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20 Jahre Verein Sambucus: Kleiner Beitrag zum großen Ganzen

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Von: Lars Warnecke

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Christoph Dembowski und Angela von Beesten feiern das 20-jährige Bestehen des Vereins Sambucus.
Christoph Dembowski und Angela von Beesten feiern das 20-jährige Bestehen des Vereins Sambucus. © Sambucus

In diesem Jahr feiert der Verein Sambucus sein 20-jähriges Bestehen. In dieser Zeit ist man immer ein Exot geblieben.

Riepe – Einen ganzen Nachmittag haben Angela von Beesten und Christoph Dembowski Zeitungsartikel gewälzt, Fotos im Bildarchiv gesichtet und in Erinnerungen geschwelgt: Das Maisfest gegen Genmanipulation, die Vorträge des späteren Trägers des Alternativen Nobelpreises Percy Schmeiser, die selbstgemachte Sauce Hollandaise beim Kochkurs mit Beeke-Schülern, der „doppelte Heinrich“ mit den Autoren Heinrich Hannover und Hein Benjes und die fünfstündige Roman-Lesung mit Ulrich Beseler zum Tschernobyl-Gedenken 2019 – die letzte Veranstaltung des Vereins vor Ausbruch der Pandemie.

Einige der wohl um die hundert Veranstaltungen in der mittlerweile 20-jährigen Historie des Vereins Sambucus waren fast in Vergessenheit geraten. Die Beschäftigung mit der Geschichte des am 14. Februar 2002 gegründeten Vereins lässt die beiden Vorsitzenden und zwei der zehn Gründungsmitglieder (die alle noch dabei sind) staunen: darüber, was alles war, aber auch, welche Schubkraft der Verein in seinen Anfangstagen an den Tag legte. Von den ersten Vorträgen und Filmabenden über Kindertheater bis zum selbst herausgegebenen Buch über gentechnikfreie Landwirtschaft. Gesundheit, Natur, Kultur – das „thematische Potpurri“ habe zunächst die Skeptiker auf den Plan gerufen, erinnert sich von Beesten: „Einige hatten die Befürchtung, wir würden uns verzetteln – aber die Themen hängen ja alle zusammen“, ist die Medizinerin überzeugt.

Entstanden war der Verein aus dem Bedürfnis heraus, ein „Dach“ für die zahlreichen Aktivitäten zu schaffen, die dessen Mitglieder in den beiden Vorjahren unter dem Dach des BSW (Biologische Schutzgemeinschaft Wümmeniederung) hatten laufen lassen – und die die Satzung des BSW zu sprengen drohten. Rein räumlich verortet war dieses Dach, die „Keimzelle“, wie es von Beesten nennt, die Hofgemeinschaft des biologisch-dynamisch bewirtschafteten Holderhofs mit dem dazugehörigen Wäldern. „Ohne ihn würden Formate wie das jährliche Waldtheater für Kinder von acht bis zwölf Jahren nicht funktionieren“, ist von Beesten überzeugt.

Fühlen, Begreifen, Bewegung, Kreativität wecken – das Team um eine Theaterpädagogin und um einen Förster fördert bei der jährlichen Waldwoche genau die Aspekte, die den beiden Medizinern für die Entwicklung der Kinder am Herzen liegen. Dabei spiegeln die Themen der anfangs noch vorgegebenen, später frei entwickelten Theaterstücke oft die aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten wieder. „2016 hatten wir acht Kinder aus sechs Nationen mit Fluchthintergrund unter den Teilnehmern“, berichtet von Beesten, „da ging es um Veränderung, etwas Neues anzunehmen.“ Am Ende habe ein Stück über ein Dorf gestanden, „natürlich mit König, Elfen, Kämpfen und Frieden“, so die 72-Jährige, „am Ende muss alles gut werden“.

Ein Motto auch für den Verein? Jein. Denn die Themen, die den Verein bewegten, in die Öffentlichkeit zu tragen, zu durchbrechen, sei nicht immer einfach gewesen. Gerade bei Gentechnik, Energieerzeugung oder biologischer Landwirtschaft, „den großen Themen, heruntergebrochen auf die eigene Lebenswelt“, sei es laut von Beesten bei Diskussionsveranstaltungen auch mal hitzig zugegangen. Doch gerade der Diskurs, zum Beispiel mit Vertretern der konventionellen Landwirtschaft, ist ihr wichtig: „Ohne Verständigung kann sich nichts weiterentwickeln.“

Das habe allerdings zuweilen einiges an Moderationsgeschick erfordert. Raus aus der Blase, Brücken bauen, in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Wieder ein Jein. „An den Abenden gelingt das gegenseitige Verständnis“, hat Dembowski festgestellt. Den Exoten-Status hat der Verein wohl auch nach 20 Jahren inne. „Was wir machen, ist für viele nicht verständlich“, räumt der 72-Jährige ein.

Innerhalb des Vereins mit rund 40 Mitgliedern, darunter auch „ideelle Unterstützer“ jenseits der Region, klappt es hingegen weitgehend mit der Harmonie. „Sicherlich war auch mal der ein oder andere dabei, der seine Ideen hier nicht verwirklicht sah“, gibt Dembowski zu. Denn am Anfang des Jahres steht für die Mitglieder neben der Frage, was an Aktivitäten geplant ist, auch die der praktischen Umsetzbarkeit. Also konkret: „Wer kümmert sich darum?“, beschreibt von Beesten die Programmerstellung. Sicherlich merken viele der „altgedienten“ Mitglieder, dass sie in die Jahre kommen – statt Spurtstärke legt der Verein heute eher Langstreckenläufer-Qualitäten an den Tag.

Viele der im Laufe der Jahre geknüpften Netzwerke und Bündnisse, unter anderem mit Simbav, Naturschutzvereinen oder überregional mit dem Bündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft bestehen bis heute, Aktionen werden gemeinsam durchgeführt. So möchte von Beesten den Verein auch als „Keimzelle für Impulse“ verstanden wissen, dessen Früchte auch im anderen Rahmen aufgehen können. Während Dembowski sich als Höhepunkte des Vereinsbestehens vor allem an die medizinischen Vorträge erinnert, hat von Beesten die Mitwirkung an Tagungen und Kongressen parat wie „Planet Diversity“ 2008 in Bonn oder dem „Diskurs grüne Gentechnik“ der Bundesregierung, bei denen sie „quasi in Personalunion“ als Vorsitzende von Sambucus und anderer Bündnisse unterwegs war.

Die konkreten Schwerpunkte, mit denen der Verein an die Öffentlichkeit geht – gern an Orten wie dem Rotenburger Rathaus –, haben sich in den vergangenen 20 Jahren gewandelt. War in den Ursprüngen die Atomenergie ebenso Thema wie eine der ersten Solaranlagen in der Region, ist es heute der Klimawandel. „Die planetaren Grenzen, die Tatsache, dass wir jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt haben und über die Grenzen gegangen sind, wird erst jetzt überdeutlich“, meint Dembowski.

Die Betrachtung unserer Umwelt heute: ein Grund zur Resignation? „In den letzten Jahren ist viel in Gang gekommen, das kann noch zum Guten gewendet werden“, ist er überzeugt. Von Beesten ergänzt: „Ich gehe nicht davon aus, dass ich die Welt retten kann, sondern tue, was mir möglich ist, leiste meinen kleinen Beitrag zum großen Ganzen.“ Statt Schwarzseherei fokussiert sie sich lieber auf das Gute: „Schönheit, Begegnung – das ist wie ein riesiger Blumenstrauß, man muss sich bloß drum kümmern.“

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