Großer Widerstand gegen Betretungsverbot im Lauenbrücker Schulwald

Die Lawine rollt

Noch ist der Schulwald in Lauenbrück für jeden frei zugänglich. Das könnte sich mit seiner geplanten Ausweisung zum Naturschutzgebiet aber ändern. Foto: Detlefsen

Lauenbrück - Von Lars Warnecke. Damit hätte Melanie Kambach im Leben nicht gerechnet: Vor gut einer Woche startete die Lauenbrückerin gemeinsam mit ihrer Bekannten Anja Dangschat eine Online-Petition – zum Erhalt des Schulwaldes als weiterhin frei zugängliches Fleckchen Erde. Seitdem haben schon 538 Menschen die Unterschriftenaktion mitgezeichnet und damit unterstützt. „Wir sind wirklich baff über diese große Anteilnahme – so lässt sich vielleicht doch noch das Schlimmste abwenden“, sagt die 43-Jährige.

Bekanntlich beabsichtigt der Landkreis, einen Teil des FFH-Gebiets „Wümmeniederung“ als Naturschutzgebiet auszuweisen, um so EU- und Bundesrecht umzusetzen. Auch Teile der Gemarkung Lauenbrück wären in der Folge von einem Betretungsverbot betroffen, darunter einige ohnehin nur schwer zugängliche, da dicht bewachsene Uferbereiche der Wümme. Dass ausgerechnet aber der von der Einwohnerschaft oft und gern frequentierte Lauenbrücker Schulwald (zwischen Friedhof und Dreierkamp) und die Ausgleichsfläche mit Apfelbaumwiese bis zur Boxbrücke unter Naturschutz gestellt werden sollen, hätten sie und ihre Mitstreiterin nicht tatenlos hinnehmen wollen. „Unser Anliegen ist es, dass diese Flächen mitten im Ort aus den Plänen herausgenommen werden. Alleine können wir natürlich nicht viel ausrichten, darum haben wir diese Petition zusammen ins Internet gestellt.“

Eine Aktion, die Bürgermeister Jochen Intelmann (SPD), selbst bekennender Gegner des Vorhabens, begrüßt. „Gemeindeseitig wollen wir demnächst auch noch Unterschriftenflyer über die Zeitung verteilen, deren Rücksendungen wir an die Untere Naturschutzbehörde weiterreichen werden“, lässt der 62-Jährige wissen. Und dann würden die Pläne ab der kommenden Woche ja auch noch im Rathaus zur öffentlichen Einsichtnahme ausliegen. Intelmann: „Wer im Rahmen dieses Beteiligungsverfahrens eine Stellungnahme abgeben möchte, hat dafür einen Monat Zeit – danach wird im Kreistag entschieden.“ Bis dahin werde aber wohl noch viel Wasser die Wümme hinabfließen, müssten doch zuvor noch alle eingehenden Stellungnahmen und Einwände abgearbeitet werden.

Natürlich habe er nichts gegen Naturschutz, betont der Bürgermeister, „aber die Wahl der Mittel muss geprüft werden.“ Das sieht auch Melanie Kambach so. Sollte das Betretungsverbot, welches vorrangig für das Wümme-Ufer gelten würde, tatsächlich kommen, fiele ihrer Ansicht nach ein fester Bestandteil des örtlichen Gemeindelebens weg. Ein einzelner durch den Wald führender Pfad, der von dem Verbot ausgeschlossen wäre – nämlich der offizielle Wanderweg „Rund um Lauenbrück“ –, das ist ihr zu wenig. „Ganze Generationen haben die betroffenen Flächen schätzen und achten gelernt, gerade deshalb sollten die Nutzungsmöglichkeiten auch in Gänze erhalten bleiben.“

Und die würden sich bei Weitem nicht nur auf Spaziergänge an der frischen Luft beschränken. „Seit Jahren stellt der Schulwald für die Grundschulkinder eine Art zusätzliches Klassenzimmer dar und lehrt sie den achtsamen Umgang mit der Natur, ebenso ist hier die Simbav-Waldgruppe aktiv“, macht sie auf das örtliche Geschehen aufmerksam. „Und dann führen hier ja auch noch der Wasserlehrpfad und der Weg ,Rund um Lauenbrück‘ durch und es finden zu Pfingsten die traditionellen Taufen der Kirchen Lauenbrück, Fintel und Scheeßel statt.“

„Hat all das dem Wald geschadet?“, fragt der Lauenbrücker Bürgermeister. „Keineswegs: Der Schulwald ist heute noch genauso schön und intakt wie vor Jahrzehnten.“ Er selbst hat natürlich auch an der noch knapp drei Wochen andauernden Unterschriften-Sammlung per Online-Petition (www.openpetition.de) teilgenommen, wie auch eine ganze Reihe weiterer bekannter Namen, darunter der Lauenbrücker Hausarzt Thomas Lichte, Heino Peters, Vorsitzender des Verkehrsvereins der Samtgemeinde Fintel, Diakonin Sabine Gerken und Kneipenwirt Angelos Matsis von der „Scheune“.

