Kreativ in der Zwangspause

Feuerengel-Frontmann Boris Delic arbeitet fleißig am dritten „Boten“-Album

Auf Augenhöhe: Mit Lotto King Karl (l.) verbindet Delic eine langjährige Freundschaft. Der Hamburger ist als Songtexter am neuen „Boten“-Album beteiligt.
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Auf Augenhöhe: Mit Lotto King Karl (l.) verbindet Delic eine langjährige Freundschaft. Der Hamburger ist als Songtexter am neuen „Boten“-Album beteiligt.

Griemshoop – Sie sind verwackelte Erinnerungen an eine Zeit, in der Corona ein Bier, aber noch keine globale Katastrophe war: die Handyvideos auf Youtube. Auf einem dieser Mitschnitte sieht man Boris Delic, den Sänger der Rammstein-Tribute-Band Feuerengel, zwischen allerlei Pyro-Effekten auf der Bühne performen. Es stammt von einem Auftritt im Bremer Aladin. Ende 2019 war das. Vor ihm: ein Meer von zum Takt tanzenden Menschen.

Keine Frage: Die Pandemie hat auch die Gewohnheiten des prominenten Griemshoopers völlig auf den Kopf gestellt – und dazu gehört für ihn das Publikum. Allein im vergangenen Jahr hätten für Feuerengel 33 Shows im In- und Ausland auf dem Programm gestanden – bis auf einige wenige Autokino-Konzerte und einen Livestream vor leeren Rängen stand das Bandleben seit Pandemiebeginn aber gänzlich still. Und bis heute hat sich daran auch nichts geändert. „Nach 13 Monaten denke ich mir, wo eigentlich mein altes Leben geblieben ist“, sagt Delic. „Das einzige, was ich seit März 2020 mache, ist Konzerte zu verschieben oder abzusagen.“ Das reguläre Tagesgeschäft für den Chef der Feuerengel-GbR, der sich als solcher eben auch um das Booking der seit fast 25 Jahren existierenden Band kümmert, gibt es zur Zeit nicht mehr. Den Vertragspartnern habe man kündigen müssen. Klar: wo keine Konzerte, da auch keine Arbeit. „Wir haben jetzt nur noch unser Lager für das Bühnenequipment, das ich inzwischen schon mehr ein Museum nennen würde, und die Versicherung für den Kram – mehr ist nicht übrig geblieben.“

Immerhin: Seinen Lebensunterhalt bestreitet der 45-Jährige nicht ausschließlich über Feuerengel – im Gegensatz zu einigen anderen Bandkollegen. „Ich und zwei weitere Leute sind da in einer echten Luxussituation, weil jeder von uns noch andere Jobs hat – jenseits der Bühne“, sagt der Vater eines neunjährigen Sohnes, der bei der Rotenburger Lebenshilfe als Gruppenleiter in einer Werkstatt für behinderte Menschen tätig ist. Was das Fortbestehen der Band betrifft, sei das immerhin durch Rücklagen gesichert – noch. „Nun müssen wir zusehen, wie das Konto Monat für Monat leerer wird.“

Drei Texter an Bord bei „Der Bote“

Delic weiß: Bis Feuerengel wieder in alter Manier die Hallen und Open-Air-Bühnen bespielen wird können, wird es noch eine ganze Weile dauern. „Momentan ist da leider noch kein Land in Sicht“, ist er angesichts der schleppenden Impfungen überzeugt. Nun nutze er die Feuerengel-freie Zeit für „Der Bote“ – sein musikalisches Zweitprojekt. Seit 2018 ist ein drittes, noch unbetiteltes Album in der Mache. Produziert wird der zwischen Neuer Deutscher Härte und Gothic-Einflüssen verortete Longplayer, auf dem Delic‘ markante Stimme zu hören sein wird, einmal mehr von Frank Itt, seines Zeichens Berufsmusiker, langjähriger Bassist in der Band von Howard Carpendale und Dozent an der Mannheimer Pop- und Rockakademie. Aktuell arbeite man noch an den letzten beiden Playbacks. Bis zum Jahresende, so der Griemshooper, der gemeinsam mit Itt für das Songwriting verantwortlich zeichnet, sollen sämtliche Demos mit seinem Gesang „im Kasten“ sein. „Das eigentliche Album wird dann mit unseren Studiomusikern erst aufgenommen“, berichtet er. „Keine Ahnung, ob wir damit dieses Jahr noch anfangen oder ob es erst 2022 sein wird.“

