Immer wieder Überraschungen in Tiste

Gleich zwei Moore unter dem Aussichtsturm

Auf verzinkten Stahlprofilen fest auf zwei Mooren: der Aussichtsturm im Tister Bauernmoor.

Tiste/Helvesiek -  Der Aussichtsturm am Rande des renaturierten Tister Bauernmoores mit Blick aus acht Metern Höhe über die weiten Wasserflächen: Niemand der zahlreichen Besucher, die die ersten zurückgekehrten Kraniche, die Kanadagänse und die Enten beobachten, ahnt, dass dieser Holzturm auf zwei Mooren steht.

„Bei meinen Recherchen bin ich auf ein Dokument aus dem Jahr 2000 gestoßen, das das Bodenprofil unter dem Turm beschreibt. Es hat mich völlig überrascht“, so Hans-Günther Beuck. Gemeinsam mit einem Redaktionsteam des Vereins Moorbahn-Burgsittensen erstellt der Helvesieker ein Taschenbuch über das Bauernmoor zwischen Tiste und Stemmen. „Bevor der Landkreis Rotenburg den Aussichtsturm errichten ließ, wurde der Baugrund von den Grundbauingenieuren Steinfeld und Partner auf Standfestigkeit untersucht“, so der pensionierte Lehrer. Mithilfe einer neun Meter tiefen Bohrung habe man ein Bodenprofil erstellt, das die Schichtenfolge des Untergrundes darstellt. Dabei sei man, nachdem das drei Meter mächtige Hochmoor durchstoßen war, nach weiteren sechs Metern auf ein zweites Moor gestoßen. „Dieses Untersuchungsergebnis gibt Rätsel auf und kann als kleine Sensation betrachtet werden, denn im ganzen Landkreis ist kein weiterer gleicher Fall bekannt.“

Beuck wandte sich an den nach Göttingen emeritierten Professor Dr. Hans-Heinrich Seedorf, der in den Rotenburger Schriften einen Artikel über die Entstehung der Moore veröffentlicht hatte. Seedorf, der aus Sittensen stammt, Mitautor der Chronik seines Heimatortes und mit dem Tister Moor bestens vertraut ist, kam zu dieser Deutung: Mit der Bohrung wurden die Ablagerungen am Ende der Saale-Eiszeit vor etwa 150 000 Jahren erfasst. Der Wissenschaftler: „Sie gehen auf zwei Eisvorstöße zurück, dem Drenthe- und dem Warthestadium vor 130 000 bis 100 000 Jahren. Den Untergrund für das untere Moor bildeten die Schmelzwasser-Sande der Drenthevereisung.“

„Sie hatten beim Rückzug des Eisschildes das vormals hügelige Relief mit enormen Sandmengen eingeebnet, aus denen nur noch die Geestinseln herausragten“, fährt Hans-Heinrich Seedorf fort. Aus diesen Sanden hätte sich in einer warmen Klimaphase ein Moor entwickelt..

Seedorf: „Dann folgte etwa 10 000 Jahre später ein weiterer Eisvorstoß des Warthestadiums. Er drang bis Tostedt vor und schob eine Endmoräne auf. Als das Eis abtaute, überspülten Schmelzwassersande das untere Moor. Zusätzlich wehte Flugsand darüber.“ Nach Einschätzung des Professors ist es etwa 125 000 Jahre alt.

Zu einer abweichenden Deutung kam hingegen das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie mit Sitz in Hannover. Eine genaue Datierung ist nach Meinung der Geowissenschaftlerin Asdis Oelrich jedoch nur mit der Analyse einer Moorboden- probe möglich. Hans-Günther Beuck: „So bleibt das Fazit, dass das untere Moor etwa 15- bis 25-mal älter ist als das 5000 Jahre zählende Hochmoor, über das die Besucher gehen, wenn sie den Turm besteigen. Sie haben nichts zu befürchten, denn er ruht auf vier stabilen, verzinkten Stahlprofilen, die etwa zehn Meter tief in den Untergrund gerammt wurden.“

Das Tister Bauernmoor wird pro Jahr von 25 000 bis 30 000 Naturfreunden aus dem Kreis Rotenburg und aus vielen Teilen Norddeutschlands besucht.

Von Wieland Bonath

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