Lars Kressin aus Rehr macht Naturaufnahmen

Der Glücklichmacher mit dem „Tele“ und weltweiter Fangemeinde

Einblicke in die Welt der Kraniche – auch das ein Motiv des Naturfotografen.

Rehr - Ein Naturfotograf, der 5.000 Facebook-Fans und bald einen Eintrag bei Wikipedia hat, der fast jeden Tag neue spektakuläre Bilder von Sonnenuntergängen oder Kranichen im Anflug postet und auf jeden seiner Fotobeiträge im Sozialen Netzwerk mehr als hundert Kommentare bekommt – wie macht man das?

Ein Ortstermin mit Lars Kressin. Der 47-Jährige wartet schon im Auto, die Kamera mit dem imposanten Teleobjektiv im Schoss. Ein Händeschütteln, los geht‘s durch „sein Revier“ bei Helvesiek. Die kurze Fahrt zum nahenden Sonnenuntergang hört sich an wie ein „Who is Who“ der heimischen Natur: In dem Waldstück links wohnt eine Rotte Wildschweine, dahinten rechts hat er Jungfüchse beim Spielen im Bild festgehalten („Sechs Stunden im Tarnnetz habe ich gewartet“), auf dem Acker rechts sind seine spektakulären Bilder von einem Wolfspärchen entstanden, bevor es in rund 20 Meter Entfernung an ihm vorbei lief – der Naturfreund kennt sich hier aus. Angst hatte er nicht. 

Genauso wenig, wie damals, als ein Keiler auf ihn zustürmte. Er fotografierte weiter, der Keiler lief gegen einen Baum. „In solchen Situationen denke ich nicht nach“, meint er, bevor er den Wagen am Straßenrand parkt. In den folgenden 30 Minuten, bis die Sonne untergegangen sein wird, geht es um Natur pur – und um einen, der sie anderen näher bringt.

Erst vor drei Jahren zum Fotografieren gekommen

Während der Unterhaltung hat er um die hundert Schwäne auf einem Feld ausgemacht: „Zwergschwäne“, meint er fachmännisch, „die sind total selten.“ Lars Kressin kennt das Gebiet wie seine Westentasche. In Königsmoor geboren, durchstreifte er schon als Kind die Natur, später auch an der Wümme in Scheeßel. Zum Fotografieren ist der selbstständige Unternehmer jedoch erst vor drei Jahren gekommen: „Bei einer Haushaltsauflösung war eine einfache Digitalkamera dabei.“ Er fing an, „aus dem Graben“ heraus zu knipsen – ein schöner Ausgleich zum Möbelschleppen aus dem vierten Stock. „Ich wusste nur, wo die Kamera angeht – mehr nicht.“ 

Unglaublich, aber: Das ist bis heute fast so geblieben. Der Autodidakt schert sich nicht um Blenden und Zeiten, er fotografiert immer mit seinem Teleobjektiv, immer in der Sporteinstellung. „Ich bin der einzige Fotograf, den ich kenne, der keine Ahnung hat“, grinst er.

Zur Facebbok-Seite von Lars Kressin

Während wir reden, hat der Mann im grünen Parka einen Schwarm Kraniche bemerkt, noch bevor sie mit dem bloßen Auge zu erkennen sind. „Mir entgeht nichts.“ Er soll recht behalten. Weder das Reh am Waldrand noch der Bussard („der ist immer hier, ich sollte ihm einen Vornamen geben“) oder unlängst ein Geier, „der hatte sich wohl verflogen“. Ob ihm die kleine Welt hier reicht? Ein Jahr habe er in Norwegen gewohnt, weit nördlich vom Polarkreis, „und auf den Malediven, da habe ich auf unbewohnten Inseln geschlafen. Man glaubt nicht, was da an Müll angeschwemmt wird!“, so der ehemalige Immobilienmakler, der nach elf Jahren im Job erkannte, dass dieser Lebensstil auf Dauer nicht der seine sein würde.

