Gedenktafel für Kindergräber

Um die Kinder aus dem Vergessen zu ziehen, engagiert sich Heinz Promann.
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Um die Kinder aus dem Vergessen zu ziehen, engagiert sich Heinz Promann.

Er gibt ihnen, wo möglich, ihre Namen zurück: Heinz Promann sucht nach den „vergessenen Kindern“ der Verwahranstalt Riekenbostel. Zwei von ihnen liegen auf dem Helvesieker Friedhof. Sie bekommen bald eine Gedenktafel.

Helvesiek – Theresa Jedrzejek, Tochter der Ostarbeiterin Genovefa Jedrzejek, wurde nur wenige Wochen alt. Offiziell hieß es 1945, gestorben durch „schlechtes Gedeihen“ – dahinter steckt bewusste Vernachlässigung. Ein namenloser Junge, der Sohn der Arbeiterin Stephania Piotkowski, verstarb bei seiner Geburt 1944. Beide Babys sind in der Kinderverwahranstalt Riekenbostel auf die Welt gekommen und wurden auf dem Helvesieker Friedhof begraben, ein wenig abseits in der Nähe des Komposthaufens. Lange wusste niemand etwas über sie, sie waren die „vergessenen Kinder“. Mit einer Gedenktafel soll nun offen an sie erinnert werden.

Wer in welchem Grab beigesetzt wurde, weiß heute niemand mehr. Vielerorts sind die Kindergräber sogar nach Ablauf der Ruhezeit eingeebnet worden – trotz eines Erlasses, nach dem diese geschützt sind. Um die Gräber in Helvesiek hatte sich aber über Jahrzehnte Maria Indorf gekümmert, sie erhalten und gepflegt. Christliche Nächstenliebe nennt sie schlicht als Grund.

Ihr Mann war für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aktiv. Zweimal im Jahr haben sie die Gräber neu bepflanzt. Ohne ihren Einsatz wären auch diese sicher längst eingeebnet. „Beiden war es wichtig, dass es nie wieder einen Krieg geben darf“, weiß Heinz Promann, pensionierter Geschichtslehrer aus Lauenbrück. Er befasst sich schon lange mit den Kindern, sorgt dafür, dass Gedenkorte geschaffen werden. Zum Beispiel für drei Kinder in Fintel. Dort ist bereits eine Tafel installiert worden.

Dass sie eine Tafel bekommen, ist auch Andrea Rindfleisch zu verdanken, die vor fast 20 Jahren als erstes auf das „Polenhaus“, wie es genannt wurde, aufmerksam wurde. 2003 wurde sie beim Botheler Samtgemeinderat vorstellig, fragte, was dieser zur historischen Aufarbeitung unternehmen würde. „Die Verwaltung und Politiker haben sie abgewimmelt und nichts weiter initiiert“, sagt Promann, der ihre Unterlagen auswerten durfte, darunter auch Interviews.

Es sei bedauerlich, dass das Thema nicht weiter verfolgt wurde – es hätte noch Zeitzeugen gegeben. Dennoch hatte Rindfleisch nicht locker gelassen und vor zwei Jahren als Einwohnerin von Helvesiek einen Antrag an den Ortsrat gestellt, eine Gedenktafel zu erstellen. „Der Tenor war positiv“, erinnert sich Bürgermeister Ulrich Brunkhorst. Über Promann kam der Ortsrat an weitere Informationen.

So weiß man, dass die Mütter Zwangsarbeiterinnen waren. Zwei von vielen, die während des Zweiten Weltkriegs verschleppt worden waren, um dem steigenden Arbeitskräftemangel zu begegnen. Sie arbeiteten in Helvesiek in der Landwirtschaft. „Wie sie behandelt wurden, hing von der Bäuerin und, wenn er nicht im Kriegsdienst war, ihrem Mann ab“, so Promann.

Eine Vorgabe war, dass sie an einem anderen Tisch sitzen mussten beim Essen. Auch eine getrennte Unterbringung war gefordert, „am besten irgendwo im Schweinestall“. Darüber hätten sich viele Bauern hinweggesetzt. Besonders diejenigen, deren Höfe etwas abseits lagen. „Es gab aber auch überzeugte Nationalsozialisten“, verhehlt er nicht. Davon zeugen Racheakte von Zwangsarbeitern in der Nachkriegszeit.

Nicht selten sind Arbeiterinnen trotz ihrer wideren Lebensumstände schwanger geworden. Für sie wurden solche Verwahranstalten wie in Riekenbostel eingerichtet, um nicht auf ihre Arbeitskraft verzichten zu müssen. Insgesamt 28 Kinder sind dort oder später im Rotenburger Krankenhaus gestorben. Das liegt etwa elf Kilometer entfernt. War ein Kind sehr schwach, hat die Leiterin es ins Krankenhaus gebracht – mit dem Fahrrad. „Im Winter 1945 war es sehr, sehr kalt – das konnten sie nicht überleben“, so Promann.

Wann die Gedenktafel installiert wird, ist noch nicht raus. Eigentlich war das für den Volkstrauertag geplant, doch hatte Brunkhorst die Kranzniederlegung abgesagt. „Die Vereine und interessierte Bürger sollen aber dabei sein“, findet er, also wird das noch etwas dauern. Aus persönlicher Sicht fügt er an: „Das Gedenken und daraus lernen sind wichtig, wie weit das unsere Gesellschaft zurzeit macht, möchte ich aber infrage stellen.“ Nicht ohne Grund sagt Promann daher, dass es noch genug zu tun gibt. Und es sind nicht nur Kinder. So liegt in Helvesiek auch ein unbekannter Soldat, der von einer Bombe getroffen wurde. Promann: „Häufig wird gesagt, das war alles woanders, weit weg. Aber fast in jedem Ort gibt es Zeugnisse davon.“

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