch mit einem echten Förster“. Sie wirft den „Hobby-Tötern“, wie sie die Jäger nennt, mit Blick auf den „Lernort Natur“ PR-Hintergedanken vor, um das Ansehen in der öffentlichen Wahrnehmung so zu steigern. „Menschen ohne solche Gedanken kommen gerade nicht im Gewand ihrer Lobbygruppe daher – und sie stopfen nicht Mitgeschöpfe aus oder schneiden ihnen die Beine ab!“, macht sie ihrer Empörung Luft.

Doch diesen Vorwurf weist Hubertus Steinke entschieden zurück. Der Fahrschullehrer stellt klar: „Bei der Jägerschaft handelt es sich um einen anerkannten Naturschutzverband, der das Prinzip der nachhaltigen Nutzung lebt.“ Steinke selbst habe der Mutter gegenüber schon zu verstehen gegeben, dass er und seine Jagdgenossen den Tod, anders als weite Teile der Gesellschaft, als zum Leben dazugehörig akzeptiert hätten. Jagd, so Steinke, sei Beutemachen – und das sei stets mit dem Töten eines Tieres verbunden.

Was er persönlich sich in diesem Zusammenhang frage: „Die Gesellschaft billigt die Aufzucht von Tieren und Pflanzen, genießt die daraus hergestellten Produkte, verdrängt aber den Gedanken, dass Tiere dafür ihr Leben lassen mussten.“Und er fügt hinzu: „Die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten wird von denen am besten erhalten, die sie nachhaltig nutzen“ – und das würde der Hegering tun.

Für Amena Yasmin Rauf-Vater, die am Finteler Nuddelhof ein Ausbildungs- und Rehazentrum für Pferde betreibt, steht fest: Der Hegering und sein Projekt dürfen mit den Schülern nicht länger in Berührung kommen. Das, sagt sie, habe sie auch in ihrer E-Mail an Hubertus Steinke schon zum Ausdruck gebracht. Und auch der Leiterin der Friedrich-Freudenthal-Grundschule, Andrea Neuhaus, habe sie in einem Telefonat dringend geraten, die Veranstaltung abzusagen. „Andernfalls werde ich Vertreter von Tier- und Umweltschutzverbänden bitten, mit dem entsprechenden Bildmaterial über das Hobby der Jäger ebenfalls teilzunehmen, damit die Kinder sich ein vollständiges Bild machen können.“

Von derartigen Ansagen zeigt sich die Rektorin aber offenbar unbeeindruckt: In einem Elternbrief hat Neuhaus gestern angekündigt, den „Lernort Natur“ definitiv stattfinden zu lassen. Und sie stellte es jenen Eltern offen, die womöglich die Meinung von Rauf-Vater teilen, ihren Nachwuchs den Vormittag über in den Eingangsstufen beschulen zu lassen.

Dieses Angebot lehnt Amena Yasmin Rauf-Vater ab. Stattdessen hat sie der Schulleitung bereits mitgeteilt, dass ihr Sohn nun gar nicht mehr am regulären Unterricht teilnehmen wird – aufgrund eines „massiven Vertrauensverlustes“, wie sie sagt.

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