Ein SPD-Urgestein hört auf

Jürgen Borngräber aus Lauenbrück verlässt nach 48 Jahren die politische Bühne

Jürgen Borngräber
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So kennt man Jürgen Borngräber – nach fast 50-jährigem Wirken in der Politik hat sich der Lauenbrücker jetzt in den Ruhestand verabschiedet.

Fast 50 Jahre aktiv in der Kommunalpolitik – diese Ausdauer muss man erstmal haben. Jürgen Borngräber hat sie. 1968 zog der SPD-Mann aus Lauenbrück zum ersten Mal in den Rotenburger Kreistag ein. Jetzt verabschiedet er sich von der politischen Bühne.

Lauenbrück – Die Aktentasche hat er sich umgehängt wie eh und je – so, als sei er auf dem Sprung zur nächsten Sitzung. Schick gekleidet, das dünne Haupthaar akkurat gekämmt (wie es sich für einen gelernten Friseurmeister eben gehört), immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen – so kennt man Jürgen Borngräber. Und so tritt der 81-Jährige auch heute, beim Pressegespräch, auf. Das eröffnet der Mann, der als überzeugter Sozialdemokrat über mehrere Jahrzehnte hinweg die Politik im Landkreis Rotenburg mitverantwortet hat, mit den Worten: „Jetzt bin ich wirklich und schlussendlich im Ruhestand.“ Nicht mehr morgens zu schauen, welche Termine den Tag über anfallen, daran, räumt Borngräber ein, müsse er sich aber erst noch gewöhnen. „Keine Ahnung, wie ich das früher alles gedreht habe, mir ist das heute unbegreiflich.“

Nun ist das Wörtchen „Ära“ schnell in den Mund genommen, wenn einer nach langer Zeit seines Wirkens, in welchem Metier auch immer, die Segel streicht. Auf den Lauenbrücker trifft es aber tatsächlich zu. Stolze 48 Jahre, und damit mehr als ein halbes Menschenleben, saß Jürgen Borngräber für die SPD im Kreistag, war fast ein Vierteljahrhundert Vorsitzender seiner Fraktion. Für ein solches Durchhaltevermögen, das ihm bisher niemand nachmachen konnte, wurde er unlängst vom Landrat geehrt. Warum er nicht ein weiteres Mal kandidiert habe? „Geistig bin ich eigentlich noch relativ fit – mir ist jedenfalls noch nichts Gegenteiliges zu Ohren gekommen.“ Nur merke er, der Zeit seines Lebens viel und gerne Sport getrieben habe, dass es so langsam mit der körperlichen Leistungsfähigkeit bergab ginge. Das Schwimmen, seine größte Leidenschaft, die sich auch in seinem Engagement in der DLRG niederschlägt, gehöre aber nach wie vor zum täglichen Ertüchtigungsprogramm – auch wenn er merke, inzwischen nicht mehr der Schnellste auf der Bahn zu sein. „Jetzt überholen mich schon Leute, denen ich früher mal das Schwimmen beigebracht habe.“

1968, Borngräber war gerade erst in die SPD eingetreten („Es hätte auch die CDU werden können, die anderen haben mich aber mehr überzeugt“), war das Jahr, in dem die politische Karriere des damals 29-Jährigen Fahrt aufnehmen sollte – nicht nur mit der erstmaligen Wahl in den Kreistag, sondern auch mit dem Einstand, den er im Lauenbrücker Gemeinderat gab. Dort war er, der gerade auf Lehramt studierte, mit Abstand das jüngste Mitglied. Nur vier Jahre später, die Samtgemeinde Fintel war auch unter seiner Beteiligung erst frisch aus der Taufe gehoben, wurde Borngräber in der Löwen-Gemeinde Bürgermeister. Der blieb er auch, sage und schreibe 19 Jahre lang – bis 1991. Seinen Beruf des Lehrers übte er derweil im benachbarten Scheeßel aus. Denn: „Bürgermeister und Lehrer in einem Ort – das passte für mich nicht.“ Dass er auf gleich zwei, mit dem Einzug in den Samtgemeinderat später auch auf drei politischen Ebenen aktiv mitwirkte, sieht er rückblickend als gewinnbringend: „Man konnte vieles aus dem Kreistag für die Arbeit in der Gemeinde verwenden.“

Ein Thema, das ihn im Bürgermeister-Amt besonders gefordert, sich aber als „wunderbare Erfolgsgeschichte“ erwiesen habe: die Wiedereröffnung des Lauenbrücker Bahnhofs im Jahr 1981.

