Fabian Jensch aus Vahlde dreht Videos über „Lost Places“

Geschichtserlebnis mit Gruselfaktor

Blick in eine alte Arztvilla in Niedersachsen mit den Überresten eines Pools.
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Eine alte Arztvilla in Niedersachsen mit den Überresten eines Pools ist für Urbanexer Klassiker und Höhepunkt zugleich.

Vahlde – Das Video beginnt mit einem verschwommenen Bild. Ein Mann mit Hose im Tarn-Look, den Hoody über den Kopf und die Sturmhaube über Mund und Nase gezogen, nähert sich einem verlassenen Haus. Die Kamera begleitet ihn, nah dran, mitten im Geschehen. Die unterlegte Musik mit zuckenden Synthie-Beats und Donnern und eingeblendete Schriftzüge mit der Ästhetik eines Horrorfilms lassen keinen Zweifel aufkommen: Hier geht es um Adrenalin pur.

So oder ähnlich beginnen die meisten der rund zwei Dutzend Videos, die Fabian Jensch und sein Mitstreiter seit rund einem Jahr auf ihrem Youtube-Kanal „REFA History Lost Places“ online gestellt haben. Lost Places, das sind verlassene Orte, die seit einigen Jahren gern von Fotografen und Filmern aufgesucht werden. Warum? Adrenalinkick, Nervenkitzel, Gruselmomente, aber auch die Lust an Historie, am Eintauchen in das Leben, das dort geführt wurde, und an den Geheimnissen, die so mancher Ort bergen mag.

Eigentlich nennen sich die Anhänger dieses zunächst schräg anmutenden und zunehmend populäreren Hobbys selbst „Urbexer“ – eine Kurzform des englischen „Urban Explorer“, also „Stadterkunder“. Bei Jensch und seinem Kumpel „Ruschi“, dessen Arbeitgeber den richtigen Namen seines Angestellten nicht im Zusammenhang mit dieser Aktivität in der Zeitung sehen soll, hatte der Zufall die Finger im Spiel. Damals fuhren der heute 29-Jährige und sein einige Jahre älterer Freund viel zusammen Fahrrad. Bei einer ihrer Touren kamen sie an der ehemaligen Lungenheilanstalt Wintermoor in der Heide vorbei. „Heute patroulliert da ständig Security“, weiß der gebürtige Buchholzer. Damals konnten die beiden das Gelände noch unkompliziert betreten – es sollte der Eintritt in eine andere Welt sein. „Hier kommen wir wieder her“, so das Fazit aus der Faszination am verlassenen Ort.

Inzwischen haben die selbst ernannten Abenteurer rund 30 solcher Orte gesucht und gefunden, von der Teppichfabrik über ein Kalksandsteinwerk bis zur Arztvilla. Bevor die beiden Freunde rund ein bis zwei Mal pro Monat losziehen, je nachdem wie Jobs und Familie es erlauben, recherchieren sie die zu erkundenden Orte ganz genau. Erster Anhaltspunkt sind meistens Tipps aus der Szene oder Namen vom Hörensagen, anschließend checken sie das Gelände auf Google Earth aus: Wirkt die Nachbarschaft unbewohnt? Sind Überwachungskameras angebracht? Gibt es offensichtliche Eingänge?

Letzteres ist dem Familienvater besonders wichtig, besagt der Codex, dem die beiden „Urbexer“ sich verpflichtet fühlen, doch: Keine Beschädigung, nichts mitnehmen, alles so hinterlassen, wie man es vorgefunden hat. Türen oder Fenster aufzubrechen, käme für den Bauleiter einer Zaunbaufirma also nicht infrage. Ohnehin bewegen sich die beiden dabei rechtlich in einer Grauzone: „Strenggenommen erfüllt das rechtlich den Tatbestand des Hausfriedensbruchs“, weiß der Vahlder – ein Risiko, das die beiden bewusst in Kauf nehmen.

Dabei trägt die Gefahr, entdeckt zu werden, sicherlich zum Nervenkitzel bei. Aufgeflogen sind die beiden noch nie: „In einer ehemaligen Polizeischule im Weserbergland haben wir uns 40 Minuten versteckt und sind dann abgehauen“, erinnert er sich. „Wenn einem von beiden etwas komisch vorkommt, wird das vom anderen nicht hinterfragt, wir können uns gegenseitig hundertprozentig vertrauen.“ Das Verlassen auf den anderen ist ebenso Teil des Hobbys wie etwa das sorgsame Packen für die Erkundungstrips („Ruschi hat immer ein Erste-Hilfe-Set und einen Gaskocher dabei, ich kümmere mich um die Technik“) und das spätere Schneiden der Filme. Allein würde er nicht losziehen: „Das ist viel zu gefährlich!“

Ein anderes Mal, es war in der 2014 stillgelegten Justizvollzugsanstalt Salinmoor, in der Szene einer der bekannteren Orte, trafen Jensch und sein Kompagnon zehn bis 15 andere Urbexer – die Location hatte sich in der Szene herumgesprochen; einige Orte führen geradezu zu einer Art Tourismus. Auch deshalb ist es Jensch wichtig, die genauen Standorte „seiner“ Funde oder gar die Koordinaten selbst auf Nachfrage nicht preiszugeben. „Das tut man höchstens bei Leuten, die man sehr gut kennt und wo man weiß, dass die sich vernünftig verhalten!“

Der Rucksack mit Überlebenswichtigem wie Erste-Hilfe-Set und Taschenlampen gehört zur Grundausstattung. Gegenseitiges Vertrauen zum Partner ist Grundvoraussetzung.

Denn dass randalierende Jugendliche auch den Ruf der Urbexer beschädigen und das Hobby mitunter einen Eingriff in die Privatsphäre bedeuten kann, ist ihm klar: „Die Häuser gehören ja jemandem.“ Für ihn ist Respekt das A und O. Zum Teil seien sehr private Momente dabei, etwa bei dem „Haus des Lehrers“, wie er einen Film tituliert hat, in dem er nicht nur eine komplette Einrichtung der 1980er vorfand, sondern auch Papiere und Gehaltsabrechnungen. Diese Einblicke in Geschichte und Geschichten sind es, die den dreifachen Familienvater so sehr faszinieren, dass er die Historie auch jenseits der Besuche weiter recherchiert, aber auch das genaue Wahrnehmen des Ortes: „Aus welcher Epoche stammt das Gebäude, wie sind die baulichen Besonderheiten, wie die Patina?“ Oft stehe er eine Viertelstunde lang an einem Ort und lasse jedes Detail auf sich wirken. Besonderen Eindruck machten auf ihn ein ehemaliger sowjetischer Militärflughafen im Osten und ein Luftschutzbunker bei Verden. Offizielle Drehgenehmigungen für Gelände in öffentlicher Hand seien so gut wie nicht zu bekommen: „Man wird erst vertröstet und bekommt dann gar keine Rückmeldung mehr.“

Gegenseitiges Vertrauen zum Partner ist Grundvoraussetzung.

Am Ende eines solchen Trips bleiben drei bis vier Stunden Filmmaterial, die Jensch auf zirka 20-minütige Clips zusammenschneidet und mit zum Teil eigener Musik unterlegt. Der nächste Ausflug ist schon in Planung – den genauen Ort und Zeit behalten die beiden jedoch für sich: „Letztendlich bedeutet jeder Ausflug eine Straftat.“ Auch deshalb endet jedes seiner Videos mit dem Hinweis: „Bitte nicht nachmachen!“  hey

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