„Ich gebe ihnen etwas Lebensfreude“

Ein Schlangenbiss („die war in einem toten Baum, als ich nachts für meine Tochter ein Halloweenmotiv machen wollte“) konnte den Vater einer inzwischen erwachsenen Tochter nicht abhalten, weiterzumachen. So spektakulär soll es an diesem Abend nicht werden: Die Sonne malt ihr Orange an den Himmel, fast wie in Afrika, von den avisierten Vogelschwärmen allerdings keine Spur. „Gestern war alles voll hier, Kraniche, Gänse, Reiher“, sagt Kressin, „heute sind die aufgeschreckt“, meint er mit Blick auf einen Trecker auf dem Feld. Macht nichts, die Stimmung, die die untergehende Sonne zaubert, ist fantastisch – Bilder, die seine Internet-Fans und Freunde schätzen: „Noch vor drei Jahren hatte ich 216 Facebook-Freunde, die ich alle persönlich kannte – heute sind es 5 000, mehr lässt der Betreiber nicht zu.“

Was sind das für Menschen, die seine Bilder bewundern, Lob oder einfach nur ein „Guten Morgen“ in die meist mehr als 100 Kommentare schreiben? „Viele wohnen in der Stadt, sind krank oder einsam“, weiß er, „sie betrachten die Welt durch meine Augen. Ich gebe ihnen etwas Lebensfreude.“

„Glücklichmacher“ wird er in einem Fotoforum genannt. Viele vergrößern seine Bilder als Poster, irgendwo in Holland bedeckt eine Postertapete mit einem seiner Motive eine ganze Wohnzimmerwand. Eine ältere Dame ist seinetwegen von Frankfurt nach Scheeßel gezogen, „ihre Wohnung ist wie eine Lars-Ausstellung“, schmunzelt er. Für seine Streifzüge darf er ihr Auto nutzen; dafür ist sie im Sommer regelmäßig selbst mit dabei. Seine Sammlertassen, in einer Auflage von jeweils nur zwei Exemplaren, gehen in alle Welt. Unter seinen „Followern“ sind Ornithologen, Professoren, Künstler. Ab und an kontaktiert ihn jemand, um mit ihm loszuziehen, darunter auch bekannte Namen – darüber reden mag er nicht.

Zweimal am Tag zieht Kressin in die Natur

Kressins Motive: Sonnenuntergänge, Vogelschwärme, gern auch mal ein Reh oder Dachs. „Ich fotografiere nur schöne Seiten – ich will die Schönheit der Natur zeigen!“ Und auch die Reaktionen im Internet sind fast ausnahmslos positiv – eine heile digitale Welt. Wenn der Job es zulässt, zieht er täglich mindestens zweimal los, im Sommer morgens um 4. Die Leute wachen morgens mit seinen Bildern auf – rund 90 Prozent sind aktuell, nur bei schlechtem Wetter greift er auf Material aus seinem Fundus von 350.000 Fotos zurück. Druck zu „liefern“ macht er sich jedoch nicht. Als ein Schwarm Reiher weit entfernt vorbeifliegt, zuckt er mit den Schultern: „Die sehe ich morgen“. Vielmehr wartet er, bis Motive auf ihn zukommen. So auch an diesem Abend. Er will schon los, da landet ein Schwarm Kurzschnabelgänse auf dem Feld – und bald darauf im Internet.

Ob er sein Hobby nicht professionalisieren will? Einen Verlag hatte er bereits. „Als ich gesehen habe, wie lieblos die meine Bilder präsentiert haben, habe ich gekündigt!“ Das große Geld macht Kressin mit seinen Bildern nicht. Wertschätzung gibt es jedoch reichlich. Als er aus Spaß in einem der sozialen Medien dazu aufrief: „Schickt mir Schokolade“, erhielt er mehr als 100 Päckchen. Eins hatte die Reise aus Chile hinter sich. 

hey

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