Mit 18.000 Mark zum Bahnhof

„Den hatten wir ja drei Jahre zuvor verloren, da es hieß, am zu kurzen Bahnsteig könnten die Regionalzüge nicht mehr halten“, blickt der dreifache Vater und vierfache Großvater zurück. Mit 18 .000 Mark, die am Ende die Samtgemeinde aufgebracht habe, sei das Projekt schließlich geglückt.

Auch der Beitritt des Landkreises in die Metropolregion Hamburg, in den 1980er-Jahren erfolgt, ist dem Lauenbrücker noch in guter Erinnerung. „Obwohl viele Gemeinden lieber nach Bremen wollten, waren der damalige Oberkreisdirektor Blume und ich die härtesten Hamburg-Befürworter – auch wegen dem möglichen Verbund in den HVV.“ Dass der inzwischen Realität ist – auch das ein Mitverdienst, den sich Borngräber durch sein jahrelanges Bohren zuschreibt. Und auf der entgegengesetzten Schienenrichtung? „Ich schätze mal, dass es mit einem vollständigen Beitritt des Landkreises zum VBN-Tarif in zwei bis drei Jahren klappen könnte.“ Für einen solchen Durchbruch habe er sich im Kreistag jedenfalls, quasi als letzte Amtshandlung, in jüngerer Vergangenheit immer wieder eingesetzt.

48 Jahre im Kreistag, 38 Jahre im Rat der Gemeinde Lauenbrück und mehr als 47 Jahre Mitglied im Finteler Samtgemeinderat – da hat sich das politische Geschäft, das Miteinander über all die lange Zeit doch sicher gewandelt, oder? „Nein, in der Samtgemeinde war der Umgangston eigentlich immer moderat – und wenn mal Kritik kam, dann war die sehr vorsichtig und meistens nicht personen-, sondern vielmehr sachbezogen“, weiß das SPD-Urgestein. Diesem Stil habe er versucht, auch im Kreistag treu zu bleiben – auch wenn ihm das dort zugegebenermaßen nicht immer gelungen sei.

Der Rat ist heute gemischter

Zwei markante Unterschiede stellt er dann aber doch fest: Hätten sich die Gremien früher fast ausschließlich aus Landwirten auf der CDU- und Lehrern auf der SPD-Seite zusammengesetzt, sei das heute schon lange nicht mehr der Fall. „Das ist inzwischen viel gemischter.“ Und auch die Art, wie die Verwaltung Beschlussempfehlungen im Kreistag formuliert, habe sich geändert. „Ganz früher, wenn die Oberkreisdirektoren in der ein oder anderen Sache nicht Bescheid wussten, gab es keinen Empfehlungsbeschluss – den sollten wir uns dann politisch erst suchen.“ Heutzutage allerdings werde jeder Beschlussvorschlag weitestgehend vorbereitet, dem man nur noch ablehnen oder zustimmen könne.

Zugegeben: Gerne hätte Borngräber noch einmal den Einzug in den Finteler Samtgemeinderat geschafft – es wäre für ihn dort seine elfte Wahlperiode gewesen. Dass er es nach der vergangenen Kommunalwahl im September nicht gepackt hat, könne er aber gut verschmerzen, sagt er. „Es war eine wirklich schöne Zeit in der Politik, in der ich vor allem zu Beginn viel dazugelernt habe – nun soll der Nachwuchs mal machen.“

Spricht‘s und hängt sich die Aktentasche wieder über die Schulter. Vom Pressegespräch im Rathaus geht es für ihn aber nicht etwa zum nächsten Termin, sondern schnurstracks wieder nach Hause. Der Ruhestand lässt grüßen. Und den hat sich der kreisweite Rekordhalter, dem wird wohl niemand widersprechen, mit 81 Jahren auch redlich verdient.

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