Eine Teilnehmerin bringt im Netz ihren Unmut folgendermaßen zum Ausdruck: „Naturschutz, der die friedliche und erholsame Nutzung des Waldes ausschließt, ist absurd.“ Ein anderer schreibt: „Ein paar Kinderfüße oder Hundepfoten dort in die Wümme zu setzen, schadet der Gewässer- und Lebensraumqualität sicherlich weniger als die ständig zunehmende Einleitung problematischer Stoffe wie Mikroplastik und Medikamentenreste durch die die Kläranlagen der stetig wachsenden Siedlungen entlang des Flusses.“ Und wieder jemand anderes teilt mit: „Dass die Besucher diesen Wald als Naherholungsgebiet respektieren, kann man auch daran erkennen, dass niemand hier seinen Müll herumliegen lässt.“

Ein besonders beeindruckendes Zeugnis des Protestes habe sie dieser Tage ganz klassisch per Post erreicht, berichtet Melanie Kambach. Auf einem Blatt Papier hat ein junges Mädchen drei Bäume gemalt. Daneben steht in Großbuchstaben geschrieben: „Ich bin echt enttäuscht. Ich bin zwar ein Kind und mit acht Jahren kann ich da nicht viel machen, aber ich werde nicht tatenlos zusehen, wie unser Wald gesperrt wird.“

Beim Landkreis selbst betrachtet man das Ganze naturgemäß von der eher nüchternen Warte aus. Laut Pressesprecherin Christine Huchzermeier sei der Hainsimsen-Buchenwald schon 2002 im Zuge der damals erfolgten Basiserfassung des FHH-Gebietes in gutem Erhaltungszustand kartiert worden. „Diesen Lebensraumtyp gilt es zu bewahren und deshalb ist eine Herausnahme des Schulwaldes aus dem geplanten Naturschutzgebiet nicht möglich“, erklärt sie auf Nachfrage unserer Zeitung. Veranstaltungen wie das Tauffest und Umweltbildungsprojekte wie das „Grüne Klassenzimmer“ könnten aber weiterhin stattfinden. „Es muss nur die Zustimmung des Landkreises eingeholt werden, diese kann auch für mehrere Jahre erteilt werden“, erläutert sie.

Ergänzend solle nun noch in den Plänen eine Änderung der Begründung erfolgen, in der die freigestellten Wege erläutert werden. Huchzermeier: „Danach werden neben öffentlich gewidmeten Wegen von der Freistellung auch tatsächlich öffentlich genutzte Wege wie Wander-, Rad-, Fahr-, Reit- und Freizeitwege einbezogen.“

Auch sie weist auf die bevorstehende Öffentlichkeitsbeteiligung hin (14. Januar bis 13. Februar), in deren Rahmen gerne Stellungnahmen abgegeben werden könnten, sollte noch weiterer Änderungsbedarf vorhanden sein. „Diese werden dann in dem Verfahren natürlich Berücksichtigung finden. Entsprechende Einzelfälle erfahren dann jeweils eine genauere Betrachtung.“

22 FFH-Gebiete und ein EU-Vogelschutzgebiet

Der Rat der Europäischen Gemeinschaft erließ im Jahr 1992 die sogenannte FFH-Richtlinie. Dieses Kürzel steht für Fauna (Tierwelt), Flora (Pflanzenwelt) und Habitat (Lebensraum bestimmter Pflanzen- und Tierarten). Die Richtlinie verfolgt das Ziel, die biologische Vielfalt in Europa zu erhalten. Das soll durch den Aufbau eines vernetzten Schutzgebietssystems mit der Bezeichnung „Natura 2000“ geschehen, um natürliche und naturnahe Lebensräume sowie bestandsgefährdete wild lebende Tiere und Pflanzen zu sichern, zu erhalten und gegebenenfalls zu entwickeln. Im Landkreis Rotenburg gibt es 22 FFH-Gebiete und ein EU-Vogelschutzgebiet (Moore bei Sittensen) mit einer Gesamtgröße von 13 861 Hektar – das entspricht etwa 6,7 Prozent der Landkreisfläche. Das nun geplante Naturschutzgebiet mit dem Namen „Wümmeniederung mit Rodau, Wiedau und Trochelbach“ reicht von der östlichen Landkreisgrenze bei Stemmen über Lauenbrück, Scheeßel, Rotenburg und Hellwege bis an die westliche Landkreisgrenze und umfasst die Wümme mit ihrer Niederung sowie die Rodau, die Wiedau und den Trochelbach von Rotenburg über Hemsbünde und Bothel bis nach Bellen samt ihren Niederungsbereichen.

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