Derweil wird im Hintergrund aber noch fleißig an den Songtexten gefeilt. Gleich drei mehr oder weniger namhafte Profis hat Delic dafür mit ins Boot geholt. Neben Manuela Bibert, Sängerin aus Hamburg, die er über das Projekt „U.D.O. und das Musikkorps“ kennen- und schätzengelernt habe, seien das der ebenfalls aus der Hansestadt stammende Musiker Lotto King Karl sowie Arne Hollmann, früherer Sänger der Rotenburger Indierockband Gallmucke und heute Ersatz-Bassspieler bei Feuerengel. Letzterer erzählt: „Boris kann in einer Sprache und über Themen singen, die ich so selber nicht singen könnte oder wollte – für mich ein kompletter Perspektivwechsel.“ Thematisch habe er sich so unter anderem bereits mit U-Booten, Sucht und Trieb auseinandersetzen dürfen. Und wie funktioniere die Zusammenarbeit genau? „Wir werfen uns via Whatsapp Themen an den Kopf, ab und an werf‘ ich ein paar Zeilen zurück– und dann sagt jemand Top oder Flop.“ Er sei jedenfalls mit Feuereifer dabei, sagt Delic über Hollmann. „Und er scheint richtig Bock darauf zu haben.“

Lian Delic und sein Papa im heimischen Musikstudio. Gemeinsam haben sie dort zum Spaß ein Duett eingesungen – den Unheilig-Klassiker „Geboren um zu leben“.

Mit Lotto King Karl hat er indes schon beim „Boten“-Erstling, welches 2005 erschienen war, gemeinsame Sache gemacht. Der Hamburger lobt die vertrauensvolle Zusammenarbeit, die stets von einer gewissen Entspanntheit geprägt sei: „Boris und ich reden miteinander – und das ist das Wichtigste.“ Er selbst sei von den Playbacks, für die er bereits zwei Texte nahezu fertiggeschrieben habe, jedenfalls sehr angetan. „Es sind definitiv tolle, recht düstere Songs aus der Kategorie harter Tobak – die würde ich mit meiner eigenen Band auf Tour zwar niemals spielen, aber genau die Arbeit an solch unterschiedlichen Projekten macht es für mich immer wieder spannend.“ Er freue sich schon sehr darauf, die fertigen Songs zu hören, „und ich bin immer wieder aufs Neue stolz darauf, wenn ein Lied, an dem ich mitgearbeitet habe, in die Welt hinauszieht.“

Noch, sagt Delic, sei aber alles im Prozess. Und Corona würde das Ganze halt auch nicht unbedingt beschleunigen. „Das ist ja gerade das Paradoxe: Eigentlich haben wir alle Zeit der Welt, können wegen den Kontaktbeschränkungen nur kaum etwas machen.“ Immerhin hat sich der umtriebige Musiker unter seinem Dach inzwischen ein eigenes kleines Studio eingerichtet – „damit ich für ,Der Bote‘ vorab schon Sachen machen kann, die wir dann bei Frank weiterbearbeiten.“

Entstanden sei im „Homeoffice“ aber auch schon ein Duett, welches er mit Sohnemann Lian eingesungen habe: eine Coverversion des Unheilig-Hits „Geboren um zu leben.“ Delic: „Ich fand das Familienprojekt ganz chic – und der Junior auch.“ Manchmal fällt der Apfel eben doch nicht weit vom Stamm.

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